Baupolitik Rathenau-Hallen: Anwohner wollen keine Wohnungen

Bürger, Grüne, Standortmanagement und IHK wollen Wohnungen in den Rathenau-Hallen in Oberschöneweide verhindern

Foto: Amin Akhtar

Bürger, Grüne, Standortmanagement und IHK wollen Wohnungen in den Rathenau-Hallen in Oberschöneweide verhindern

Die Bürger in Oberschöneweide wollen das Gewerbe in den Rathenau-Hallen erhalten und wehren sich gegen eine Mischnutzung.

Die Bürger wollen keine Wohnungen. Die Menschen in Oberschöneweide haben sich mit einem eigenen Bürgerantrag in der Bezirksverordnetenversammlung für Gewerbe stark gemacht auf dem Gelände der historischen Rathenau-Hallen. Dennoch will der Bezirk einen Bebauungsplan verabschieden, der neben Gewerbe, Hotel, Einzelhandel und Künstlerateliers auch Wohnen am Fluss zulässt.

Der Konflikt am Treptower Spreeufer, wo einst in den Fabriken der AEG das Herz der Berliner Industrie schlug, steht exemplarisch für viele Orte in Berlin. Heranrückender Wohnungsbau bedroht bestehendes oder zukünftiges Gewerbe. Jobs oder Wohnungen, das sind die Alternativen unter anderem im Lichtenberger Gewerbegebiet Herzbergstraße, am BMW-Motorradwerk in Spandau oder am ehemaligen Tanklager im Norden Charlottenburgs, aber auch in Adlershof und in Zehlendorf stehen Firmen im Konflikt mit Anwohnern.

Die Bürger wollen lieber Jobs

In Oberschöneweide hat sich eine überraschende Allianz zusammengefunden, um das Wohnen aus den Rathenau-Hallen herauszuhalten. Bürger, Grüne, Standortmanagement und Industrie- und Handelskammer warnen vehement davor, auf dem zehn Hektar großen Gelände mit seiner zum Teil spektakulären Industriearchitektur auch Wohnen zuzulassen.

Die Bürger wollen lieber Jobs, sie schmerzt immer noch das Aus der meisten ansässigen Industriebetriebe nach dem Ende der DDR. "Das ist eine große seelische Wunde im Gedächtnis der Leute hier", sagte Joachim König, Pastor einer evangelisch-methodistischen Gemeinde und Mitglied der Bürgerplattform. Er hat den Bürgerantrag mit initiiert. Dass die Bezirkspolitiker über diesen Antrag gar nicht abgestimmt haben, sondern nur einen Änderungsantrag verabschiedeten, in dem sie den Bürgern etwas entgegenkamen, ärgert die Aktivisten.

In dem Beschluss der BVV steht jetzt, dass die Gewerbeentwicklung Priorität haben solle, außerdem sollten nicht nur luxuriöse Wasserblickappartements entstehen, sondern auch günstigere Wohnungen.

Aber Kompromisse sind in solchen Nutzungskonflikten erfahrungsgemäß nur sehr schwer möglich. Wenn erst mal Menschen neben Gewerbebetrieben lebten, seien Streitigkeiten um Lärm oder Emissionen programmiert. Nach geltender Rechtslage werde sie meist zugunsten der Anwohner entschieden. Deswegen sind viele Firmen in Sorge, wenn ihnen Wohnungsbauprojekte zu nahe kommen.

Eigentümer investieren nicht mehr in Räume für Unternehmen

Regionalmanager Thomas Niemeyer, der im Auftrag von Bezirk und Senat Firmen ansiedeln soll, warnte in einer Stellungnahme zum Bebauungsplanverfahren, die Tür für Wohnungen überhaupt zu öffnen. Die Aussicht, wesentlich lukrativeren Wohnungsbau auf den Gewerbearealen umsetzen zu können, sorge bereits jetzt für einen Investitionsrückstau in die gewerbliche Entwicklung.

