Flüchtlingsprojekt In Berlin werden syrische Flüchtlinge zum Museumsführer

Die syrisch-libanesische Kulturmanagerin Razan Nassredine führt eine Gruppe syrischer Flüchtlinge durch das Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseumin Mitte

Foto: Krauthoefer

Die syrisch-libanesische Kulturmanagerin Razan Nassredine führt eine Gruppe syrischer Flüchtlinge durch das Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseumin Mitte

In dem Berliner Projekt Multaka lassen sich vor allem Syrer zum Museumsguide ausbilden. Sie wollen Flüchtlingen ihr Kulturerbe zeigen.

Einem Felsen in der Brandung ähnlich steht Razan Nassreddine im Pergamonmuseum. Wenn sie nicht aufpasst, wird sie zur Seite gedrängelt. So sehr sind die Besucher von den Kunstschätzen im Museum für Islamische Kunst beeindruckt. Und die junge Frau muss ihre Gruppe beisammenhalten. Nicht einfach, denn auch deren Blicke sind auf die vielfältigen Exponate der Ausstellung gerichtet. Dann bleibt sie vor einem Wandrelief stehen, wartet, bis sich die Teilnehmergruppe versammelt hat und beginnt mit den Erklärungen in arabischer Sprache. Sie muss laut sprechen, denn der Geräuschpegel in den Ausstellungsräumen ist hoch. Sie erklärt, beantwortet Fragen, stellt Fragen. Immer im Einsatz sind auch ihre Hände. Gestenreich beschreibt sie und informiert.

Razan Nassreddine ist Museumsguide und Projektleiterin von "Multaka", was auf arabisch Treffpunkt bedeutet. Es gehe aber auch um den Austausch kultureller und historischer Erfahrungen. Das besondere daran ist, dass Flüchtlinge zu Museumsguides ausgebildet werden und ihre geflüchteten Landsleuten durch Museen führen. Ein Projekt von Flüchtlingen für Flüchtlinge, nennt es Razan Nassreddine.

"Unser Ziel ist es, arabischsprachigen Geflüchteten das Kulturerbe aus Syrien und dem Irak in den Berliner Museen zu zeigen", sagt sie. "Wir bieten Führungen im vorderasiatischen Museum und im Museum für Islamische Kunst im Pergamonmuseum und Führungen im Bode-Museum an. Die Deutsche Geschichte zeigen wir den Geflüchteten im Deutschen Historischen Museum." Mit großem Interesse, wie sie sagt. Die Geflüchteten, würden sehen, wie schlimm die Situation in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg war. Es gebe ihnen Hoffnung, wenn sie sehen, dass es das heute so starke Deutschland auch geschafft habe.

Ziel ist es, die Flüchtlinge ins Museum zu bekommen

Die Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und das Deutsche Historische Museum haben das Pilotprojekt im Herbst des vergangenen Jahres ins Leben gerufen. Damit wolle man Flüchtlinge bei der Integration in Deutschland unterstützen, heißt es. "Dabei steht der Austausch von Menschen mit ähnlichem Erfahrungshintergrund im Vordergrund", betont Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin.

"Als im vergangenen Sommer viele Geflüchtete aus Syrien und dem Irak nach Deutschland kamen, entstand die Idee", sagt die Projektleiterin. Ziel sei es, Jugendliche und Erwachsene ins Museum zu bekommen. "Wer neu in einer Stadt ist, hat neben den ganzen bürokratischen Verpflichtungen viel Zeit. Auf diesem Weg bekommen sie die Möglichkeit, das kulturelle Angebot in Berlin kennenzulernen."

Auf das Projekt sind viele durch Facebook aufmerksam geworden

Zu ihrer knapp 20-köpfigen Gruppe gehören an diesem Tag Familien mit Kindern, Studenten, Ingenieure, Fremdenführer und Archäologen. "Das ist ein wenig wie zu Hause", sagt Saleh Abo Ghaloun aus der syrischen Stadt Aleppo. Vor sechs Monaten kam der Student nach Berlin, seitdem lebt er in einem Hostel in Lichtenberg. Neben dem Deutschunterricht bietet ihm der Museumsbesuch auch eine willkommene Abwechslung vom Alltag im Hostel. "Ich möchte nicht nur die islamische Ausstellung besuchen, ich bin auch sehr an der deutschen Geschichte interessiert." Immer wieder zücken die Besucher ihre Smartphones, machen Fotos von der Gruppe vor den Exponaten oder machen Selfies. "Ich habe schon sehr viele Museen auf der ganzen Welt besucht", sagt Hiathih. "Für meinen Besuch in Berlin war das Pergamonmuseum fest eingeplant."

Von "Multaka" hatte er über das soziale Netzwerk Facebook erfahren. Der Archäologe ist vor zwei Jahren aus Syrien nach Holland geflohen und besuchte über Ostern seinen Cousin in Berlin. In Rotterdam arbeitet der Syrer ebenfalls für ein Museum. Es sind meistens Syrier und Iraker, die das Angebot von "Multaka" annehmen. "Manchmal haben wir 20 Gäste in einer Führung, oft melden sich bis zu 50 Personen an", sagt die syrisch-libanesische Kulturmanagerin. Tendenz steigend. Aufgrund der starken Nachfrage gebe es seit Februar zwei Führungen pro Woche, immer mittwochs und sonnabends. "Oft sind alle 16 Guides und ich in den vier Museen gleichzeitig mit Gästen unterwegs. Wir möchten gern noch mehr Touren anbieten und suchen neue Guides."

Die meisten Museumsführer kommen aus Syrien

Bis auf einen Iraker kommen alles Museumsführer aus Syrien. Es seien aber nicht nur Archäologen, sondern auch Architekten, Literaturwissenschaftler und Musiker. Sie verdienen den üblichen Satz von 40 Euro für eine einstündige Führung. Bislang werden die Führungen nur auf Arabisch angeboten, es gebe aber viele Anfragen für deutschsprachige Führungen, heißt es. "Wir planen in naher Zukunft einmal im Monat einen interkulturellen Workshop mit Deutschen und Syrern", sagt Nassreddine. "Dabei wird es auch eine Führung in beiden Sprachen geben."

Bachar Al Mohammad Alchahin hat sich zu der Gruppe von Nassreddine gesellt. Er ist ein Kollege von ihr und leitet Flüchtlinge durch das vorderasiatische Museum. Sein neuer Job erinnert ihn an seinen Beruf in Damaskus. "Mehr als 20 Jahre habe ich als Touristenguide in Damaskus gearbeitet", sagt er. Als der Krieg ausbrach, sei er über den Libanon geflohen. "Jetzt bin ich seit sechs Monaten in Berlin und begleite meine Landsleute durch das Museum."

Seit dem Start des Projektes im November 2015 ist Nassreddine als Projektleiterin dabei. "Wir bekommen jetzt auch schon Anfragen an Multaka von Museen aus anderen Städten wie beispielsweise aus Paris und Frankfurt."

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