Gesundheit in Berlin

Berlin bietet Krebspatienten eine optimale Versorgung

Jeder Tumor ist anders. Ärzte finden Charakteristika in Gewebeproben wie hier an der Charité bei einem Darmkrebs

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Jeder Tumor ist anders. Ärzte finden Charakteristika in Gewebeproben wie hier an der Charité bei einem Darmkrebs

7000 Experten treffen sich zum Kongress in Berlin. Die Tumorzentren der Hauptstadt werden von Spezialisten in höchsten Tönen gelobt.

Fünf spezialisierte Tumorzentren, Therapien für jede auch noch so exotische Krebsform und europaweit renommierte Einrichtungen: Berlin ist in einer privilegierten Situation, was die Behandlung von Krebs betrifft.

Hier gibt es eine Maximalversorgung und jeder Patient kann eine Therapie nach dem aktuellen Stand des Wissens bekommen. "Wir haben hier eine sehr gute Situation", sagt Professor Jens-Uwe Blohmer, Direktor der Klinik für Gynäkologie und Leiter des Brustzentrums der Charité anlässlich des 32. Deutschen Krebskongresses. Bis zum Sonnabend treffen sich in Berlin 7000 Krebs-Experten. Sie befassen sich mit neuen Diagnosemethoden, präziseren Therapien und Prävention.

In Berlin nimmt zwar die Zahl der Krebsfälle aufgrund der steigenden Lebenserwartung zu. Doch die Patienten leben durch bessere Prävention, Diagnosen und Therapien auch länger. Sie werden häufiger geheilt oder gewinnen Lebenszeit. 8472 Menschen starben in Berlin 2014 an Krebs, in Brandenburg 7788. Damit ist Krebs nach Herz-Kreislaufleiden die zweithäufigste Todesursache (gut ein Viertel aller Todesfälle), wie das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg jüngst mitteilte. Die häufigste Krebsart bei Männern und Frauen waren Erkrankungen der Atemwege.

Tumorzentren unterliegen strengen Qualitätsstandards

Jens-Uwe Blohmer, der im Vorstand der Berliner Krebsgesellschaft ist, verweist auf die gute Versorgung der Berliner durch die Tumorzentren der Vivantes-Kliniken, der Charité, des Klinikums Buch, des Franziskus-Krankenhauses mit den DRK-Kliniken sowie von neun konfessionellen Krankenhäusern.

Die Zentren unterliegen hohen Standards. Sie verpflichten sich unter anderem zur umfassenden Dokumentation aller Maßnahmen, um so die Forschung zu unterstützen. Sie betreiben eine anspruchsvolle Qualitätssicherung und kooperieren über Fachgrenzen hinweg in "Konsilen": Wenn es etwa um einen Fall von Blasenkrebs geht, beraten Urologen, Chirurgen, Radiologen, Molekularpathologen und Krebsspezialisten (Onkologen) gemeinsam die Behandlung. Die Berliner Tumorzentren arbeiten zudem an der Weiterentwicklung des Krebsregisters der neuen Bundesländer, um so frühzeitig Entwicklungen bei der Krebsentstehung zu entdecken und Erfolge der Therapieformen kontrollieren zu können.

Europaweite Spezialeinrichtungen für Eierstockkrebs und Krebs des Hormonsystems

"Gerade hier in Berlin sind die Wege zwischen den Beteiligten kurz, und wir haben in der Stadt und für das Umland wirklich eine maximale Versorgung", so Blohmer. "Dass das lebensrettend oder lebensverlängernd wirkt, ist messbar." In einigen Bereichen strahlt das Berliner Fachwissen weit über die Region hinaus, sagt Professor Manfred Dietel, Chef der Pathologie an der Charité und ebenfalls im Vorstand der Berliner Krebsgesellschaft.

So gibt es an der Charité europaweit zertifizierte Spezialzentren für Krebs des Hormonsystems (neuroendokrine Tumoren) und für Eierstockkrebs. Extern genutzt wird auch ein in Berlin verfügbarer Test für Fälle, in denen Metastasen gefunden wurden, aber unklar ist, wo sich der Ursprungstumor versteckt. Der Test untersucht 92 Gene und erstellt ein Tumorprofil. "Mit diesem molekularen Profil können wir die beste Therapie auswählen", sagt Dietel.

Der Experte lobt das deutsche Gesundheitssystem

Die Gefahr, dass fünf Tumorzentren in einer Stadt zu viel sein könnten, sieht Dietels Kollege Blohmer nicht: "Im Gegenteil ist der Wettbewerb bei mehreren Tumorzentren förderlich. Der Patient und sein Arzt haben Alternativen, sie können schauen, welches Haus die beste Expertise bietet."

