Schulen in Berlin

Wie einer Problemschule in Wedding die Wende gelang

Die Gustav-Falke-Grundschule in Wedding galt als Problemfall. Ein Schulversuch mit naturwissenschaftlichem Unterricht hat das geändert.

 Schulleiterin Sabine Gryczke konnte bildungsbewusste Eltern von ihrem Konzept überzeugen und so die Schließung ihrer Schule abwenden

Schulleiterin Sabine Gryczke konnte bildungsbewusste Eltern von ihrem Konzept überzeugen und so die Schließung ihrer Schule abwenden

Foto: Reto Klar

Die Gustav-Falke-Grundschule ist nur einen Steinwurf entfernt von den neuen schicken Townhäusern, die auf dem ehemaligen Grenzstreifen an der Bernauer Straße in Mitte stehen. Und trotzdem verirren sich nur selten Eltern mit ihren Kindern hierher. Noch immer ist die Bernauer Straße eine imaginäre Grenze. Die Barriere wird heute durch die Höhe der Mieten gezogen. Seit Jahren kämpfen die Grundschulen auf der Weddinger Seite um die Kinder aus Alt-Mitte. Doch bisher mit mäßigem Erfolg.

Nur der Gustav-Falke-Grundschule in Wedding ist es in den vergangenen sechs Jahren gelungen, die Durchmischung der Schülerschaft deutlich zu verbessern. Dabei wurde der Schulversuch zunächst mit viel Argwohn betrachtet. Auf Druck einer Elterninitiative hatte die Schule eine Klasse eingerichtet, in der die Kinder garantiert gut Deutsch sprechen. Dazu wurden zuvor alle Kindern einem Deutschtest unterzogen. Die Schüler mit guten Deutschkenntnissen erhalten an der Gustav-Falke-Schule eine besondere Förderung durch zusätzlichen natur­wissenschaftlichen Unterricht ab der ersten Klasse. Normalerweise fängt der naturwissenschaftliche Unterricht erst ab der fünften Klasse an. Deshalb werden die Gruppen auch Nawi-Klassen genannt.

Die Zahl der Kinder mit deutschsprachiger Herkunft steigt wieder

"Der Versuch hat der Schule einen großen Schub gegeben", sagt Schulleiterin Sabine Gryczke. Vor sechs Jahren habe die Grundschule kurz vor ihrer Schließung gestanden. Bildungsbewusste Eltern hätten in Scharen ihre Kinder von der Schule genommen. Nun ist die Zahl der Schüler wieder von 340 auf 460 gestiegen. Die Anteil der Kinder nicht deutscher Herkunftssprache ist von 95 auf 77 Prozent gesunken.

Doch viel wichtiger sei, dass es eine regelrechte Aufbruchstimmung im Kollegium gebe. Die Mutlosigkeit sei einer fröhlichen Kreativität gewichen. Probleme engagierte Fachkräfte zu finden, hat die Schule im Gegensatz zu anderen Brennpunktschulen nicht mehr. Fachkräfte mit den naturwissenschaftlichen Mangelfächern würden sich gerade für das außergewöhnliche Projekt interessieren. Dieses besondere Klima komme nicht nur den Nawi-Klassen zugute. Dadurch sei auch die anfängliche Skepsis unter den Eltern gewichen, die ihre Kinder in den normalen Klassen haben, sagt die Schulleiterin.

Das Konzept der Spezialklassen wird auf die ganze Schule erweitert

Alle Schüler haben die Möglichkeit, im Rahmen des gebundenen Ganztags eine Nawi-AG zu besuchen und ab der ersten Klasse Englisch zu lernen. In übergreifenden Projekten lernen die Nawi-Klassen mit den anderen Klassen gemeinsam. Mit den ersten Erfolgen sei auch die Bereitschaft der Eltern gestiegen, sich an der Schule zu engagieren. Und so hat sich das Konzept der Spezialklassen in den vergangenen Jahren immer mehr zu einem Projekt entwickelt, das die gesamte Schule erfasst.

Malalay breitet Muttererde in einem Hochbeet auf dem Schulhof aus. Lavendel und Sommerflieder sollen hier wachsen, erklärt sie "Die Blumen sind wichtig für die Bienen", sagt die Schülerin. Die fünfte Klasse setzt gemeinsam mit der Lehrerin ein Klimaprojekt um. Wenige Meter entfernt haben die Kinder auf dem Schulhof schon ein Bienenhotel aufgebaut.

Noch gibt es keine Entscheidung zur Fortsetzung des Versuchs

Auch Malalay hatte mit ihrer Einschulung in einer Nawi-Klasse angefangen zu lernen. Die Schule ist drei U-Bahnstationen von ihrem Zuhause entfernt. "Meine Mutter wollte gern, dass ich in eine Nawi-Klasse komme", sagt sie. An dem Klimaprojekt gefalle ihr vor allem, dass alle Schüler zusammen an einer gemeinsamen Sache bauen. Schon 32.000 Euro an Preisgeldern hat die Schule für ihre verschiedenen Klimaprojekte erhalten und wieder verbaut.

Elternvertreterin Dagmar Omondi ist froh, dass sie sich vor sechs Jahren entschieden hatte, ihren älteren Sohn an der Gustav-Falke-Schule anzumelden. "Ohne die Nawi-Klasse hätte ich diesen Schritt wohl nicht gewagt", sagt sie. Die Schule möchte gern das naturwissenschaftliche Profil auf alle Klassen ausweiten. Damit würden sie Neuland betreten. Denn ein naturwissenschaftliches Profil ist bisher vor allem an Gymnasien und Sekundarschulen üblich. Grundschulen dagegen spezialisieren sich eher auf Themen wie Theater, Sport oder Musik.

"Vor allem bildungsbewusste Migranteneltern fühlen sich eher von den Naturwissenschaften angesprochen. Viele haben selbst die Erfahrung gemacht, dass sie beruflich in den Ingenieursbereichen gute Chancen haben", sagt die Elternverstreterin Omondi. Über eine Fortführung des Schulversuchs hat die Senatsbildungsverwaltung noch nicht entschieden.

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