Strafprozess

In den Fängen der Rocker

Der 25-jährige Rocker Erman M. soll eine 18-Jährige in die Prostitution gedrängt haben. Jetzt sitzt er vor Gericht

Erman M. sieht nicht aus wie ein Rocker. Tätowierungen sind nicht zu erkennen. Das Haar ist brav gekämmt. Dem 25-Jährigen werden von der Staatsanwaltschaft Zuhälterei, Vergewaltigung, Körperverletzung, Menschenhandel zum Zwecke der sexuellen Ausbeutung, Bedrohung und Erpressung vorgeworfen. Es geht um eine vermeintliche Liebesgeschichte in diesem Prozess, die für das Opfer offenkundig zum Horrortrip wurde.

Erman M. soll Mitglied der berüchtigten Rockergruppierung Hells Angels sein – und gleichzeitig ein sogenannter Loverboy. Und als solcher soll er im Dezember 2013 begonnen haben, in Frankfurt am Main die damals 18-jährige Zehra B. (Name geändert) zu umgarnen. Sie kommt aus einem konservativen türkischen Elternhaus. Auch Erman M. ist türkischstämmig. Der ehemalige Leistungssportler ist groß, schlank und – aus Sicht von Prozessbeobachterinnen – ein gut aussehender Typ. Zehra B. soll sich sehr schnell in ihn verliebt haben. Sie hatte mit ihm auch ihre ersten sexuellen Kontakte. Es heißt, er habe ihr Liebe und eine dauerhafte Beziehung vorgegaukelt.

Erman M. soll 18-Jährige abhängig gemacht haben

Doch dann soll es ganz anders gekommen sein: Erman M. soll dem Mädchen schon nach kurzer Zeit gesagt haben, dass ihre Beziehung nur Bestand haben könne, wenn sie für ihn "anschaffen gehe" – sich also prostituiere.

"Dem Angeschuldigten war dabei bewusst, dass die Zeugin sehr jung, naiv und vor allem aufgrund ihrer kulturellen und familiären Prägung durch die erfolgte Entjungferung emotional von ihm abhängig war", heißt es in dem von Staatsanwältin Leonie von Braun verlesenen Anklagesatz. Erman M. soll dem Mädchen auch schon "nach dem zweiten gemeinsamen Geschlechtsverkehr die Arbeit und Praktiken einer Prostituierten" erläutert haben. Das soll bis hin zu den Anweisungen gegangen sein, dass sie sich "Reizwäsche und Gleitgel" kaufe.

Erste Station war den Ermittlungen zufolge ein Eroscenter in Saarbrücken, wo der aus Sachsen stammende Mitangeklagte Marek S. arbeitete. Der 43-Jährige war bei den Hells Angels ein sogenannter Hangaround (aktiver Kandidat). Zehra B. soll fortan unter seiner Kontrolle gestanden haben. Aber Hauptakteur soll weiterhin Erman M. gewesen sein.

Im Anklagesatz steht, er habe dem sich sträubenden und widersetzenden Mädchen Wodka und Kokain gegeben, "damit ihr die Arbeit als Prostituierte leichter fallen würde". Und er soll Zehra auch nicht geholfen und sie weiter gedrängt haben, als es ihr nach dem ersten Kontakt mit einem Freier sehr schlecht gegangen sei.

Zehra B., das wird sie dem Gericht sehr genau begründen müssen, soll zwar auch weiterhin Widerstand geleistet haben und zwischendurch sogar zweimal zurück zu ihren vermutlich ahnungslosen Eltern nach Frankfurt am Main gefahren sein. Andererseits soll sie Erman M. aber sogar noch mehrfach besucht haben, als er wegen eines anderen }Strafverfahrens in die Türkei geflohen war. Und sie hatte sich offenkundig immer wieder drängen und überreden lassen, trotz großen Ekels ihren Körper in Bordells zu verkaufen.