Das heißt: Eigentümer setzen darauf, dass sie auch auf ihren Grundstücken Wohnungen bauen und damit viel leichter Geld verdienen können als mit einer anspruchsvollen und weniger lukrativen Entwicklung eines Gewerbestandortes. Folglich investieren sie nicht mehr in Räume für Unternehmen.

Dass die Stadt Berlin 2003 das Gelände der Rathenau-Hallen als Mischgebiet auswies und damit grundsätzlich andere Nutzungen erlaubte, sei auch der damaligen schlechten Wirtschaftslage geschuldet, sagen die Kritiker. Damals wollte überhaupt niemand investieren, weder in Gewerbe noch in Wohnungen. Das habe sich aber deutlich geändert.

Gewinnmarge bei Wohnungsbau wesentlich höher

Im Falle der Rathenau-Hallen geht es nach Expertenschätzung um mindestens 15 Millionen Euro. Der irische Eigentümer Toruro, bisher noch nicht durch Entwicklung schwieriger Areale hervorgetreten, zahlte einst zwölf Millionen für das Grundstück. Inzwischen wird der Wert auf 30 Millionen geschätzt. Mit einer Erlaubnis für Wohnungsbau könne der Investor es dann für 45 weiterverkaufen, so wird in Oberschöneweide kalkuliert.

Experten halten eine Koexistenz mit Gewerbe dort jedoch für kaum denkbar. Für die riesigen Hallen ist eine Nutzung als Veranstaltungsort geplant, womöglich als Ersatz für die durch Flüchtlinge belegten Hangars des Tempelhofer Flughafens. Wenn aber etwa für eine Messe in der Nacht 20 Lastwagen abgeladen werden müssten, dann seien Klagen der solventen Nachbarn sicher.

Der Druck auf Gewerbeareale, den Regionalmanager Niemeyer auch an mindestens zwei anderen Stellen im Treptower Ortsteil erkennt, ist auch im Senat ein Thema. Im Steuerungskreis Industriepolitik beim Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) nahm das Thema zuletzt breiten Raum ein. Vertreter von Wirtschaft und Gewerkschaften wünschen sich ein flächendeckendes Monitoring über Entwicklungschancen und Nutzungskonflikte. Große, zusammenhängende Gewerbezonen müssten deshalb mit einem eigenen Planwerk gesichert werden, sagte DGB-Landesvize Christian Hoßbach: "Es gibt viele Begehrlichkeiten, solche Grundstücke anders zu nutzen."

Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) mahnt ebenfalls, Flächen für künftige Arbeitsplätze zu sichern. "Gewerbeflächen werden knapp", sagte sie kürzlich bei der Jahrespressekonferenz im Technologiepark Adlershof. 2011 hätten in Berlin noch 420 Hektar für neue Firmen oder Erweiterungen zur Verfügung gestanden, derzeit seien es noch 300. Flächen zu sichern, müsse ein "zentrales Anliegen sein".

Wirtschaftsressort drängt auf Bestandsschutz für 70 Firmen

Im Falle der Rathenau-Hallen hat sich das Haus Yzer jedoch nicht mit aller Macht gegen Wohnungsbau gestemmt. Tatsächlich hatte das Wirtschaftsressort nur auf Bestandsschutz der 70 Firmen mit 700 Mitarbeitern gedrängt, sich aber nicht gegen ein Mischgebiet und damit die Möglichkeit für Wohnen ausgesprochen. "Insbesondere" setze man sich natürlich für gewerbliche Nutzung ein, sagte Yzers Staatssekretär dem Wirtschaftsausschuss bei einem Besuch in der benachbarten Hochschule für Technik und Wirtschaft in Oberschöneweide.

Aus Sicht der Grünen ist dieses zögerliche Agieren unverständlich. Die Senatorin "müsste doch um jeden Quadratzentimeter Gewerbefläche kämpfen", sagte die Grünen-Wirtschaftsexpertin Nicole Ludwig. Womöglich waren andere Politiker auch beeindruckt von der prominenten Unterstützung, die der Investor sich gesichert hatte. Ex-Stadtentwicklungssenator und SPD-Landeschef Peter Strieder war als Lobbyist für die Mischnutzungspläne im Einsatz.

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