Theater

Ein Museum für die Theaterkunst

Die Berliner Sammlungen sind seit 70 Jahren verstreut. Die leer stehende „Russenoper“ in Karlshorst könnte ein Standort sein.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Im Stadtbild sind sie nicht zu übersehen: Plakate, die die Berliner auffordern, ihre wenigen Denkmäler zu schützen. Es geht um das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm, beide Bühnen sind von Abriss bedroht, weil ein neuer Investor das Kudamm-Karre umbauen will. Etwas im Schatten dieser Debatte steht das denkmalgeschützte Theater in Karlshorst. Das im Volksmund "Russenoper" genannte Haus war der erste Theaterneubau nach 1945 in Deutschland, errichtet im Stil des stalinistischen Neoklassizismus. Bis zum Abzug der russischen Truppen in den 90er-Jahren wurde das Haus bespielt, danach nur noch sporadisch, seit vielen Jahren steht es leer. Der Linken-Politiker und frühere Wirtschaftssenator Harald Wolf befragt in diesem Monat die Anwohner per Flyer nach ihren Wünschen: "Was wird aus dem Theater in Karlshorst?" Bowlingbahn, Tanzsaal, Kino oder Theaterbühne stehen zur Auswahl.

Das Theatermuseum war einst im Schloss untergebracht

Für Klaus Wichmann (74) ist das keine Frage. Eine klassische Bespielung ist schwierig, unter anderem, weil die bezirkliche Musikschule Nebenräume nutzt, die für einen Spielbetrieb nötig wären. Deshalb schlägt der ehemalige technische Direktor der Staatsoper eine Wiedereröffnung als Theatermuseum vor. Das gibt es in Berlin seit über 70 Jahren nicht mehr, heute sind die Sammlungen zur Theatergeschichte verstreut, sie liegen im Depot der Stiftung Stadtmuseum, in der Akademie der Künste, im Landesarchiv und anderswo.

Eröffnet wurde das Theatermuseum am 21. Mai 1929, anfangs war es in der Bibliothek der Staatsoper untergebracht. Später zog das "Museum der Preußischen Staatstheater" ins Berliner Stadtschloss um, ausgestellt waren dort unter anderem Regiebücher von Iffland, "Räuber"-Kostüme und Modelle. Kriegsbedingt mussten die Sammlungen in den 40er-Jahren ausgelagert werden, sie wurden zerstreut.

"Weder Ost noch West haben nach dem Krieg ernsthaft an einer Wiedereinrichtung dieses Museums Interesse gezeigt", resümiert Ruth Freydank, die zur Geschichte des Berliner Theatermuseums geforscht und ein Buch veröffentlicht hat. Sie wird den Eröffnungsvortrag halten, denn um für das Museum zu werben, veranstaltet Wichmanns "Werkstatt für die Geschichte des Theaters" am 1. April ein ganztägiges Symposium.

Kosten von fünf bis sechs Millionen Euro

Bezirksbürgermeisterin Birgit Monteiro (SPD) unterstützt den Vorstoß für die Belebung des Theaters Karlshorst. Es "freut mich, dass mit dieser Initiative eine neue Richtung eingeschlagen wird, die sowohl dem Charakter des Hauses gerecht wird, als auch eine dauerhafte Perspektive eröffnet", schreibt die Bezirksbürgermeisterin in ihrem Grußwort zu der Veranstaltung und bietet die Unterstützung des Bezirksamtes bei der Einwerbung von Mitteln von Kulturstiftungen oder der Deutschen Klassenlotterie an.

Wichmann rechnet mit Kosten von fünf bis sechs Millionen Euro für das Museum. Er hofft, dass nicht nur das Land Berlin und der Hauptstadtkulturfonds einen finanziellen Beitrag leisten, sondern auch der Deutsche Bühnenverein, in dem die Theater organisiert sind, beziehungsweise die Theatertechnische Gesellschaft, in der zahlreiche Firmen Mitglied sind.

Ein Raumkonzept liegt vor

Eine "sinnliche Präsentation" schwebt Wichmann vor, der sein Berufsleben in verschiedenen Theatern wie der Schaubühne, dem Berliner Ensemble und der Staatsoper verbracht hat. Weil er ein besonderes Faible für Technik hat, soll im Bühnenhaus des Theaters Karlshorst die technische Entwicklung vom Barock bis in die heutige Zeit erlebbar gemacht werden, auf einer "Effektgalerie" könnten "Donner-, Blitz-, Bruch- und Einschlagsgeräte" aufgebaut werden. In den Gassen und am Portal sollen laut Raumkonzept Leuchtgeräte wie Talglicht, Öllicht und elektrische Leuchten präsentiert werden.

Den Zuschauerraum will Wichmann von derzeit gut 600 auf 200 Plätze reduzieren, um auf der dann freien Fläche die Geschichte von Kostümen und Maske zu zeigen. Im Rang kann er sich die Projektions-, Film- und Videotechnik vorstellen, die Foyers sollen Ausstellungen dienen. Wichmann hofft, dass beispielsweise die Einrichtungen, in denen Theatergeschichte gesammelt wird, dort im Wechsel einen Teil ihrer Exponate zeigen. Paul Spies, seit Februar dieses Jahres Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin, habe schon Interesse bekundet.

Howoge will das Gebäude nicht öffnen

Wichmann wirbt nicht nur in Berlin für seine "Werkstatt für die Geschichte des Theaters", sondern stellte seine Pläne kürzlich auch dem an der Kölner Uni angesiedelten Institut für Medienkultur und Theater vor. Dessen Direktor Professor Peter W. Marx bezeichnete Wichmanns Initiative für "außerordentlich begrüßenswert". "Zwar haben wir in der Bundesrepublik an verschiedenen Stellen gute und umfassende Sammlungen, jedoch können diese immer nur einen schmalen Ausschnitt, dem dazu noch das Wichtigste, nämlich der räumliche Eindruck, fehlt, bieten. Die von Ihnen vorgeschlagene Nutzung des Theaters Karlshorst würde hier eine wichtige Lücke schließen", schrieb Marx Mitte März.

Am liebsten hätte Wichmann das Symposion im Theater veranstaltet. Aber da spielte die Howoge nicht mit. Der städtischen Wohnungsbaugesellschaft gehört das denkmalgeschützte Theater, das bis 2009 teilsaniert wurde. Bühne und Saal sind noch renovierungsbedürftig. Wichmann kennt das Innere, er hat dort schon Führungen gemacht. Das Symposium findet jetzt gegenüber im Kulturhaus Karlshorst (Treskowallee 122, 10–17 Uhr) statt, mit Blick auf das schmucke Theatergebäude, das ein Wahlkampfthema werden könnte. Denn in diesem Wahlkreis tritt neben Harald Wolf auch Bausenator Andreas Geisel (SPD) an. Und der kennt das Problem des leer stehenden Theaters, war er doch vor seinem Wechsel Bezirksbürgermeister von Lichtenberg.

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