Berlin Bicycle Week

Das sind die abgefahrensten Bikes aus Berlin

Design-Singlespeed , Fat-E-Bike oder Holz-Pedelec: Die Berliner Fahrradschau präsentiert am Wochenende auch velophile Unikate.

Nico Wünsche mit dem von ihm gestalteten „Velothon Custom Bike“, das von der Velothon Berlin verlost wird

Nico Wünsche mit dem von ihm gestalteten „Velothon Custom Bike“, das von der Velothon Berlin verlost wird

Foto: Reto Klar

Das Festival der Fans trendiger Bikes steht in den Startlöchern: Zum siebten Mal zieht die Fach- und Publikumsmesse Berliner Fahrradschau (BFS) in die Hallen der Station am U-Bahnhof Gleisdreieck in Kreuzberg ein und verspricht zum Abschluss der Berlin Bicycle Week am Wochenende einen vielfältigen Mix "velophiler Leidenschaften". Unter den 365 Ausstellern sind auch wieder viele Berliner Bike-Unternehmen. Die Berliner Morgenpost präsentiert einige Neuheiten, Unikate oder angesagte Modelle der urbanen Radkultur.

Unikate von "auftragsrad"

Normierte Massenware ist nicht sein Ding. Und deshalb, so Nico Wünsche über sich selbst, dreht er auch gern am Rad. Im übertragenen Sinne – versteht sich. Der gelernte Mechatroniker, einstige Autoverkäufer und Radfahrer aus Leidenschaft hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Wünsche gestaltet ausgefallene Unikate, Räder die insbesondere optisch aus dem Rahmen fallen. Vor genau einem Jahr eröffnete der 36-jährige Berliner sein Fahrradgeschäft an der Markgrafenstraße 58 in Mitte. Dort bietet Wünsche Räder an, die von ihrem Design her aus dem Rahmen fallen und alles Einzelstücke sind. Beispielsweise tüftelt der Biker gerade an einem Rahmen aus Edelstahl, der einen Vintage-Look erhält und dessen Patina nichts vom Glanz des Ursprungsmaterial verrät. Im Gegenteil, das Bike wirkt fast verrostet.

"auftragswerk" heißt Wünsches kleiner Eckladen, in dem sofort das knallig orangefarbene "Velothon-Custom-Bike" ins Auge fällt, das im Rahmen der "Velothon Berlin" verlost wird. So richtig bequem sieht das Bike aus dem optisch extrovertierten Doppel-Rohrrahmen der estländischen Firma "Viks" allerdings nicht gerade aus. Gabel und Lenkervorbau sind aus einem Stück. "Bei diesem Rad geht es nicht nur darum, wie bequem es ist", sagt Wünsche. Es sei eher ein Zweit- oder Drittrad für Jene , die das Besondere wollen. Von diesen Radfreaks, die sich ihr Designrad dann auch in der Wohnung an die Wand hängen, gebe es gerade in Berlin immer mehr.

Wingwheels und star(c)ke Räder

Die Reifen dieses Bikes machen ihrem Namen alle Ehre: sie sind echt fett. 4 Zoll Breite messen die stark profilierten Reifen des Fat-E-Bikes, das kein Geringerer als der französische Star-Architekt und Designer Phillipe Starck entworfen hat. Starck, unter anderem auch bekannt für seine luxuriösen und kostspieligen Innendesigns und Möbel, setzt bei dem für die französische Firma Moustache entwickelten Bike auf den Trend, bei Wind und Wetter über jeglichen Grund radeln zu können. Den ebenfalls fetten Akku für den 250-Watt starken Boschmotor kleidet der Gestalter bei dem Modell "Snow" in einen Kunstpelz – nicht allzu praktisch für eine Tour durch Matsch oder Schnee. Aber auch in diesem Fall gilt offensichtlich die Devise, was soll's, das Auge fährt auch mit. Und das Kunstfell lässt sich schnell abnehmen – und in die Waschmaschine stecken.

