Neues Buch

Wie das SO36 zum Kreativlabor der Subkultur wurde

Die bewegte Geschichte des Kreuzberger Kult-Klubs SO36 ist jetzt in einem mehr als 460 Seiten dicken Erinnerungsbuch nachzulesen.

Nahkampf vor der Bühne: Die amerikanische Hardcore-Punk-Band Sick Of It All gab 1992 ihr erstes Deutschlandkonzert im SO36 an der Oranienstraße

Nahkampf vor der Bühne: Die amerikanische Hardcore-Punk-Band Sick Of It All gab 1992 ihr erstes Deutschlandkonzert im SO36 an der Oranienstraße

Foto: Gero Langisch

Am Anfang war der Punk. Phonstarke Wut, verpackt in grelle Töne. Exzesse vor aufgedrehten Verstärkern. Der Kreuzberger Club SO36 war in den wilden West-Berliner Spätsiebzigern ein Bollwerk gegen jeden gleichmacherischen Mainstream, war aufmüpfig, linksradikal, anarchisch und auf kreative Weise revolutionär. Ein Biotop für Ausgefallenes, Ausgestoßenes, Gefährliches.

Anfang der 80er-Jahre gab es hier tagsüber türkische Hochzeiten, abends regierte weiterhin der Punk. Seit 1990 leitet das Kollektiv Sub Opus 36 e.V. das SO36 als eine Art multikulturelles Kulturzentrum, in dem Technopartys und schwule Tanznachmittage ebenso ihren Platz haben wie Bingoabende oder Rollschuhdiscos. Und in dem weiterhin Punk- und Hardcore-Konzerte die Tradition am Leben erhalten.

Mitarbeiter und Zeitzeugen erinnern sich an wilde Jahre

Nun hat das engagierte Kollektiv die bewegte Geschichte dieses Weltsubkulturerbes in einem mehr als 460 Seiten dicken Erinnerungsbuch für die Nachwelt gesammelt und aufgeschrieben. "SO36 – 1978 bis heute", das an diesem Freitag in die Läden kommt, ist ein imposantes Fotoalbum, das durch seine zahlreichen Textbeiträge von Mitarbeitern und Zeitzeugen mehr ist als nur ein neuerliches nostalgisches Coffeetable-Book.

Eigentlich sollte es schon vor eineinhalb Jahren zum 36. Jubiläum des SO36 erscheinen. Es hat ein bisschen gedauert. "Die Idee zu dem Buch hatten wir schon lange", sagt Lisa Unger, Veranstaltungsmanagerin des SO36. "Zum Jubiläum dachten wir, das wäre doch der richtige Anlass. Aber wir haben ja noch nie ein Buch gemacht. Wir wussten gar nicht, wie viel Arbeit da auf uns zukommt. Und wie teuer so was eigentlich ist." Also gab es für das 36er-Fest im August 2014 erst einmal eine Ausstellung in der gleich nebenan liegenden Galerie Knoth und Krüger mit Erinnerungsstücken, Fotos, Filmen, Videos und Musik aus allen Epochen.

Knapp 26.000 Euro über Crowdfunding

Um das Buch finanzieren zu können, haben die SO36-Macher ein Crowdfunding gestartet. "Das lief sehr gut", so Lisa Unger. "Wir haben knapp 26.000 Euro zusammen bekommen. Das Tolle war, dass in der Ausstellung ganz viele Leute vorbei gekommen sind, die sich die Bilder angeguckt haben und wieder gegangen sind. Eine Stunde später kamen sie mit einer Plastiktüte zurück und haben ihre gesammelten Schätze vorbei gebracht. Ohne die Resonanz der SO36-Gänger und -Freunde wäre das Buch nicht zustande gekommen."

Als sich am 11. August 1978 erstmals das Scherengitter am Eingang öffnete, spielten beim "Mauerfestival" Bands wie The Wall, Mittagspause, Male, S.Y.P.H., DIN A Testbild oder die Stukka Pilots. Später machte der Maler Martin Kippenberger den Laden zu einem Kunst- und Erlebnisraum. In den 80er-Jahren holten die Veranstalter Michael Schäumer und Michael Vogt Bands wie The Cure, The Fall, New Order, Bauhaus oder die Dead Kennedys. Fehlfarben traten auf, die Einstürzenden Neubauten und immer wieder das notorische Mekanik Destrüktiw Komandöh MDK. Später machte sich das SO36 für Queers und Transgenders stark, organisierte Gay- und Lesbenpartys.

Wenn das Geld knapp wurde, halfen Musiker aus

In konsequenter Chronologie zeichnet das Buch die vielfältigen Wege des SO36 bis ins Heute nach. "Der Aufbau über die Jahrzehnte hat sich angeboten", sagt Autor und SO36-Mitarbeiter Robin Jahnke. "Es haben sich ja immer ganz viele verschiedene Leute im ,Esso' versammelt, es gab immer unterschiedliche Strömungen. Da waren die Punks und die Künstler. Dann gab es die Politphase und in den 90er-Jahren die Queer-Szene und die Hardcore-Punk-Konzerte. So kam die Einteilung in die verschiedenen Epochen ganz automatisch."

Immer wieder hatte das SO36 Probleme, mit Anwohnern, mit Behörden, mit drohender Pleite. Doch immer wieder sprangen dem Haus verbundene Musiker in die Bresche. Wie die Berliner Band Die Ärzte, die schon früh und oft im SO36 auftrat. Sie spielten damals mehrfach unter dem Motto "Eine Stunde mit Die Ärzte – Drei Konzerte an einem Abend". Dabei wurde das Publikum nach einer Stunde rausgeschmissen – und musste neu Eintritt zahlen.

Henry Rollins erinnert sich an frühen Auftritt

"Es hat wahnsinnig lang gedauert, bis wir Fotos von den Ärzten hier auf der Bühne auftreiben konnten", sagt Lisa Unger. "Wir hatten zwar die alten Eintrittskarten, aber bis wir dann Fotos von den Ärzten gefunden haben, das hat gedauert. Die haben so oft hier gespielt, aber sie haben es irgendwie geschafft, dass das ein großes öffentliches Geheimnis geblieben ist." Später halfen die Toten Hosen aus, als 2009 nach Lärmbeschwerden von Anwohnern eine Schallschutzmauer her musste.

Dieses Buch ist eine Zeitreise durch die Subkultur Berlins, pompös, punkig, politisch. Mit Gastbeiträgen von Weggefährten wie Wolfgang Müller von Die Tödliche Doris, Bettina Köster von Malaria oder Volker Hauptvogel von MDK. Und auch Henry Rollins, der muskelbepackte kalifornische Punk-Poet und Sänger von Black Flag, erinnert sich an einen frühen Auftritt im SO36: "Schon beim dritten Stück unseres Sets traf mich eine ungeöffnete Bierdose genau an der Stirn. Guter Wurf! Ich hab mir einen Mikrofonständer geschnappt, den Typen aufgefordert, nach vorn zu kommen, um ihn umgehend zu erschlagen. Er rannte raus. Der Rest des Gigs bestand aus reichlich Schweiß und Rauch."

"SO36 – 1978 bis heute", Ventil Verlag, Herausgeber: Sub Opus 36 e.V., Hardcover, 462 Seiten, mit DVD Beilage, 36 Euro

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