Mobilität in Berlin

Eine App will Berlins Verkehrsströme revolutionieren

Einfach einen Bus dahin schicken, wo er gerade gebraucht wird: Die Smartphone App Ally berechnet die Verkehrsströme. So kann gezielt und spontan auf eine echte Kundennachfrage reagiert werden

Foto: allyapp / BM

Einfach einen Bus dahin schicken, wo er gerade gebraucht wird: Die Smartphone App Ally berechnet die Verkehrsströme. So kann gezielt und spontan auf eine echte Kundennachfrage reagiert werden

Kein langes Warten auf den Bus – das Berliner Start-up Ally will die Mobilität in Städten verbessern.

Ally weiß, dass es regnet in Berlin. Dann sind mehr Leute mit dem Auto unterwegs, viele Wege dauern länger. "Nach dem Navigationssystem im Mercedes hätten wir schon vor zehn Minuten da sein müssen", sagt Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer, als sie leicht verspätet zum Termin im Hinterhof an der Torstraße erscheint. Die Smartphone-App der Gastgeber von Ally kannte jedoch die realen Bedingungen dieses Morgens und hatte die tatsächliche Ankunftszeit korrekt vorausberechnet.

Es gibt viele junge Unternehmen und Start-ups in Berlin, aber kaum eines hat das Zeug, das Leben in den Städten der Welt so zu verändern wie Ally. Nicht umsonst geben sich in der inzwischen ziemlich engen Fabriketage die Wichtigen der deutschen Verkehrspolitik die Klinke in die Hand. Vor Yzer waren Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und Bahn-Chef Rüdiger Grube da, auch Topmanager von Telekom und Siemens sichten die Lage.

Der urbane Nahverkehr der Zukunft

Mit nur 30 Mitarbeitern in Berlin und fünf im südbrasilianischen Porto Alegre entwirft Ally den urbanen Nahverkehr der Zukunft. "Wir wollen Game-Changer sein", sagt Mitgründer Tom Kirschbaum mit geradezu amerikanischem Selbstbewusstsein. Man wolle die Spielregeln für den Nahverkehr in Städten verändern. Nicht mehr die Planer von BVG & Co entscheiden, wo wann welche Busse fahren, sondern die echte Nachfrage der Kunden, deren Mobilitätsverhalten von Ally in riesigen Datenmengen anonymisiert gesammelt und analysiert wird. "Heute sind Busse noch genauso unterwegs wie in den 80er-Jahren, als habe das Internet nicht stattgefunden", sagt Ally-Chef Maxim Nohroudi.

Das Ziel galt noch vor wenigen Jahren als Science-Fiction. Heute sind die Versuche von Autokonzernen und des Internet-Giganten Google mit selbstfahrenden Wagen so weit fortgeschritten, dass Experten auch fahrerlose Busse als realistisches Szenario für die kommenden Jahre erachten. Kunden und Fahrzeug kommunizieren direkt miteinander. Bürger rufen per Smartphone den selbstfahrenden Bus herbei, der sucht sich die beste Strecke zum Zielpunkt und sammelt unterwegs weitere Fahrgäste ein. "Wir bauen die Software, das Betriebssystem für den selbstfahrenden Nahverkehr", sagt Nohroudi.

Mobilität der Menschen wird in Echtzeit abgebildet

Deswegen interessieren sich sowohl traditionelle Verkehrsunternehmen, Autokonzerne, Telekommunikationsfirmen und die Bahn für die Technologie der Berliner. Apple zeichnete ihre App als eine der besten des Jahres 2015 aus. Ally bringt für seine Empfehlungen sämtliche Verkehrsträger zusammen, Busse und Bahnen, aber auch Carsharing-Angebote oder Leihfahrräder werden empfohlen.

Das Besondere aber ist, dass die Mobilität der Menschen in Echtzeit abgebildet wird. Ally weiß deshalb auch, von wo die Menschen etwa zum Flughafen Tegel aufbrechen. Diese Orte hoher Nachfrage lassen sich dann mit den bestehenden Buslinien der BVG vergleichen. Und es stellt sich heraus, dass viele Interessenten mit einer direkten Verbindung zum Flughafen nicht gut angebunden sind. "In anderen Städten wie Santiago de Chile und Mexiko City beraten wir die Verkehrsunternehmen auch bei der Linienplanung, dem dynamischen Routing", sagt Nohroudi. Das möchte man bei der BVG auch gerne machen.

