Export Berliner Unternehmen setzen auf den Iran

Straßenszene in Teheran

Foto: Abedin Taherkenareh / dpa

Straßenszene in Teheran

Neue Märkte für Berliner Firmen: Exporte in den Iran könnten 167 Millionen Euro erreichen.

Berlin.  Der Iran ist für die Berliner Wirtschaft ein Zukunftsmarkt von hoher Bedeutung. In den kommenden Jahren könnten die Exporte ein Volumen von 167 Millionen Euro erreichen, schätzt die Industrie- und Handelskammer.

Mit dem Ende der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran hat ein neues Kapitel in den deutsch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen begonnen. Die Zeichen stehen gut, dass auch Berlins Exportwirtschaft an die traditionell guten Handelsbeziehungen mit dem Iran anknüpfen kann. Denn die Beziehungen waren in der Vergangenheit blendend. "Das Land war vor zehn Jahren als Handelspartner so bedeutend wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zusammen, die derzeit wichtigsten Märkte im Nahen und Mittleren Osten", sagt Sami Bettaieb, Koordinator für internationale Märkte bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Berlin.

Hubertus Soppert, Geschäftsführer des Berliner Wasserwirtschaftsspezialisten p2m, ist seit 2003 im Iran aktiv. Sein Ingenieurbüro sucht für vier iranische Städte, darunter Teheran, Isfahan und Schiras, Lösungen für das Wasser- und Abwassermanagement. Zurzeit handele es sich um Forschungsprojekte auf wissenschaftlich hohem, wirtschaftlich aber niedrigem Niveau, sagt Soppert. Doch das werde sich ändern. "Wir werden aus dieser Talsohle herauskommen."

Siemens hofft auf Auftrag zur Stromversorgung

Ein Problem ist aus Sopperts Sicht noch die Finanzierung. Er hofft auf eine Rückkehr internationaler Finanzorganisationen wie der Weltbank oder der Asian Development Bank nach Teheran. "Wenn die Finanzierungsbasis gegeben ist, ist das für Unternehmen ein sicheres Signal mitzumachen", sagt er. "Die Geschäfte werden sich in den nächsten drei Jahren positiv entwickeln, in fünf bis sieben Jahren boomen."

Der Berliner Medizintechnik-Spezialist Riele, der Photometer zur Blutuntersuchung herstellt, gibt eine eher verhaltene Prognose an. Vertriebschefin Isabel Riele berichtet über ihre seit zehn Jahren kontinuierlichen Exporte in den Iran. "Wir erwarten keine großartige Steigerung des Geschäfts", sagt sie. "Wir waren von den Sanktionen auch nicht so stark betroffen und durften exportieren." Wege zur Zahlungsabwicklung habe es auch immer gegeben. Mal über eine Bank in Dubai, mal über einen Teppichhändler aus Hamburg. Wie es bei der Kammer heißt, exportiert auch der Mittelständler Knauer in den Iran. Das Berliner Unternehmen stellt wissenschaftliche Labormessgeräte her. Ein weiterer wichtiger Exporteur ist die Isoliertechnik Wendt.

Der Elektrokonzern Siemens will an seine seit 1869 bestehenden Kontakte anknüpfen. "Wir sind in Gesprächen über Infrastrukturprojekte", sagte ein Sprecher. In welchem Umfang der Standort Berlin davon profitieren werde, konnte er noch nicht sagen. Turbinen gehörten aber dazu. Bislang gebe es nur eine Absichtserklärung über die Lieferung einer Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke zwischen Teheran und Isfahan sowie 500 Regionalzügen im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Aber auch bei der Stromversorgung gibt es Nachholbedarf. Und da wären dann Siemens-Werke in Berlin am Zug.

Die IHK erwartet einen Anstieg der jährlichen Berliner Ausfuhren in den Iran auf etwa 167 Millionen Euro innerhalb der kommenden fünf bis sieben Jahre. Zuletzt lieferten gut 100 Berliner Unternehmen ihre Produkte in den Iran. Viele Unternehmer haben seit 2015 ihre oft seit Jahrzehnten bestehenden Kontakte in den Iran aufgefrischt und können jetzt Geschäftsaktivitäten und -vorhaben konkretisieren und ausweiten. "Es gibt einen regen Reisebetrieb", berichtet Sami Bettaieb. Eine Berliner Delegationsreise wäre Ende 2016/Anfang 2017 möglich. Um Kontaktpflege wird es auch beim Besuch einer Delegation von 50 Unternehmern aus dem Iran diese Woche in Berlin gehen. Die Gäste kommen aus den Branchen Maschinenbau, Gesundheitswirtschaft und Anlagenbau.

Auch die Senatsverwaltung für Wirtschaft und Technologie hat nach der Aufhebung der Sanktionen große Hoffnungen auf eine Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit dem Iran als bevölkerungsreichem Land (rund 80 Millionen Einwohner) mit großen Ölreserven und einem starken Modernisierungsbedarf für die In­frastruktur. "In den 70er-Jahren war der vorrevolutionäre Iran Deutschlands wichtigster Handelspartner außerhalb Europas nach den USA. Im Jahr 2014 rangiert er auf Platz 50 der wichtigsten Märkte und auf Platz 52 für Berliner Produkte", erklärt die Senatsverwaltung.

Eingeschränkter Finanztransfer ist größtes Hindernis

Erneuern müsste der Iran vor allem seinen Maschinenpark, den Fahrzeugbau, die Baustoffindustrie, das Wassermanagement, die Abfallwirtschaft, das Energiesystem und die Gesundheitsbranche. "Besonders in diesen Bereichen hat Berlin spezifische Stärken." Produkte in den Bereichen Maschinenbau, Pharmazie und Elektrotechnik gehören schon jetzt zu den wichtigsten Berliner Exporten in den Iran. Wasser- und Umweltwirtschaft, Gesundheit und Energie gehören zu den stark wachsenden innovativen Kompetenzfeldern der Stadt.

Doch es gibt auch Hemmnisse: "Besonders für klein- und mittelständische Unternehmen ist dabei aber der internationale Wiederanschluss des iranischen Bankensektors essenziell, denn die stark eingeschränkten Finanztransfers gehören weiterhin zum größten Hindernis im Iran-Geschäft", sagt Sami Bettaieb, IHK-Koordinator für internationale Märkte. Die Wirtschaftsverwaltung sieht das ähnlich und nennt den niedrigen Ölpreis als weiteren Hinderungsgrund für eine schnelle Entwicklung des Handels.

Im Idealfall könnte sich die Zusammenarbeit Berlins mit dem Iran auf dem Niveau von Saudi-Arabien bewegen, das ebenfalls einen Nachholbedarf an Infrastruktur mit starken Einnahmen aus der Ölförderung finanziert und heute (mit Exporten in Höhe von 700 Millionen Euro von Januar bis Oktober 2015) Platz vier der Berliner Exportstatistik belegt. Aber auch die Vereinigten Arabischen Emirate – mit rund 200 Millionen Euro auf Platz 16 der Export-Rangliste – wären aus Sicht der Wirtschaftsverwaltung zunächst eine gute Zielmarke für den sehr viel größeren Iran.

Sogar mehr wäre denkbar. Wegen seiner strategisch günstigen Lage könnte Teheran zur Handelsdrehscheibe des Mittleren Ostens werden, sagt Sami Bettaieb.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter