Prostitution in Berlin

"Chef der Bülowstraße" wegen Schutzgelderpressung angeklagt

Drei Männer sollen von Zuhältern und Prostituierten Schutzgeld eingetrieben haben. Jetzt stehen sie vor Gericht.

Mohamad A. soll Prostituierte und Zuhälter bedroht und erpresst haben

Mohamad A. soll Prostituierte und Zuhälter bedroht und erpresst haben

Mohamad A. ist fast zwei Meter groß und durchaus nicht schmächtig. Es ist also durchaus nachvollziehbar, dass er Furcht und Schrecken auslösen kann, wenn er sich vor einem Gesprächs­partner aufbaut und Forderungen stellt.

Ob der 46-Jährige das getan hat, überprüft seit Donnerstag eine Moabiter Strafkammer. Mohamad A. und drei weitere Angeklagte müssen sich wegen gewerbsmäßiger und bandenmäßiger Erpressung verantworten. Laut Anklage sollen sie seit dem Herbst 2014 in Schöneberg im Umfeld der Bülowstraße von Prostituierten und Zuhältern sogenannte "Standgelder" gefordert haben.

Das Standgeld – für jede Prostituierte jeweils 120 Euro – musste den Ermittlungen zufolge jede Woche im Café Bülow abgegeben werden. Der Angeklagte Alexandru B. war dort als Thekenkraft beschäftigt und soll die Gelder in Empfang genommen sowie eine Liste der Zahlungspflichtigen geführt haben. Der 24-Jährige war nach Meinung der Ermittler aber eher das kleines Rädchen im Getriebe. Ganz anders wird die Rolle des gelernten Hotelmanagers Mohamad A. eingeschätzt. Er gilt als "Chef der Bülowstraße". Der 36-jährige Mohamad J. (genannt "kleiner Momo") und der 42-jährige Mirza P. ("Mustafa") sollen seine direkten Helfer gewesen sein.

Bei Widerspruch drohten Schläge und Vertreibung

Sie sollen einen Großteil der Gelder eingetrieben und bei Widerspruch Repressalien angekündigt haben: Es kämen Männer, die sie verprügeln. Auch mit der Vertreibung vom Straßenstrich soll gedroht worden sein. Wurde dennoch nicht gezahlt, sollen die Angeklagten gleich eine ganze Gruppe von Männern geschickt haben, die dann die Frauen verscheuchten. Ermittler sprechen in diesem Zusammenhang von einer "milieuspezifischen Drohkulisse".

Oft soll dann auch tatsächlich gezahlt worden sein. In der Anklage wurden 120.000 Euro aufgelistet. Das ist nach Meinung von Ermittlern aber nur die Spitze des Eisberges. Vieles habe nicht nachgewiesen werden können, weil sich keine Zeugen fanden und Auswertungen von Telefonüberwachungen nicht immer schlüssiges Beweismaterial geliefert hätten.

Die vier Angeklagten haben zu Prozessbeginn angekündigt, zunächst nicht aussagen zu wollen. Als einer der Gründe dafür wurde genannt, dass sie bisher nicht die Gelegenheit hatten, Mitschnitte von Telefonüberwachungen anzuhören. Die Vorsitzende Richterin sprach von technischen Problemen. Es sei erst nach geraumer Zeit gelungen, Technik bereitzustellen, mit deren Hilfe die Angeklagten in der Untersuchungshaft die Mitschnitte anhören können.

Viele Prostituierte in dem Viertel sind minderjährig und HIV-positiv

Dieses Problem hat sich inzwischen aber erledigt. Die Angeklagten wurden am Dienstag auf Weisung des Kammergerichts aus der Untersuchungshaft entlassen und können sich nun in den Kanzleien ihrer Verteidiger die Mitschnitte anhören. Sollten sie noch vor Beginn der Beweisaufnahme umfassende Geständnisse ablegen, hat ihnen die Staatsanwaltschaft im Gegenzug Strafanträge von maximal drei Jahren angekündigt. Am ersten Prozesstag war bei ersten Erklärungen von Mohamad A. jedoch deutlich herauszuhören, dass er die Vorwürfe vehement bestreiten wird.

Das Rotlichtviertel zwischen Potsdamer Straße, Bülowstraße und Schöneberger Ufer ist berüchtigt. Bis zu 400 Prostituierte stehen hier täglich am Straßenrand und warten auf Freier. Oft werden Passanten auch ganz direkt angesprochen. Der Bereich gilt als Schwerpunktgebiet für Kriminalität. Die meisten Prostituierten kommen aus Osteuropa. Viele sind minderjährig. Nicht selten wurden sie von Menschenhändlern gebracht. Sie sind gewalttätigen Übergriffen ihrer Zuhälter ausgesetzt und bekommen nur einen Bruchteil des Freierlohns. Viele sind HIV-positiv.

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