Stadtflucht

Wie Ex-Berliner das ländliche Brandenburg aufmischen

Der Maler Michael Bock hat sich mit seiner Frau ein Gehöft in Siegadel am Schwielochsee gekauft. Nun protestiert er gegen die Aufstellung von Windrädern

Foto: Amin Akhtar

Der Maler Michael Bock hat sich mit seiner Frau ein Gehöft in Siegadel am Schwielochsee gekauft. Nun protestiert er gegen die Aufstellung von Windrädern

Berliner, die nach Brandenburg gezogen sind, engagieren sich ganz vorne – gegen zu viele Windräder, Fluglärm oder Massentierhaltung.

Potsdam.  Sie sind aufs Land gezogen, um ihre Ruhe zu finden. Berliner, die dem Tempo und dem Lärm der Metropole entfliehen wollten. Doch oft endet es in einer Enttäuschung: Windräder vor der Tür, Fluglärm über dem Dach, ein Kraftwerk, das stinkt. Ein riesiger Schweinestall oder eine Putenmastanlage im Dorf.

So engagieren sich gerade die ehemaligen Großstädter in den zahlreichen Bürgerinitiativen, die der Brandenburger Politik zunehmend Druck machen. In der Potsdamer Landesregierung ist längst die Rede von den "unbequemen Berlinern, die das in sich ruhende, ländliche Brandenburg ganz schön aufmischen". Wir haben einige von ihnen danach befragt, was sie an- und umtreibt.

Schlafen bei offenem Fenster unmöglich

Der Maler Michael Bock lebt und arbeitet im Dorf Siegadel. Ein idyllischer Flecken in der Gemeinde Schwielochsee im Spreewald. "Wir sind 2002 aus Berlin-Köpenick hierhergezogen, weil uns die Landschaft sehr gefallen hat", sagt der ehemalige Schüler von Bernhard Heisig.

Zusammen mit seiner Frau richtete Michael Bock einen verfallenen Bauernhof her. "Wir haben unser ganzes Herzblut und unsere Ersparnisse in den Hof gesteckt", sagt der heute 61-jährige Künstler. Die ersten Jahre konnten sie in ihrem neuen Zuhause nachts wunderbar ruhig schlafen. "Heute ist das bei offenem Fenster fast unmöglich", erzählt Bock. "Denn vor dem Dorf stehen mittlerweile 19 Windräder. 196 Meter hoch. "Je nach Windstärke und Windrichtung hören sie sich an wie Flugzeuge", sagt er.

Dorfbewohner müssen Windrad-Lärm ertragen

Weitere sind geplant. "Leider ist es uns schon nicht gelungen, die ersten Windräder so nahe am Dorf zu verhindern", bedauert der Maler. Er engagiert sich in der erfolgreichen Volksinitiative "Rettet Brandenburg". Gegründet hat sie 2008 der Regisseur Thomas Jacob, auch er ein ehemaliger Berliner. 1992 zog er in den Spreewald. Jacob hat viele bekannte Polizeirufe 110 und den ersten Bergdoktor inszeniert. Unter seinem Vorsitz sammelte die Volksinitiative voriges Jahr 34.000 statt der erforderlichen 20.000 Unterschriften.

Mit ihrem Anliegen scheiterte sie jedoch im Potsdamer Landtag. Die rot-rote Koalitionsmehrheit und die Grünen lehnten die Forderungen nach einem größeren Mindestabstand der Anlagen zu Wohnsiedlungen ab. Auch ein Verbot von Windrädern im Wald wurde nicht unterstützt. Das daraufhin im Januar gestartete Volksbegehren läuft noch bis 6. Juli.

"Wenn man aufs Land zieht, muss man sowieso schon Einschränkungen hinnehmen", sagt Maler Michael Bock. "Langsameres Internet zum Beispiel oder schlechtere Verkehrsverbindungen." Es gehe ihm aber nicht nur um die eigenen Interessen, betont er. Sein Eindruck: "Die Landbevölkerung zerstört ihre eigenen Ressourcen."

In Brandenburg gebe es auf ehemaligen Truppenübungsplätzen oder an Autobahnen genügend Möglichkeiten, Windräder aufzustellen. "Sie gehören aber nicht direkt vor die Dörfer", sagt Bock. Er findet auch: "Einen Wald für Windräder zu roden, das ist pervers."

