Berliner Bürokratie

Tempelhof und das Rätsel um die "Blumenhalle"

Seit Monaten zieht sich die Eröffnung der „Blumenhalle“ auf am ehemaligen Flughafen Tempelhof hin. Ein Beispiel Berliner Bürokratie.

Jungfräulich weiß steht die ursprünglich als Blumenhalle gedachte Zeltkonstruktion auf dem ehemaligen Vorfeld des Flughafens Tempelhof.

Jungfräulich weiß steht die ursprünglich als Blumenhalle gedachte Zeltkonstruktion auf dem ehemaligen Vorfeld des Flughafens Tempelhof.

Foto: Ricarda Spiegel

"Ich sehe sie jeden Tag und frage mich, was damit passieren soll." Bei dem Rätsel, von dem Michael Elias, Geschäftsführer der Tamaja GmbH, spricht, handelt es sich um eine weiße Leichtbauhalle auf dem ehemaligen Vorfeld des Flughafens Tempelhof. Tamaja betreibt die Notunterkunft für Flüchtlinge in den Hangars. Der Leichtbau, der halb offiziell "Blumenhalle" genannt wird, soll ein Freizeitbereich für Kinder und Jugendliche werden, die in der Unterkunft leben. Doch die Eröffnung zieht sich bereits seit Monaten hin, und es wird wohl Dezember werden, bis die Halle endgültig so genutzt werden kann, wie es ein Konzept der Senatsjugendverwaltung vorsieht. So lange dient sie als Beispiel, wie kompliziert und langwierig Vorgänge in der Berliner Verwaltung sein können.

An der Verantwortung für die Blumenhalle sind etliche Akteure beteiligt – die Senatsverwaltungen für Soziales und für Jugend, die landeseigene Tempelhof Projekt GmbH und damit auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, in deren Auftrag die GmbH arbeitet. Bei der Bauabnahme und dem Brandschutz ist auch noch der Bezirk Tempelhof-Schöneberg involviert. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten machen Abstimmungen nicht gerade leicht.

Auch die Historie der Halle und ihr Weg auf den ehemaligen Flughafen spielen eine Rolle. Im vergangenen Spätherbst, als die Zahl der in Berlin ankommenden Flüchtlinge auf bis zu 1000 pro Tag anstieg, suchte der Senat mit Hochdruck nach Möglichkeiten, Asylbewerber schnell unterzubringen. Damals fiel der Blick der Stadtentwicklungsverwaltung auf die "Blumenhalle", die die landeseigene Grün Berlin GmbH für die 2017 in Marzahn stattfindende Internationale Gartenschau (IGA) gekauft hatte. In der Konstruktion aus einem Holzgestell und einer wetterfesten Hülle sollten 700 Flüchtlinge ein Quartier erhalten. Der Einzug war für Februar 2016 geplant, zum Jahresende sollte die Halle dann auf das IGA-Gelände nach Marzahn verlegt werden.

Halle ist nicht als Wohnstätte für Asylbewerber geeignet

Schnell wurde auch entschieden, die Halle am Flughafen Tempelhof aufzustellen. Sie spielte eine große Rolle beim umstrittenen Plan des Senats, das Tempelhof-Gesetz zu ändern, um dort temporäre Bauten für Flüchtlinge errichten zu können. Wie groß diese Rolle ist, wird in der Regierungskoalition höchst unterschiedlich interpretiert.

Die Halle sei "nur ein Baustein" gewesen, keineswegs der "Türöffner" für die Gesetzesänderung, sagte Martin Pallgen, Sprecher von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD), der Berliner Morgenpost. Die Eile, mit der das Tempelhof-Gesetz im Januar dieses Jahres geändert wurde, sei im Wesentlichen an der Aufstellung dieser Halle festgemacht worden, betonte hingegen Stefan Evers, Vize-Fraktionschef der CDU im Abgeordnetenhaus. Inzwischen habe er den Eindruck, dass sie nicht wirklich dringend gebraucht werde. Recht bald stellte der Landesweite Koordinierungsstab für das Flüchtlingsmanagement (LKF) heraus, dass die Blumenhalle aufgrund ihrer Konstruktion gar nicht als Wohnstätte für Asylbewerber geeignet ist. Ihre Aufstellung in Tempelhof wurde jedoch nicht gestoppt, vielmehr wurde beschlossen, dort einen Freizeitbereich für junge Geflüchtete unterzubringen. Die Senatsjugendverwaltung erarbeitete dafür ein Konzept. Es habe Mitte Februar vorgelegen, erklärte Verwaltungssprecher Ilja Koschembar. Es dauerte aber bis Ende März, bis es mit den anderen beteiligten Verwaltungen abgestimmt und im Senat beschlossen wurde. Um das Konzept umsetzen zu können, muss die Halle eingerichtet werden. Dafür sind aber zunächst ein Bauantrag und seine Genehmigung notwendig. Damit der Hallenrohling bis zum Beginn des Innenausbaus nicht einfach nur so dasteht, wurde eine Zwischennutzung beschlossen.