In Stockholm und Kopenhagen hingegen nutzt die Deutsche-Bahn-Tochter Arriva bereits die Ally-Technologie, um Fahrgäste durch den Großstadtverkehr zu lotsen. Senatorin Yzer sagt zu, Kontakt zu BVG-Chefin Sigrid Nikutta herzustellen. Ihr ist sehr daran gelegen, dass in Berlin entwickelte Technologie auch in Berlins öffentlichen Unternehmen angewendet wird.

Auch in der Wüste von Mosambik

Gefragt ist Allys Know-how aber nicht nur in westlichen Großstädten, die bereits über ein vergleichsweise wohlorganisiertes System von Bussen und Bahnen verfügen. Dort ist auch die Konkurrenz von Google Maps und den regionalen Verkehrsverbünden stark. "Aber 80 Prozent der Städte haben keine Daten zum Nahverkehr", sagt Maxim Nohroudi. Und die sammelt Ally selbst mit freiwilligen Routern ein.

In Echtzeit zeigen sie im kleinen Besprechungsraum, wie das aussieht. Ob im ländlichen Süden Ungarns oder in der Wüste von Mosambik, an vielen Orten sind gerade Leute mit der Ally-App unterwegs und kartographieren den öffentlichen Nahverkehr. Sie übermitteln die genauen Standortkoordinaten von Haltestellen, den Verlauf von Buslinien und die Fahrzeiten. Das Angebot von Ally: Wenn 80 Prozent einer Stadt "gemapt" sind, bekommt sie eine eigene App aus Berlin.

Referenzprojekt ist die Millionenstadt Daressalam im ostafrikanischen Tansania. Dort gibt es zwar jede Menge Kleinbuslinien, aber keinen übergeordneten Fahrplan oder Organisation. Im Sommer 2015 suchten sich die Berliner Kooperationspartner an einer örtlichen Universität. Die Studenten machten sich auf und kreuzten zweieinhalb Wochen mit ihren Smartphones auf über 200 Routen der Dala Dala genannten Busse. Inzwischen ist die ganze Stadt auf der digitalen Karte abgebildet, die App kann sagen, mit welchem Bus man sein Ziel erreicht. Das wussten auch viele der mindestens 1,5 Millionen Bürger bisher nur für ihre ständigen Wege.

Inzwischen wurden auch Entwicklungshelfer auf die Aktivitäten der Berliner aufmerksam. Wer weiß, wo viele Menschen günstig hinkommen, kann auch besser Standorte für Krankenhäuser planen. Inzwischen kooperiert Ally auch mit der Weltbank.

App läuft in den USA und Belgien besser als in Berlin

Aber auf dem Heimatmarkt sind die international schnell expandierenden Entwickler noch kaum vertreten. "Unsere App läuft in Belgien und den USA besser als in Berlin", klagt ein Mitarbeiter beim Gespräch mit der Wirtschaftssenatorin. Das liege daran, dass die BVG Daten nicht im gewünschten Format und Qualität bereitstelle. "Ich möchte, dass der öffentliche Nahverkehr so stark wird, dass die Leute gar nicht erst auf die Idee kommen, alleine mit dem Taxi zum Flughafen zu fahren", sagt Tom Kirschbaum. "Wenn wir wissen, dass rund um den Kollwitzplatz 50 Leute nach Tegel wollen, dann kann man da auch ein Fahrzeug hinschicken."

Noch müsste ein Mensch dieses Gefährt steuern. Aber womöglich rollt in wenigen Jahren tatsächlich ein fahrerloser Kleinbus durch die Smart City Berlin und holt die Vielflieger ab. Noch hat die Belegschaft der Firma aber ganz andere Sorgen. "Können Sie vielleicht dafür sorgen, dass das Bürgeramt funktioniert", hörte Yzer eine verzweifelte Entwicklerin aus den USA sagen, die es seit drei Monaten nicht schafft, sich in Berlin anzumelden. Die Senatorin lächelt gequält. Die Smart City und die Digitalisierung sei in Berlin eben doch eine Sache der Firmen, weniger der Behörden.

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