Matthias Lingner, Geschäftsführer von "Wingwheels" an der Kastanienallee 64 in Mitte präsentiert aber nicht nur den um die 4000 Euro teuren und star(c)ken Fat-Bike-Auftritt auf der Berliner Fahrradschau. Lingner ist spezialisiert auf E-Bikes, die er in seinem Laden verkauft.

Darunter auch schlanke, schon fast puristisch anmutende Pedelec-Modelle, wie die des Berliner Unternehmens "Freygeist", die optisch so gar nichts mehr mit den plumpen Elektrobike-Image gemein haben. So gibt es unterdessen schlanke und leistungsfähige E-Bikes, die gerade mal 12 Kilogramm wiegen. Auch Lingner kommt aus der Autobranche: "Ich habe Autodesign studiert und später bei der Arbeit in den Konzernen aber realisieren müssen, dass ich dort nicht den Freiraum für die Kreativität habe, die ich anstrebe."

Die sucht der 37-jährige jetzt im Zweirad-Geschäft und tüftelt gerade an seinem ersten eigenen E-Bike-Entwurf, den er noch in diesem Jahr präsentieren will.

Das "Slim Wooden E-Bike" aus heimischen Holz

Das Rad neu erfinden? Warum nicht! Das Berliner Unternehmen "aceteam" zeigt mit dem neuen "Slim Wooden E-Bike", dass elektronisch unterstützte Räder nachhaltig sein können. Die Idee für das außergewöhnliche "Pedelec" aus Holz kam Matthias Broda 2011 bei einem Workshop zum Bauen von Bamboo-Bikes an der TU-Berlin. "Ich habe damals Komponenten für die Bambusräder geliefert. Da kam mir der Gedanke, dass es doch auch möglich sein müsste, Räder aus heimischen Hölzern herzustellen, statt das Material aus der Ferne zu importieren", sagt der 53-jährige Selfmade-Konstrukteur.

Tatkräftige Unterstützung beim Entwicklungsprozess erhielt Broda von Wissenschaftlern aus dem Bereich Holzingenieurwesen an der Hochschule in Eberswalde. "Esche schien uns als heimisches und zudem sehr langfaseriges und deshalb anders als Eiche auch sehr elastisches Holz für den Bau eines modernen Urban-Bikes besonders gut geeignet", erläutert Broda.

Aktiviert wird das E-Bike manuell wie gehabt – oder mit dem Smartphone

In der Bewitterungsanlage der Hochschule wurde beispielsweise der geeignete Schutz der Holzoberflächen unter verschiedenen Bedingungen getestet. Das Projekt wurde zudem vom Bundesministerium für Wirtschaft unterstützt.

Der Motor des Slim-Wooden-E-Bike von "aceteam" kann übrigens ganz einfach mit einer App über das Smartphone aktiviert werden. "Es ist aber auch natürlich möglich, den Motor manuell zu aktivieren, schließlich ist nicht jeder Biker immer mit dem Handy unterwegs", so Broda. Trotz der Technik wiegt das alles andere als hölzerne E-Bike gerade mal 16,5 Kilogramm.

Aber auch die Öko-Variante des modernen E-Bikes hat ihren Preis: Um die 4000 Euro muss der Kunde für das schnittige "Slim-Wooden-E-Bike" bezahlen, das Broda nicht nur auf der Fahrradschau, sondern auch in einem Showroom im Stadbahnbogen 250 an der Margarete-Steffin-Straße 3 in Mitte zeigt. "Das Design orientiert sich an der zeitgemäßen Form des alten Hochrades. Manche sagen, der Rahmen sieht wie ein großes Auge aus", so Broda. Auf alle Fälle ist das schlanke Holz-E-Bike ein echter Hingucker.