Doch diese Zwischennutzung hat noch nicht begonnen, denn die Bauabnahme der Blumenhalle steht immer noch aus. Eigentlich war sie für Ende März, Anfang April vorgesehen, aber es fehlte der Brand- und Blitzschutz. Den hat Tempelhof Projekt inzwischen beauftragt, er solle innerhalb der nächsten drei Wochen installiert und behördlich abgenommen sein, wie Sprecherin Constanze Döll mitteilte. Allerdings sollen die Kinder und Jugendlichen schon früher die Halle entern dürfen. Sofort nach der Bauabnahme, die für diese Woche avisiert ist, solle der Betrieb losgehen. Für die Sicherheit sorgen dann Brandwachen, so Döll.

Freizeitbereich muss nun noch geplant und genehmigt werden

Die Tempelhof Projekt GmbH sucht derzeit als Bauherr per Ausschreibung ein Planungsbüro, das das langfristige Nutzungskonzept im Detail umsetzt und den Bauantrag erarbeitet. Den muss die Stadtentwicklungsverwaltung als oberste Bauaufsicht genehmigen. Dafür ist dann auch ein weiteres Brandschutzkonzept notwendig. Für die Umbauarbeiten rechnet die Jugendverwaltung mit mindestens drei Monaten. Constanze Döll erwartet die Schlussabnahme im Dezember. Anschließend liege die "Betreiberverantwortung" nach Auskunft der Jugendverwaltung bei der Sozialverwaltung.

Inzwischen wurde zudem beschlossen, die Halle nicht wieder an die Grün Berlin GmbH zurückzugeben, die Senatssozialverwaltung hat sie für knapp zwei Millionen Euro gekauft. Aus dem Etat von Sozialsenator Mario Czaja (CDU) stammen auch die 650.000 Euro für die Einrichtung. Die Kosten für die Zwischennutzung, 250.000 Euro, steuert hingegen das Haus von Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) bei. CDU-Politiker Stefan Evers zeigte sich über den Kauf der Halle "hochgradig irritiert". Das werde der Senat erklären müssen, sagte er der Morgenpost.

Und was ist nun, jenseits allen Hickhacks, inhaltlich geplant? Voraussichtlich vier erfahrene Jugendhilfeträger würden die Angebote realisieren, erklärte die Jugendverwaltung. Geplant seien Sport, künstlerische und handwerkliche Betätigungen sowie Zirkusarbeit. In der Zeit der Zwischennutzung solle Tamaja die Angebote koordinieren. Nach den Einrichtungsarbeiten soll die dreischiffige Halle multifunktional genutzt werden, sowohl für Gruppen- und Projektarbeit wie auch für Veranstaltungen und Feste. Sport- und Bewegungsangebote spielen weiter eine große Rolle, ebenso kulturelle Angebote wie Tanz und Theater. Außerdem sind Räume für Gespräche und Beratung sowie Ruhezonen und ein Garten vorgesehen.

Tamaja-Chef Elias lässt keinen Zweifel daran, dass die in der Halle vorgesehene vorübergehende Nutzung wichtig ist und Sinn macht. Es gebe insbesondere für 12- bis 16-Jährige, die in den Hangars leben, dort kaum Bewegungsflächen und nur wenige Freizeitangebote, sagte Elias. Die Kinder seien über die Initiative "Save the children" besser versorgt. Elias bewertete auch das langfristige Konzept der Planer nach dem Umbau positiv. Mit der Mischung könne man "nicht viel falsch machen", so Elias.

Michael Müller sagte am Freitag auf dem Wahlprogramm-Parteitag seiner Berliner SPD zum Thema Regierungshandeln: "Wir machen es gut. Wir müssen aber auch besser werden in der Umsetzung und in der Geschwindigkeit." Er wird dabei wahrscheinlich nicht an die Blumenhalle in seinem Heimatbezirk gedacht haben. Aber passen würde es schon.

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.