Protest gegen Flugrouten zum BER

Bis sie 2009 ins Brandenburgische zog, hat Antje Aurich-Haider sich in keiner Bürgerinitiative engagiert. Doch als 2010 bekannt wurde, dass die Flugzeuge vom künftigen Hauptstadt-Airport BER in Schönefeld die Route auch über das südwestlich von Berlin gelegene Teltow nehmen sollen, änderte sich das. "In mir ist eine ganz tiefe Empörung darüber, dass wir bei den Flugrouten betrogen worden sind", sagt die 48-jährige Di­plom-Kauffrau. "Wir sind mit unseren drei Kindern rausgezogen, weil wir es ruhiger haben wollten als in Berlin", erzählt Antje Aurich-Haider. "Niemals hätten wir gebaut, wenn die Politiker damals ehrlich gewesen wären." Wie ihrer Familie ergehe es vielen in dieser mittlerweile kinderreichsten Region Deutschlands.

Seit drei Jahren ist die ehemalige Berlinerin Vorsitzende der Bürgerinitiative "Teltow gegen Fluglärm". Noch weiß keiner genau, wie laut die Flugzeuge nach der BER-Eröffnung über Teltow fliegen werden, doch Antje Aurich-Haider rechnet auch mit Nachtflügen zwischen 23 und 5 Uhr. "Es gibt genug Ausnahmen für Rettungs- und Postflieger", sagt sie. "Es darf doch nicht nur um Gewinne des Flughafens und der Airlines gehen, die Fluglärmbelastung sollte so weit es geht reduziert werden." Antje Aurich-Haider fragt sich: Was ist, wenn wir den Lärm nicht aushalten? "Ich habe immer salopp gesagt, "in Teltow will ich alt und schusselig werden", erzählt sie, "jetzt habe ich die Sorge, dass ich hier nicht alt werde."

Volksbegehren gegen Mega-Ställe

Von der Cranachstraße in Berlin-Friedenau nach Saalow. Das ist ein 600-Seelen-Dorf in der Gemeinde Am Mellensee. Die Architektin Marianne Frey kam Anfang der 1990er Jahre wegen eines Auftrags in die Gegend. Und blieb. Mitte 1992 verließ sie mit ihrem Mann und der damals zweijährigen Tochter die Großstadt und verlegte ihren Wohnsitz aufs Land nach Brandenburg. Sie bauten dort einen alten Hof aus. Die heute 55-Jährige ahnte nicht, in welchen Wirbel sie geraten würde. Der hält bis heute an.

"Am Dorfrand plante ein landwirtschaftlicher Investor um 2000 herum eine große Putenmastanlage in einem verfallenen Rinderstall zu errichten", berichtet sie. "Mit 15.000 Puten." Es gab erste Proteste – nicht nur wegen der armen Tiere. "Man kann sich vorstellen, was da an Dreck und Umweltverschmutzung anfällt", sagt Marianne Frey. Die Gemeinde konnte die Pläne verhindern.

Schweinemastanlage mit 5000 Tieren geplant

"Dann sollte die örtliche Schweinemastanlage mit 2500 Schweinen auf 5000 Tiere vergrößert werden", erzählt sie. "Wir erfuhren das kurz vor der Genehmigung und konnten nur noch erreichen, dass hohe Auflagen erteilt wurden." Am südlichen Ende des Sees – in Klausdorf - sollten kurz darauf weitere 5000 Schweine gemästet werden.

"Im August 2013 gründeten wir die Bürgerinitiative ,Keine Massentierhaltung am Mellensee' und konnten so erreichen, dass der Besitzer des dortigen alten Rinderstalls einen Rückzieher machte", freut sich Marianne Frey. Im Mai vorigen Jahres veranstaltete die örtliche Initiative das erste Treffen aller Bürgerinitiativen Brandenburgs gegen Massentierhaltung.

Zusammen haben sie im "Aktionsbündnis Agrar­wende Berlin-Brandenburg" das Volksbegehren gegen Mega-Ställe gestartet. 103.545 Brandenburger unterschrieben es. Der Landtag beschäftigt sich voraussichtlich im April damit. "Nicht bei allen im Ort kommt mein Engagement gut an", sagt Marianne Frey. "Mittlerweile aber sind viele auf unserer Seite."

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