Ein Rahmen – drei Räder: 8bar präsentiert neues Allround-Bike

Richtiger Reifendruck und hochwertige, sprich achtbare Räder – dafür steht der Name von "8bar" – der angesagten Kreuzberger Fahrradschmiede an der Wrangelstraße. Inhaber Stephan Schott setzt zwar auf den klassischen Diamantrahmen, weil "er von der Geometrie her gesehen einfach die beste Stabilität garantiert". Doch das heißt noch lange nicht, dass die hochwertigen Räder von 8bar auch klassisch langweilig daherkommen.

Im Gegenteil! Die von Schotts Bike-Label 8bar entwickelten Rahmen stehen auch für Design, das auch auf Effekte wie knallige Farben oder gar Muster setzt, dabei aber nicht bloßer Effekthascherei verfällt. Denn das Wichtigste sind eben die Fahrräder an sich. 8bar bietet zudem auf seiner Homepage einen Bike-Konfigurator, mit dem sich jeder sein individuelles Bike zusammenstellen kann. Angefangen von den unterschiedlichsten Rahmentypen über die einzelnen Komponenten bis hin zur Farbgebung oder speziellen Lacken. "Diese individuelle Konfiguration ist natürlich auch im persönlichen Kundengespräch möglich", sagt der 32-jährige Bauingenieur Schott, der mit seinen Mitarbeitern die Räder aufbaut.

Vergangenes Jahr sorgten die nachts leuchtenden Rahmen des Night Bikes von 8bar für Aufmerksamkeit, in diesem Jahr präsentiert Stefan Schott ein flexibles Rad für Fahrer, die auf unterschiedlichen Strecken unterwegs sind. Der Rahmen von "3 in 1" bietet alle Möglichkeiten. Mit wenigen Handgriffen, den passenden Reifen, Schutzblechen und einer schnell auswechselbaren Gabel wird in kürzester Zeit aus dem "3 in 1" je nach Bedarf ein Renn- , Cross- oder Touren-Bike. Die Preise der 8bar-Räder bleiben verglichen mit denen andere Designlabels im Rahmen. Die Einsteigermodelle der Singlespeeds kosten um die 1000 Euro, für mehr Ausstattung und ausgefallenere Wünsche zahlt der Kunde aber zwischen 2000 und 3000 Euro.

Auf dem Schindelhauer-Singlespeed mit dem Smartphone unterwegs

Weiße Felgen, weißer Rahmen, Zahnriemen statt Kette – das neueste Singlespeed der Berliner Fahrradmarke Schindelhauer kommt optisch puristisch daher. Doch Jacob, so der Name des stylischen Urbanbikes hat mehr als die üblichen hochwertigen Komponenten. Schindelhauer verbindet Jacob mit dem integrierten Smartphone-Interface COBI. Mit der dazugehörigen App können Biker eine Vielzahl von an die hundert Funktionen nutzen, die von der Navigation, aktiver Lichtsteuerung, Diebstahlschutz oder auch der Kontrolle persönlicher Fitnesswerte reichen.

Ein leichter Nabendynamo und der im COBI integrierte Akku versorgen das Smartphone mit ausreichender Energie.

Auch bei Jacob setzt Schindelhauer wieder auf Zahnriemen statt Kette. Die carbonfaserverstärkten Zahnriemen machen nach Angabe von Schindelhauer-Mitbegründer Stephan Zehren "einfach einen guten Job und sind haltbarer als eine Kette". Bis zu 20.000 Kilometer läuft so ein Zahnriemen nach Angaben von Jörg Schindelhauer rund. Vorteile gegenüber der althergebrachten Kette: "Die Zahnriemen bleiben trocken, ziehen keinen Schmutz an und müssen nicht gewartet werden".

Berliner Fahrradschau: Station Berlin, Luckenwalder Straße 4–6, 10963 Berlin, Freitag, 18–23 Uhr, Sbd. 10 – 19 Uhr, Sonntag, 10-18 Uhr. Infos unter www.berlinerfahrradschau.de

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