Wettbewerb

Die Welt unter Segeln entdecken

Der Berliner Segler-Verband prämierte die schönsten Fahrtensegelreisen 2015

Beliebtes Ziel der Berliner: Schweden, hier an der Ostküste des Landes

Foto: Fackeldey / BM

Beliebtes Ziel der Berliner: Schweden, hier an der Ostküste des Landes

Eine kaputte Antenne an Bord, eine geschlossene Brückendurchfahrt, Windstille, dann wieder Starkwind und überhaupt schlechtes Wetter – ein Segeltörn hat nicht nur angenehme Seiten. Gerhard Hinz vom Segel-Club Rohrwall im südöstlichen Berlin kann ein Lied davon singen.

Insgesamt 1800 Seemeilen segelt er im vergangenen Jahr von Stettin nach Vatlestraumen bei Bergen in Norwegen – und trotzt allein allen Widrigkeiten. Auf seinem acht Meter langen Stahlschiff vom Typ Kormoran IV ist Hinz solo unterwegs. Doch der Törn ist noch aus einem anderen Grund bemerkenswert: Der Berliner ist 75 Jahre alt.

Hinz' Reise auf eigenem Kiel zeigt: Für ein Abenteuer auf See ist es nie zu spät. In einer Nachtfahrt bei Gewitter und Sturm überquert Hinz etwa allein den Skagerrak. Insgesamt 47 Tage auf See ist Gerhard Hinz unterwegs – und erlebt neben allen Schwierigkeiten auch viele schöne Momente, wie den Besuch des Hardangerfjords, die Fjordlandschaft nördlich Stavanger in Norwegen oder den Besuch des Seegebietes vor Karmöy.

Der Übermacht der Gewalten bewusst

"Es war eine vorbildlich geplante und durchgeführte anspruchsvolle Reise, bei der der Skipper sich der Übermacht der Gewalten jederzeit bewusst war und absolut seemännisch gehandelt hat", heißt es hierzu vom Berliner Segler-Verband. Kein Wunder ist es daher, dass die Reise des 75-Jährigen nun vom Verband ausgezeichnet wurde.

Es ist jedes Jahr in den Sommermonaten ähnlich: Die Leinen werden losgeworfen, der Blick wandert entlang des Rumpfes, damit man auch ja nicht irgendwo aneckt. Zentimeter um Zentimeter schiebt sich das Boot vom Steg weg – auch die größten Reisen unter Segeln beginnen immer klein. Einmal frei von der Hafenanlage und von anderen Booten, werden die Segel gesetzt. Bald schon schwindet die Marina aus dem Sichtfeld. Die Stimmen an Land werden leiser. Der Blick richtet sich nach vorn, dem Horizont entgegen. Fahrtensegeln ist die wohl schönste Seite des Segelsports – eine, bei der Zeit keine Rolle spielt, bei der es gilt, Land und Leute zu entdecken.

Alle Facetten des Sports bei einem Törn erleben

Viele Segler träumen oft Jahre davon, einmal eine solche Reise zu unternehmen. Schließlich kann man auf einem solchen Törn innerhalb weniger Wochen alle Facetten des Sports erleben. Dass dabei keine Grenzen existieren, zeigte sich auch im vergangenen Jahr wieder bei den vielen Törns, die die Berliner Segler weltweit unternahmen. Vor wenigen Tagen wurden ausgewählte Reisen beim Fahrtenseglerabend des Berliner Segler-Verbandes prämiert.

In nördlichen Gefilden geht es 2015 für die Berliner dabei bis zu den Lofoten hinauf, im Westen zu den Azoren, Kanaren und den Färöer-Inseln. Eine Berliner Yacht kreuzt sogar vor der brasilianischen Küste. Insgesamt mehr als 50.000 Seemeilen legen die Teilnehmer des Fahrtenwettbewerbs zurück – mit höchst unterschiedlichen Motivationen und Ambitionen: Ein Seglerpaar unternimmt seine Reise etwa anlässlich des 25. Hochzeitstages, ein anderer Eigner will sein Boot endlich mal richtigem Seewetter aussetzen.

Dabei ist das vergangene Jahr alles andere als ein gutes Segeljahr: Die Sommertemperaturen sind eher niedrig, es gibt viele Flauten. Dennoch: Insgesamt 45 Bewerbungen werden für den "Berliner Fahrtenwettbewerb 2015" eingereicht. Immer wieder als Ziel auf den Seekarten vermerkt: Dänemark, Schweden und Norwegen.

