Bildung Beliebte Schulen in Berlin: Das Geheimnis guten Unterrichts

Foto: Reto Klar

Besuch bei zwei Schulen, die bei Schülern besonders beliebt sind. Auch Experten interessieren sich für diese Einrichtungen.

Anfassen möchte Kin Yuen Ip aus Hongkong die kleine Maus aus der Biologiestation des Dathe-Gymnasiums dann doch nicht. Das überlässt er lieber seinem Kollegen, dem Physiklehrer aus Estland. Dafür hält er alles, was er in dem Friedrichshainer Gymnasium sieht, auf seinem Smartphone fest. Immer wieder macht er Selfies mit den für ihn so überraschend fröhlichen Schülern.

Kin Yuen Ip ist einer der 400 Experten aus Politik und Gesellschaft, die am Donnerstag und Freitag in Berlin auf einem internationalen Bildungsgipfel über die Herausforderungen des Lehrerberufs diskutieren. Vor fünf Jahren hatte US-Präsident Barack Obama den jährlichen Gipfel ins Leben gerufen, damit vor allem die Vorreiterländer der OECD-Pisa-Studie weitergeben können, wie guter Unterricht funktioniert. In diesem Jahr findet der Kongress erstmals in Deutschland statt.

Im Vorfeld des Gipfels hatten die Fachleute Gelegenheit, einige Berliner Schulen zu besichtigen. Und obwohl die Hauptstadt in Bildungsstudien nicht gerade zu den Spitzenreitern gehört, hatte die Delegation am Dathe-Gymnasium in Friedrichshain viele Gelegenheiten zum Staunen.

Schüler haben Spaß am Lernen

Die Schule in unmittelbarer Nachbarschaft zum Szeneklub Berghain ist auch keine Berliner Durchschnittsschule. Laut Anmeldezahlen der Bildungsverwaltung gehört sie zu den zehn beliebtesten Gymnasien in Berlin. In diesem Jahr gab es fast doppelt so viele Anmeldungen wie Plätze, die Berliner Morgenpost berichtete. Und das war in den vergangenen Jahren ähnlich. Auch die Plätze für die sogenannten Schnelllerner ab Klasse fünf, für die der Anmeldezeitraum am heutigen Donnerstag endet, sind beliebt. Besonders an der Begabtenförderung und an dem ungewöhnlichen Schulzoo sind die Vertreter aus Singapur, Hongkong, Estland und Lettland bei ihrer Besichtigung interessiert.

Kin Yuen Ip ist nicht das erste Mal in Deutschland. Im vergangenen Jahr hatte er schon berufsorientierte Oberschulen in Frankfurt/Main besichtigt, nun ist er zum ersten Mal an einem deutschen Gymnasium. "Es ist toll zu sehen, wie viel Spaß die Kinder hier am Lernen haben", sagt der Vertreter der größten Lehrergewerkschaft in Hongkong, der selbst lange Zeit Direktor einer Highschool war. Die Freude entstehe wohl auch dadurch, dass die Schüler die Dinge selbst erfahren und anfassen können und sie dann zum Beispiel in Rollenspielen reflektieren.

Berlins beliebteste Schulen

Biologiestation mit Terrarien und Aquarien

In der Biologiestation der Dathe-Schule gibt es Terrarien, Käfige und Aquarien mit 500 Tieren. Der Fachbereichsleiter für Naturwissenschaften, Eckard Reimke-Nobbe, stellt zwei Mäusekisten auf den Tisch und demonstriert der Delegation, wie der Unterricht mit lebenden Tieren funktioniert. Eine Maus läuft über ein Stempelkissen und hinterlässt dann auf einem Blatt Papier Spuren. Die Schüler haben dann die Aufgabe, diese Spuren genauer zu untersuchen. Kin Yuen Ip soll beobachten, welche Körperteile die Maus benutzt, wenn sie am Strick entlangklettert. Der Lehrer aus Hongkong ist amüsiert. So etwas kenne er aus dem Zoo, aber nicht aus einer Schule.

Die Schüler lernen in der Tierstation aber nicht nur etwas über die Biologie, erklärt der Fachbereichsleiter. Die Aufgaben seien fächerübergreifend. So könnten die Kinder beispielsweise ausrechnen, wie weit die Mäuse in einer Minute rennen, indem sie die Runden im Laufrad zählen.

Hongkong habe zwar gute Ergebnisse in den Pisa-Studien, doch der Unterricht in den Oberschulen sei monoton und langweilig, meint Kin Yuen Ip. "In Hongkong gibt es nur einen Typ der weiterführenden Schule, alle Schüler müssen das Abitur machen", erklärt er. Viele Schüler seien damit überfordert. Die Lehrer hätten nicht die Möglichkeit, so spezielle Angebote für besondere Begabungen und Interessen zu machen, sagt er. Am Dathe-Gymnasium gibt es Zusatzangebote für die begabten Schnelllerner, zum Beispiel in Tanz und Bewegung, Sprache oder zum Thema nachhaltige Ernährung. "Jeder Schüler ist anders, das ist wohl die wichtigste Herausforderung für den Lehrerberuf", sagt Kin Yuen Ip.