Der Angeklagte "machte ihr deutlich, dass er sie verlassen werde, wenn sie sich weigert", steht als Begründung im Anklagesatz. "Zudem stellte er ihr erneut eine gemeinsame Zukunft in Aussicht, wenn sie genügend Geld verdiene." Auch von Schlägen ist die Rede, üblen Beschimpfungen und von Drohungen, alles ihren Eltern zu erzählen und ihnen ein heimlich gedrehtes Sexvideo von ihr zukommen zu lassen. Erman M. soll sie auch gezwungen haben, sich einen Schriftzug auf ihr Schlüsselbein tätowieren zu lassen: "Property of Erman" (Eigentum von Erman); das soll üblich sein, wenn Frauen sich für Rocker prostituieren.

Zehra B. machte also weiter: In dem Eroscenter in Saarbrücken, in einem FKK-Club in Brüggen (Nordrhein-Westfalen) und am Ende in einem Großbordell in Halensee. Den Großteil ihrer Einnahmen soll sie an Erman M. überwiesen haben – wöchentlich bis zu 3000 Euro.

Ende 2014 soll Zehra B. erneut versucht haben, auszubrechen. Sie soll Ausreden erfunden haben, warum sie nicht mehr in Berlin arbeiten könne. Worauf ihr Erman M. vorgeschlagen habe, dass er sie auch in einem Bordell in Düsseldorf unterbringen könne. Und wieder soll er ihr massiv gedroht haben. Am 19. Februar 2015 stellte Zehra B. Strafanzeige bei der Polizei. Erman M. wurde am 8. Januar 2016 auf dem Flughafen Düsseldorf festgenommen und befindet sich seitdem in Untersuchungshaft.

Im aktuellen Verfahren wird ihm auch noch vorgeworfen, eine Videoaufnahme verbreitet zu haben, bei der mit einer Pistole auf Fotos geschossen wird: auf einem ist ein Berliner Oberstaatsanwalt zu erkennen, auf dem anderen ein Aussteiger der Hells Angels.

Verteidiger spricht von "Aussage gegen Aussage"

Anwalt Friedhelm Enners, der Erman M. vor Gericht verteidigt, spricht in Sachen Prostitution von einer "Aussage-gegen-Aussage-Situation". Zehra B. beschuldige seinen Mandanten. Dieser wiederum schweige vor Gericht, was einem Bestreiten gleichkomme. Enners Erklärungen ist aber auch zu entnehmen, dass die Geschichte der Beziehung zwischen seinem Mandanten und Zehra B. kaum geleugnet werden kann. Es gibt Beweise, die gegen Erman M. vermutlich in einem anderen Verfahren gesammelt wurden. Der schon erwähnte Aussteiger bei den Hells Angels – Kronzeuge in einem anderen Berliner Rockerprozess – soll Erman M. stark belastet haben: Er sei an zwei Sprengstoffanschlägen gegen die Rockergruppierung Bandidos beteiligt gewesen, heißt es. Es gibt dicke Ordner mit Telefonüberwachungsprotokollen. Darunter offenkundig auch verräterische Gespräche zwischen Erman M. und Zehra B. Sie selbst hat der Polizei belastende Aufnahmen übergeben, die sie auf ihrem Handy speicherte.

Ob das für den Nachweis von Vergewaltigung und Körperverletzung reicht, bleibt abzuwarten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit aber dafür, dass Erman M. das Mädchen massiv bedroht und in die Prostitution gedrängt hat. "Entschlussweckung" nennt es Staatsanwältin Leonie von Braun. Auch das sei strafbar, wenn es Menschen wie die damals erst 18-jährigen Zehra B. betreffe, weil sie "als Heranwachsende besonders schutzwürdig" seien.

Zehra B. lebt jetzt in einem Zeugenschutzprogramm. Sie wird Erman M. hoffentlich nur noch einmal im Leben begegnen müssen – wenn sie im Gericht als Zeugin erscheint. Der Prozess wird am 20. Oktober fortgesetzt.

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