Von der dänischen Geschichte inspiriert

Ute und Stefan Sendtner-Voelderndorff vom Spandauer Yacht-Club etwa unternehmen mit ihrer Segelyacht "Atalante", einem Kielschwertkutter Duellist 32, eine Reise "Seeland Rund" von Stettin über Roskilde und wieder zurück. Die Reise wird von ihrem Interesse an der dänischen Geschichte inspiriert. In Roskilde begeben sich die Berliner auf die Spuren der Wikinger. Ihre Reise startet in Berlin über die Oder Richtung Stettin und endet an der Unterhavel im Spandauer Yachtclub. Vom Zielort Roskilde führt der Rückweg in einer zeitweise, wie sie sagen, "orgiastischen Rauschefahrt" zurück.

Dass Segelreisen für jedermann etwas sind und man nicht erst bis zum Rentenalter warten muss, stellt hingegen Bartosz Rynski, ebenfalls vom Spandauer Yacht-Club, unter Beweis. Er startet mit seiner "Joy", einer Hallberg-Rassy 31, mit seiner gesamten Familie – das ist ohnehin schon eine Leistung. Noch einmal größer wird diese jedoch, wenn die Kinder an Bord noch klein sind. Rynski stellt sich dieser Herausforderung und bricht auf seiner insgesamt erst zweiten Seereise mit seiner Frau und seinen zwei Kindern gen Schweden auf.

Bereits sein halbes Leben auf See verbracht

Ganze drei Monate nehmen sie sich für ihren Törn Zeit – und erleben von Flaute bis Sturm alle Wetterlagen auf See. Söhnchen Fynn ist bei Reiseantritt erst drei Monate alt und hat zum Ende der Reise sozusagen bereits sein halbes Leben auf See verbracht. In Nachtfahrten werden meist die langen Strecken auf offener See zurückgelegt, damit der Bewegungsdrang der Kinder nicht allzu sehr einschränkt wird. Für diese familiengerechte Reise mit Kindern wird die Familie vom Berliner Segler-Verband mit dem Familien-Preis bedacht.

Am weitesten reisen Jörg Lehmann vom Wassersport-Verein 1921 und Hiltrud Barholz mit ihrer "Kreuz As Blue", einer Hanse 411. Nach einer Passage durch den Nord-Ostsee-Kanal segelt das Schiff von Brunsbüttel über Helgoland, Norderney und erreicht, nach einigen Zwischenstopps im Englischen Kanal, die Scilly-Inseln.

Es folgen zwölf Tage auf dem Nordatlantik, dann werden die Azoren angelaufen. Um die Inselgruppe herum legt das Seglerpaar allein 504 Seemeilen zurück, dann geht es nach Brest. In der letzten Etappe über Guernsey und einigen Stopps in französischen und holländischen Häfen erreichen die Segler schließlich Swinemünde. Fazit des Skippers: "Ein schöner Törn hat nach mehr als 5000 Seemeilen ein glückliches Ende gefunden."

Eine weitere Säule des Segelns

"Beim Segeln ist vor allem die Vielfalt dieses Sports entscheidend", unterstreicht denn auch Clemens Fackeldey, der seit einem halben Jahr der neue Fahrtenobmann des Berliner Segler-Verbandes ist. "Mir liegt viel daran, das Fahrtensegeln zu fördern, besonders bei Jugendlichen. Das Fahrtensegeln darf nicht in Konkurrenz zum Regattasegeln stehen, sondern muss als weitere Perspektive beziehungsweise weitere Säule des Segelns angesehen werden.

Ein Verein nur mit Regatta- oder nur mit Fahrtenseglern wird es schwer haben, auf Dauer zu bestehen", sagt er. Insofern freut er sich über die hohe Beteiligung am diesjährigen Fahrtenwettbewerb des Berliner Segler-Verbandes, hofft aber auf noch mehr Bewerbungen in der Zukunft – vor allem auch durch junge Nachwuchssegler. "Hier gibt es einen großen Nachholbedarf. Die Welt ist groß und es kann immer noch vieles entdeckt werden. Nichts ist schließlich spannender, als die eigenen selbst geschriebenen Abenteuer zu erleben."

Zur Startseite