Die Versorgung von Krebspatienten sei in ganz Deutschland ausgezeichnet, aber in Berlin gelte das in besonderem Maß. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kranken irgendwo anders besser behandelt werden." Blohmer lobt dabei auch das durch Versichertenbeiträge und Steuergelder finanzierte deutsche Gesundheitssystem. Zwar gebe es beispielsweise in den USA auch eine hervorragende Gesundheitsversorgung, die sei aber auch abhängig von den eigenen finanziellen Möglichkeiten des Patienten.

Behandlungen werden immer präziser auf den Patienten zugeschnitten

Auch in der Krebsforschung gehört die Hauptstadt zur Spitze. Dietel nennt folgende Bereiche: neuroendokrine Tumoren und Eierstockkrebs, Lungen- und Brustkrebs sowie einige seltene Krebsformen wie Schilddrüsenkrebs. Ein Begriff wird jetzt immer wieder genannt: "personalisierte Krebsmedizin". Die wird gerade in Berlin vorangetrieben.

"Personalisiert" bedeutet, dass Therapien auf den Patienten zugeschnitten werden – nach dem Motto "maximaler Therapieeffekt bei minimalen Nebenwirkungen". "Wir schauen bei jedem Patienten auf seine genaue Tumorart, sein Krebsstadium, die aktiven Gene im Tumorgewebe, die Genetik des Patienten, sein Alter und seine Lebensumstände, um schnell die optimale Behandlung zu finden", so Blohmer.

So soll schnell die richtige Behandlungsform – Operation, Strahlentherapie, welche Medikamente oder eine Kombination – gefunden werden, ohne probieren und abwarten zu müssen, was wie gut anschlägt. Auch der Entwicklung von Resistenzen der Krebsgeschwulste auf bestimmte Chemotherapeutika könne man so vorbeugen. Während es vor 30 Jahren beispielsweise bei Brustkrebs neben OP und Bestrahlung nur ein Chemotherapeutikum gegeben habe, verfügten Mediziner heute über "eine fast unübersehbar große Auswahl an Möglichkeiten". So könne man viel zielgerichteter behandeln.

Berlin soll eine Vorreiterrolle bei der personalisierten Medizin einnehmen

Der Ausdruck "personalisierte Medizin" wird immer häufiger genannt, man könnte an einen "Hype" denken, der früher oder später wieder in der Versenkung verschwindet. Jens-Uwe Blohmer sieht hingegen "eine logische Entwicklung, die vor langer Zeit begonnen hat und weitergeht". Auch früher habe man versucht, Behandlungen möglichst zielgenau auszurichten, aber jetzt habe man viel bessere Möglichkeiten, vor allem durch die Revolution der Molekularbiologie.

Berlin soll bei der personalisierten Medizin eine Vorreiterrolle einnehmen. Dafür steht auch die Berufung von Erwin Böttinger zum Leiter des Berlin Institute of Health (BIH). Die gemeinsame Einrichtung von Charité und Max-Delbrück-Centrum für molekulare Medizin soll nach dem Willen des Senats und der Trägerinstitutionen ein "Leuchtturm" der Forschung werden, und Böttinger ist Spezialist für personalisierte Medizin. Das BIH wird, so die Hoffnung, Berlin auch in der Krebsforschung weiter voranbringen.

Eine teure Form von Medizin, über die die Gesellschaft entscheiden muss

Der neue Weg der maßgeschneiderten Krebsmedizin könnte die Behandlung allerdings deutlich verteuern. Denn molerkularbiologische Tests sind kostspielig, ebenso wie spezielle Krebsmedikamente, die jeweils nur für einen kleinen Patientenkreis geeignet sind und die die Millionenkosten ihrer Entwicklung bei wenigen Kranken einspielen müssen.

Könnte das eine teure Sackgasse sein? Die Medizin sei bei dieser Frage überfordert, Mediziner seien da nicht die richtigen Ansprechpartner, sagt Jens-Uwe Blohmer. Ihre Aufgabe sei das Erforschen neuer Therapien. Ob diese finanzierbar seien, müssten andere entscheiden: Das sei eine Frage, die nur die Gesellschaft als Ganzes entscheiden könne, sagt Mediziner Blohmer. "Ich sehe eine notwendige gesellschaftliche Diskussion darüber, was Lebenszeitgewinn für Patienten wert ist. Wir müssen uns fragen, wofür wir als Gesellschaft Geld ausgeben. Bisher ist das in Deutschland aber gut austariert."

Am Sonnabend, 27. Februar, findet ein Aktionstag für Krebskranke und Angehörige statt: Citycube, Messedamm 26 (S-Bhf. Messe Süd), 9–17 Uhr.

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