TV-Dokumentation

Taschendiebe: Kinder zum Stehlen regelrecht "abgerichtet"

Mo, 21.03.2016, 20.43 Uhr
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Die Zahl der Taschendiebstähle in Berlin hat sich innerhalb von drei Jahren verdoppelt. Das liegt vor allem an großen reisenden Banden.

Sie sind jung, 16 oder 17 vielleicht, manche auch erst 14 – und doch schon echte Profis. Meist kommen sie zu zweit oder zu dritt. Einer sichert die Umgebung und hält nach unliebsamen Zeugen Ausschau. Dann schleicht sich der Haupttäter an – und zieht dem Opfer von hinten das Portemonnaie aus der Tasche. Nach ein paar Sekunden ist der Diebstahl gelaufen. Die Täter widmen sich dem nächsten Klau. Und die Opfer merken oft erst Stunden, manche sogar erst Tage später, dass sie bestohlen wurden.

Der Rundfunk Berlin Brandenburg (RBB) beschäftigt sich in einer neuen Fernsehdokumentation, die am heutigen Dienstag (22. März 2016) ausgestrahlt wird, mit dem Thema, das gelegentlich als ärgerliche Kleinkriminalität abgetan wird.

Doch in Berlin, wie in anderen europäischen Metropolen, hat der Griff in die fremde Handtasche oder den fremden Rucksack eine neue Dimension erreicht. Die Zahl der Taschendiebstähle hat sich in Berlin innerhalb von sechs Jahren mehr als verdreifacht. Allein im vergangenen Jahr wurden hier mehr als 40.000 Taschendiebstähle angezeigt. Hinzu kommen die vielen Vorfälle, die nie zur Anzeige gebracht wurden.

Noch vor einigen Jahren wurden Taschendiebstähle meist als Bagatelldelikt verbucht, begangen von Einzeltätern, die auf eigene Rechnung arbeiteten und nach ein, zwei Tagen wieder aus der Stadt verschwanden. Doch die Szene hat sich geändert. Die Täter kommen jetzt in größeren Gruppen in die Stadt, sie bleiben über einen längeren Zeitraum und stehlen im großen Stil. Ermittler sprechen längst von organisierter Kriminalität.

Die Spur führte die Ermittler nach Rumänien

Zu den ersten Beamten, die eine hierarchisch organisierte Gruppe im Hintergrund vermuteten, gehört Sven Lichtenberg von der Berliner Direktion der Bundespolizei. Im Sommer 2013 nahmen er und seine Kollegen gezielte Ermittlungen auf – und leisteten ganze Arbeit. Sie reisten durch halb Europa, nahmen 79 Taschendiebe fest und, wichtiger noch, sieben Hintermänner und -frauen. Im Sommer dieses Jahres soll den Beschuldigten der Prozess gemacht werden. Es wird das größte Verfahren werden, das in Europa jemals gegen organisierten Taschendiebstahl geführt worden ist. Die europäische Polizeibehörde Europol in Den Haag spricht sogar von einem "Pilotverfahren".

Einen Erfolg könnten Polizei und Justiz gut gebrauchen. Denn vor allem an den großen Umsteigebahnhöfen, am Alexanderplatz, am Ostkreuz, an den Bahnhöfen Zoo oder Friedrichstraße, sind Taschendiebstähle fast an der Tagesordnung. Der Schaden geht in die Millionen Euro. Die Aufklärungsquote liegt aktuell bei gerade mal vier Prozent.

Das RBB-Fernsehen hat den Weg der Ermittler nachgezeichnet. Eine der wichtigsten Stationen: die rumänische Stadt Iaşi. Hier, am südöstlichsten Ende der Europäischen Union, 20 Kilometer entfernt von der Grenze zu Moldawien, leben rund 300.000 Menschen. Einige von ihnen meinen zu wissen, wer hinter dem europaweit organisierten Taschendiebstahl steckt: ein Mann namens Comos T. In der organisierten Kriminalität ist er kein Unbekannter. Schon Ende der 90er-Jahre gehörte T. einer Bande an, die sogenannte "Klaukinder" aus seiner Heimat nach Berlin entführte und dort zum Stehlen zwang. Die Bande flog auf. Comos T. wurde schließlich aus Deutschland ausgewiesen, handelte dann mit Kokain und Zwangsprostituierten. Jetzt sitzt er in Spanien in Haft.

Großfamilie dominiert das gesellschaftliche Leben

Im rumänischen Fernsehen nennen sie Comos T. "Roma-Prinzen" – oder einfach nur "Gangsterboss". Seine Großfamilie dominiert das gesellschaftliche Leben der zahlreichen Roma in Iaşi. Die protzige Hochzeitsprozession seines Sohnes legte den innerstädtischen Verkehr lahm, Ferraris rollten über Kopfsteinpflaster, tausende von Gästen tanzten auf den Straßen zu den populären Manele-Sounds der Roma-Hip-Hopper.

Aus ihrer rumänischen Heimat, so die Vermutung der Ermittler, haben Patriarchen wie T. die Banden dirigiert, die den Einwohnern und Touristen in Berlin immer wieder in die Tasche langten. Von ihren Bossen sollen sie strenge Vorgaben erhalten haben. Das Mindestpensum, das ein Dieb pro Tag erwirtschaften müsse liege bei 300 Euro.

