Wohnungsmarkt

Viele Berliner leben in viel zu großen Wohnungen

Durchschnittlich hat jeder Berliner 40 Quadratmeter zur Verfügung. Zu viel für die stetig wachsende Metropole.

Wohl jeder Berliner kennt die "Wilmersdorfer Witwe", die, wenn nicht in Wilmersdorf, so doch in einem der Westbezirke in einer sagenhaft großen Gründerzeitwohnung residiert – allein. Obwohl ein Klischee, zeigt dieses doch ein wachsendes Problem auf: Viele Berliner leben in Wohnungen, die ihnen zu groß und damit zu teuer sind. Sich "zu verkleinern" aber ist schwer.

881.613 Berliner leben nach Angaben des Statistikamtes Berlin-Brandenburg allein. Singles stellen 49 Prozent aller Haushalte. Ihnen gegenüber stehen mit 75.099 Ein-Zimmer-Wohnungen kaum vier Prozent des Wohnungsbestandes. Kaum besser ist es bei Zweiraumwohnungen, für viele Singles ohnehin attraktiver: Davon gibt es 337.619, aber auch 555.785 Zwei-Personen-Haushalte, die um das Angebot konkurrieren. 80 Prozent aller Berliner Haushalte bestehen aus maximal zwei Personen.

Höhere Nachfrage lässt die Mieten weiter steigen

Die durchschnittliche Berliner Wohnung hat laut Statistischem Jahrbuch 3,5 Räume und 73 Quadratmeter, bewohnt von statistisch 1,8 Personen. Auf jeden Berliner entfallen so knapp 40 Quadratmeter Wohnfläche.

Die größte Fläche nutzen die Menschen in Steglitz-Zehlendorf (46,1 Quadratmeter pro Person), die geringste die Neuköllner (36,1) und Lichtenberger (36,6). Dieser Wohnflächenverbrauch war bis vor fünf Jahren kaum ein Problem. Doch seither steigt Berlin Einwohnerzahl jährlich um 40.000 bis 45.000 Menschen – plus Flüchtlinge.

Die dadurch zunehmende Wohnungsknappheit ließ die Mieten steigen. Prognosen sehen Berlin 2025 als Vier-Millionen-Metropole. Dazu kommt, dass die Zahl der Jüngeren und Älteren überproportional wächst. Also genau der Menschen, die kleine, günstige Wohnungen suchen – auch wegen ihres geringeren Budgets.

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Richtwerte liefert der soziale Wohnungsbau

Bei der Reaktion auf die Demografie werde die Zunahme der Ein-Personen-Haushalte vernachlässigt, bemängelt der Spandauer Mieterverein für Verbraucherschutz und warnt vor dramatischer Wohnraumverknappung. "Im frei finanzierten Wohnungsbau werden die Wohnungen immer größer", bestätigt Reiner Wild, Geschäftsführer des Berliner Mietervereins, gegenüber der Berliner Morgenpost und spricht von "sozialer Schieflage". Tatsächlich erzielen Investoren mit größeren Wohnungen mehr Rendite. "Je kleiner die Fläche, desto höher die Baukosten", sagt David Eberhart, Sprecher im Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU).

Ohnehin ist der Markt in fast allen Segmenten angespannt. So bauen auch Kommunale Gesellschaften und Genossenschaften eher großräumig. Im Gebäudebestand der BBU-Mitglieder stellten kleine Wohnungen bereits einen erheblichen Anteil, sagt Eber­hart: "Nachfrage gibt es auch bei größeren und Familienwohnungen." Aus Sicht der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung fehlen politische Einflussmöglichkeiten. "Regulierend eingreifen können wir nur bei landeseigenen Wohnungsgesellschaften", sagt Sprecher Martin Pallgen. Berlins Förderbedingungen im Sozialwohnungsbau lieferten da gute Richtwerte. Demnach sollen Ein-Zimmer-Wohnungen maximal 40 Quadratmeter einnehmen, 1,5- und Zwei-Zimmer-Wohnungen dürfen 54 Quadratmeter nicht überschreiten, bei drei Zimmern sind es 70 und bei vier Zimmern 82 Quadratmeter.

Der BBU fordert daneben die Absenkung von Baustandards, um Baukosten zu senken und kleine Einheiten lukrativer zu machen. Dass dies schon möglich ist, will die Degewo in Köpenick zeigen. Gemeinsam mit österreichischen Architekten soll ein Projekt realisiert werden, dessen Baukosten mit 1550 Euro pro Quadratmeter 1000 Euro unter dem in Berlin Üblichen liegen soll. Erprobt ist das vielfach in Wien: Günstige Ausstattung, vor allem aber platzsparendes Bauen garantiert Effizienz. Noch sind die Details geheim. Vorgesehen sind aber laut Architekt Otto Höller Wohnflächen unterhalb von Berlins Fördervorgaben. Nach diesem Vorbild könnten in Berlin ein Drittel mehr Wohnungen entstehen, hofft Degewo-Chefin Kristina Jahn.

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