Neubauprojekt in Mitte

Friedrichswerdersche Kirche: Schäden waren vermeidbar

Der Baugrund in Berlin hat Tücken, die oft ignoriert werden. Wie bei der Friedrichswerderschen Kirche, die schwer beschädigt wurde.

Die Friedrichswerdersche Kirche von Schinkel hat durch das benachbarte Neubauprojekt erheblichen Schaden genommen, ein Baugerüst stützt den Sakralbau

Die Friedrichswerdersche Kirche von Schinkel hat durch das benachbarte Neubauprojekt erheblichen Schaden genommen, ein Baugerüst stützt den Sakralbau

Foto: dpa

Es ist ein Bild des Jammers. Der Innenraum der Friedrichswerderschen Kirche ist mit einem riesigen Baugerüst abgestützt, der Sakralbau, der den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden hat, weist zahlreiche Risse im Deckengewölbe, den Bodenplatten und an den Säulen auf. Der neogotische Schinkelbau war ins Wanken geraten, als vor drei Jahren auf der Westseite Pfähle in den Untergrund gerammt wurden, die die Baugrube für ein fünf- bis siebengeschossiges Luxusbauvorhaben mit Tiefgarage abstützen sollten.

Das Unglück, so die einhellige Meinung von Bauexperten, die sich am Mittwochabend zum Salonabend des Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (AIV) eingefunden hatten, wäre vermeidbar gewesen. Denn kaum etwas ist so gut erforscht wie der Untergrund in Berlins historischer Mitte.

"Wir bieten jedem Bauherren kostenlose Infos zu Bodenbeschaffenheit und Grundwasserstand", sagte Alexander Limberg, Leiter der Gruppe Geologie und Grundwassermanagement in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Berlin liege in einem Urstromtal, schon in zwei bis vier Metern Tiefe stoße man auf Wasser. Erschwerend komme hinzu, dass sich schon nach wenigen Metern Sand, in tieferen Schichten Torflinsen und anderer "schwammiger Untergrund" finde. Mit erheblichem Aufwand würden deshalb Baugrundbohrungen vorgenommen, an denen sich ablesen lasse, wie tragfähig das jeweilige Bauland sei.

"Im Bereich der Museumsinsel beispielsweise gibt es 40 Meter tiefe organische Ablagerungen – also praktisch Modder." Dass man in diesen Bereichen nur mit großem Aufwand sicher gründen könne, sei also klar. Auch im Bereich der Friedrichswerderschen Kirche sei der Boden bestens erforscht. Dass es dennoch immer wieder zu Wassereinbrüchen, Absenkungen und anderen Bauschäden komme, sei jedenfalls nicht dem Mangel an Information zuzuschreiben.

Bauvolumen neben der Kirche "krachend ausgenutzt"

"Der Berliner Baugrund ist nicht kompliziert, wir wissen, was uns erwartet", betonte auch Peter Klein. Der Ingenieur ist Sachverständiger für Spezialtiefbau und hat unter anderem die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) bei ihren Tunnelbauvorhaben für die Linie U5 beraten. Grundsätzlich sei es deshalb auch möglich, unmittelbar neben einem herausragenden Baudenkmal eine 20 Meter tiefe Grube auszuheben. "Dabei gilt es jedoch, die richtige Methode fehlerfrei anzuwenden", sagte Klein. Das könne sehr teuer und aufwendig sein. "Die Frage, ob sich dies tatsächlich lohnt, ist jedoch keine technische, sondern eine wirtschaftliche – oder auch politische", so der Ingenieur weiter.

Davon zeigte sich auch Pfarrer Stephan Frielinghaus, zu dessen evangelischer Gemeinde die Schinkelkirche gehört, überzeugt. "Das Planwerk Innenstadt ist eine politische Vorgabe, nach der festgelegt wurde, dass die Kirche wieder, wie vor dem Zweiten Weltkrieg, auf beiden Seiten eingebaut wird", sagte der Pfarrer. Im Unterschied zur Vorgängerbebauung werde das Grundstück nun aber, sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe, "krachend ausgenutzt". Und jetzt entstehe auf der Ostseite wieder ein Gebäuderiegel mit zweigeschossiger Tiefgarage. Zwar sei der Investor auf der Westseite für die Reparaturen aufgekommen. "Dennoch ist uns nun ein schwer gezeichnetes Gebäude geblieben", so das bittere Resümee des Pfarrers, der nun "das Schlimmste" befürchtet, wenn auf der anderen Seite weitergebaut wird.

Und das ist bereits seit Dezember 2015 der Fall. Das Unternehmen Frankonia hat in wenigen Metern Entfernung mit den Baggerarbeiten für Luxuswohnungen begonnen. Und das, obwohl die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung die Gefahren kennt.

>>> Kommentar: Wer Schaden verursacht, muss Verantwortung übernehmen <<<

"Weitere Schäden können nicht ausgeschlossen werden"

"Es kann leider grundsätzlich nicht ausgeschlossen werden, dass durch das Bauvorhaben auf dem Nachbargrundstück der Friedrichswerderschen Kirche weitere Schäden an dem Gebäude entstehen können", teilte Petra Rohland, Sprecherin von Bausenator Andreas Geisel (SPD), auf Anfrage der Berliner Morgenpost mit. Man habe aber Messsysteme installiert, die zur Überwachung der Auswirkungen auf das Baudenkmal dienen. "Zugleich wurde eine Melde- und Alarmkette eingerichtet, die bei Erreichen der festgelegten Schwellen- und Alarmwerte die zuständigen Sachverständigen und Behörden informiert." Werde dieser Wert erreicht, würde die Baumaßnahme unverzüglich gestoppt, betonte Rohland.

Den Zuhörern der Podiumsveranstaltung reichte diese Aussage jedenfalls nicht: "Auf Biegen und Brechen wird hier ein Bauvorhaben umgesetzt und der Senat übernimmt dafür noch nicht einmal die Verantwortung", empörte sich Wolfgang Schuster, Architekt und AIV Mitglied, unter dem Applaus der Zuhörer.

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