So sehen sie das auch an der Carl-Zeiss-Sekundarschule in Lichtenrade. Stephan Zapfe ist dort seit 2007 Schulleiter. Der 60 Jahre alte Pädagoge liebt seinen Beruf. Deshalb steht für ihn fest, dass er auf jeden Fall bis zur Pensionierung dabei bleiben will. "Ich bin gerne Schulleiter", sagt er und schwärmt von der guten Stimmung an seiner Schule. "Das ist unser Erfolgsgeheimnis." Sowohl die Schüler als auch sein Kollegium würden sich wohlfühlen in der Schule, entsprechend gut sei die Atmosphäre dort. Um das zu illustrieren, erzählt Zapfe, dass sich spontan mehr als 130 Schüler gemeldet haben, als es darum ging, am Tag der offenen Tür Besucher durch die Schule zu führen. "Und das an einem schulfreien Sonnabend", sagt er. Für Zapfe ist das ein Zeichen dafür, wie sehr sich die Schüler mit ihrer Schule identifizieren.

Weltoffene Einrichtung

Kein Wunder also, dass die Carl-Zeiss-Schule bei Eltern und Schülern besonders beliebt ist und seit Jahren zu den Top 10 der Berliner Sekundarschulen gehört. So auch in diesem Jahr. Mit 299 Anmeldungen auf 150 Plätze belegt die Schule an der Lichtenrader Barnetstraße den dritten Platz unter den zehn nachgefragtesten Sekundarschulen der Stadt. Im vergangenen Jahr lag sie auf Platz fünf. "Für uns sind diese Zahlen eine Bestätigung unserer Arbeit", sagt Zapfe.

Der Schulleiter legt großen Wert darauf, eine weltoffene Einrichtung zu führen. Globales Lernen und Nachhaltigkeit bestimmen das Profil seiner Schule. Für die 7. und 8. Klassen gehört globales Lernen zu den Wahlpflichtfächern. Wie das im Alltag aussieht, erklärt Zapfe der Berliner Morgenpost an einem Beispiel. "Die Siebtklässler beschäftigen sich gerade mit Namibia, und zwar im naturwissenschaftlichen Unterricht, in Kunst, Musik und im darstellenden Spiel." Nach einem halben Jahr würden alle dann ihre Ergebnisse präsentieren. "So ergibt sich ein rundes Bild von diesem Land." Auch den Flughafen BER würden sie gerade auf diese Weise behandeln.

Berufsorientierung ist ein anderer Schwerpunkt an der Carl-Zeiss-Schule. Im Fach Wirtschaft, Arbeit, Technik (WAT), das auch in der Oberstufe angeboten wird, arbeiten die Schüler im Nähkurs, in der Holz- und Metallwerkstatt oder in der Lehrküche. Am Mittwochvormittag üben Siebtklässler das Nähen. Im Kurs sind viele Jungen. Während die eine Hälfte der Gruppe versucht, mit der elektrischen Nähmaschine klarzukommen, ist die andere Hälfte dabei, mit der Hand einen Kissenbezug zu nähen. "Wir legen großen Wert darauf, dass unsere Schüler auch eine praktische Ausbildung erhalten", sagt Schulleiter Zapfe.

Die Sekundarschule kooperiert mit zwei Gymnasien

Die Schüler sind mit Spaß bei der Sache. Leon (12) übt, auf einem Blatt Papier eine gerade Naht hinzubekommen. Die Nähmaschine rattert. "Ich habe mich für den Kurs entschieden, weil ich dann noch eine Sache mehr kann als meine Mutter", sagt er. Die Carl-Zeiss-Schule war seine Erstwunschschule. "Die Lehrer sind gut hier und man hat genug Zeit, den Stoff zu lernen", sagt Leon. Auch Stella (13) wollte unbedingt an die Carl-Zeiss-Schule. "Die Schule hat einen guten Ruf und wir können hier bis zum Abitur bleiben", sagt sie. Schulleiter Zapfe bestätigt, dass es den meisten Eltern wichtig ist, dass ihre Kinder genug Zeit haben bis zum Abitur und dass sie nicht noch einmal die Schule wechseln müssen. Sekundarschulen mit gymnasialer Oberstufe seien deshalb besonders gefragt. "Wir kooperieren zudem mit zwei benachbarten Gymnasien, um in der Oberstufe guten Unterricht und alle Leistungskurse anbieten zu können", sagt er.

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