Das Verfahren, mit dem die Ermittler den Banden auf die Spur kamen, nannten sie "Scara Rulanta". Nicht ohne Grund. Denn auf "Rolltreppen", das bedeutet "Scara Rulanta", schlugen die Diebe besonders häufig zu. Zu begutachten ist das auf zahlreichen Überwachungsvideos. Ein Taschendieb aus Iaşi, der sich "Costel" nennt, der aber nicht von der Polizei in Berlin gefasst worden ist, hat auch auf Rolltreppen gestohlen: "Meine zwei Kumpels stahlen und ich war erst noch nicht reif für die Taschen; ich musste immer die Rolltreppe anhalten. Im gleichen Moment bestahl einer von ihnen die Frau." Und so geht der Rolltreppentrick: "Bis zum Anhalten der Rolltreppe stand er hinter ihr, versicherte sich, dass niemand ihn beobachtete und dann, zack, hielt ich die Treppe an und die Frau wurde abgefrühstückt."

Kinder ernähren durch Diebstähle ihre Familien

Das Verfahren gegen die Taschendiebe war aufwändig und personalintensiv – und Staatsanwalt Dirk Eckert hat lange überlegt, ob er es in dieser Form überhaupt führen sollte. In seiner Abteilung "Organisierte Kriminalität" ermittelt er sonst gegen Rockerbanden, gegen kriminelle arabische Clans oder auch wegen des Anschlags mit der Autobombe, durch die in der vergangenen Woche in der Charlottenburger Bismarckstraße ein Drogenhändler getötet wurde.

Ausschlaggebend für Eckert war schließlich, dass Kinder und Jugendliche regelrecht zum Klauen "abgerichtet" werden, wie er sagt: "Die Eltern haben ihre eigenen Kinder hierher geschickt, um Taschendiebstähle zu begehen. Diese Familien leben davon, betreiben es wie eine Art Firma." Eckert, ein um Sachlichkeit bemühter Jurist, scheint darüber noch mehr empört zu sein, als über den eigentlichen Schaden, den die Täter in Berlin anrichten. "Deshalb wollen wir versuchen, erstmals nicht nur die Taschendiebe zu verurteilen, sondern auch deren Hintermänner."

Eckert, dessen ist er sich sicher, kann beweisen, wie binnen Monaten Hunderttausende von Euro aus Berlin nach Iaşi gelangten, wie das Geld den Dieben von Mittelsmännern abgenommen wurde, bei Filialen des Finanzdienstleisters "Western Union" in Charlottenburg eingezahlt und so in die Heimat transferiert wurde. Viele der jungen Diebe aus Rumänien werden in Hotels am "Stuttgarter Platz" untergebracht. Auch deshalb ist der nahe gelegene S-Bahnhof Charlottenburg ein sehr beliebtes Klau-Revier.

Die mutmaßlichen Täter wohnen in Iaşi in einem Roma-Viertel am Stadtrand. Rund tausend Menschen leben hier in sieben Familien, erläutert Elena Motas. Sie ist selbst Roma und Regierungsverantwortliche für diese Volksgruppe im ganzen Landkreis. Nur eine Person aus dem Viertel, so erzählt sie, gehe einer geregelten Arbeit nach. Nur ein älterer Mann beziehe eine staatliche Rente. "Die meisten Roma hier leben entweder von der Bettelei oder vom Diebstahl und anderen Straftaten. Leider ist der Weggang in den Westen zum Stehlen Teil ihrer Normalität", sagt Motas. In Rumänien hätten sie keine Alternative. Die Mehrheitsgesellschaft sei zutiefst antiziganistisch – und wolle sie nicht. Wer versuche, aus dem kriminellen Milieu auszubrechen, werde von den Clans isoliert.

Erstes Ziel der Taschendiebe ist häufig Paris

Das erste Ziel der Taschendiebe ist häufig Paris. Weil das Wachpersonal hier mit den zahlreichen Taschendieben überfordert war, wurden Touristen zwischenzeitlich sogar nicht mehr in das Louvre-Museum oder auf den Eiffelturm gelassen. Oberstleutnant François Després hat sich auf reisende Roma-Banden spezialisiert: "Es sind meist polykriminelle Gruppen. Es gibt Clans, die Metalldiebstahl begehen, aber ein Teil von ihnen ist als Einbrecher unterwegs. Andere, zumeist die Jüngeren, sind Taschendiebe."

Paris reagierte – mit einer Aufklärungskampagne und einem rigorosen Vorgehen. Die Taschendiebe zogen weiter – zunächst an Rhein und Ruhr: "Aber da waren schon andere, vor allem professionelle Diebe aus Marokko", sagt Gang-Mitglied "Costel". Es habe Revierkämpfe gegeben – und mächtigen Ärger. "Wir hatten keine Chancen gegen die und mussten abhauen", sagt "Costel".

In Köln, Dortmund oder Düsseldorf, so berichtet auch Bundespolizei-Ermittler Lichtenberg, hätten sich die Gruppen aus Nordafrika fest etabliert. Die Südosteuropäer seien verdrängt worden – weiter nach Osten. Nach Berlin.

"Hauptstadt der Diebe – Die Mafia der Taschendiebe", Dienstag (22. März 2016) um 20.15 Uhr im RBB-Fernsehen

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