Flüchtlinge in Berlin Belegte Hallen: 10.000 Kinder können keinen Sport machen

An der Mark-Twain-Grundschule steht nur noch eine kleine Sporthalle zur Verfügung

Foto: Ricarda Spiegel

An der Mark-Twain-Grundschule steht nur noch eine kleine Sporthalle zur Verfügung

Flüchtlinge in Turnhallen: Berliner Schulen erhalten jetzt ein Budget, um Alternativen für den Sportunterricht in der Nähe zu suchen.

Der Sportunterricht in Berlin findet für Tausende Schüler nur noch eingeschränkt statt. Nach Angaben der Bildungsverwaltung sind 65 Schulen von der Belegung der Sporthallen durch Flüchtlinge betroffen. Für etwa 10.000 Schüler fallen deshalb viele Sportstunden aus. Das soll sich jetzt ändern. Die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) stellte am Freitag ein Bündnis für den Schulsport vor, das den betroffenen Schulen Alternativen zur Sporthalle in ihrem Umfeld bieten soll. Jede betroffene Schulklasse erhält ein Budget von 500 Euro bis April. Danach wird das Guthaben nach Bedarf erneuert. Insgesamt stehen 1,5 Millionen Euro bereit. Über das Internetportal der Eversport GmbH können betroffene Schulen jetzt unkompliziert mit ihrem Guthaben Rabattangebote für Schulklassen in gewerblichen Sportcentern buchen.

Aktuell gibt es 40 Anbieter und täglich sollen neue dazukommen. Genutzt werden kann das Geld zum Beispiel für Schwimmhallen, Karatekurse, Streetdance, Eissport oder andere Anbieter. Bündnispartner ist auch der Berliner Leichtathletik-Verband. "Wir bieten allen Schulen Lauftreffs mit Übungsleitern in ihrer Umgebung an und Sportwandertage, zum Beispiel in den Olympiapark", sagte Gerhard Janetzky, Präsident des Verbandes.

Die Bildungsverwaltung geht davon aus, dass die Hallen ab Mai wieder schrittweise freigezogen werden. Allerdings dauere es dann noch im Durchschnitt sechs Monate, bis die Hallen wieder einsatzbereit sind für den Unterricht. Auch darüber hinaus soll das Bündnis dem Schulsport nutzen. In Zukunft könnte das Internetportal eine Möglichkeit bieten, um mehr Aktivitäten außerhalb der Schule durchzuführen.

Die betroffenen Schulen freuen sich über die neuen Angebote, sind jedoch skeptisch, ob sie den Unterrichtsausfall tatsächlich auffangen können. Wie organisieren die Schulen den Unterricht? Die Berliner Morgenpost hat beispielhaft drei Schulen besucht:

Das Fußballtraining am Nachmittag fällt aus

Die Kinder der Mark-Twain-Grundschule in Reinickendorf können in diesem Winter weniger toben als sonst. Die große Turnhalle, die die Schule gemeinsam mit der Max-Beckmann-Oberschule nutzt, ist seit Ende Dezember eine Notunterkunft für Flüchtlinge. Jetzt bleibt den Grundschülern nur noch die kleine Halle. Doch die reicht nicht aus, um die Sportstunden für alle Kinder zu sichern. "Einige Klassen gehen zum Sport in die benachbarte Schule. Durch die Wegzeiten werden dann aus zwei Unterrichtsstunden nur noch eine", sagte die Schulleiterin Verena Thamm. Doch nicht nur der Sportunterricht leide. In der gebundenen Ganztagsschule hätten viele Kinder nachmittags in der großen Halle Fußball und Handball im Verein trainiert. Das sei nicht mehr möglich.

"Die Option, mit den Kindern in andere Sporteinrichtungen zu gehen, kommt für uns leider nicht infrage", sagte die Schulleiterin. In der Nähe der Schule gebe es nur eine Schwimmhalle. Doch dorthin müssten mindestens zwei Kollegen, ein Mann und eine Frau, die Kinder begleiten. Das sei personell nicht zu stemmen.

Flüchtlingsunterbringung in Berliner Sporthallen

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Neben der Mark-Twain-Grundschule ist in Reinickendorf auch die Ringnes-Grundschule in Heiligensee betroffen. Sportunterricht konnte seit Mitte Dezember nur im Freien oder gar nicht stattfinden. Seit Februar können die Schüler nun die Halle der wenige Meter entfernten Otfried-Preußler-Grundschule mit nutzen. Einschränkungen im Sportunterricht bedeutet das für beide Grundschulen in Heiligensee. "Wir unterrichten je Klasse nicht drei, sondern zwei Sportstunden und geben die betreffenden Sportstunden an die Ringnes-Schule ab", sagte Pia Michels, Konrektorin der Otfried-Preußler-Grundschule. Dazu habe der gesamte Stundenplan geändert werden müssen, das sei aufwendig gewesen. Wie lange die Reglung gelten werde, sei ungewiss.

Die beiden Grundschulen können nun auch auf Tanzstudios oder Kletterhallen ausweichen. "Das ist gut, aber wie die Schulen diese Mittel nutzen können, wird davon abhängen, ob es in der Umgebung überhaupt solche Angebote gibt", sagte Katrin Schultze-Berndt, Bildungsstadträtin von Reinickendorf (CDU). Im Bezirk Neukölln sind fünf Sporthallen an drei Schulstandorten durch Flüchtlinge belegt. "Dass trotzdem nur wenig Sportunterricht ausfällt, ist eine große Leistung des Schulsportkoordinators", sagte Bildungsstadtrat Jan-Christopher Rämer (SPD). Noch eine Halle weniger könnte der Bezirk jedoch nicht mehr verkraften.

Gute Koordination: Nur wenige Stunden fallen aus

Schon jetzt haben betroffene Schulen in Neukölln die Möglichkeit, auf das Eisstadion auszuweichen. Das Bezirksamt hatte schon vor dem Sonderprogramm der Senatorin beschlossen, Schulklassen, die von Einschränkungen im Sportunterricht betroffen sind, vom Eintritt zu befreien. Zudem hat der Bezirk einen Klassensatz an Schlittschuhen gespendet. Dadurch kann der Verleiher Sonderkonditionen anbieten.

Wie immens der logistische Aufwand ist, um den Sportunterricht aufrechtzuerhalten, zeigt das Beispiel der Clay-Schule. Die Sekundarschule mit 1100 Schülern nutzt eigentlich eine Doppelstock-Turnhalle in zwei Kilometer Entfernung, doch die musste mit Flüchtlingen belegt werden.

"Jetzt gehen die Schüler in fünf unterschiedliche Hallen an umliegenden Grundschulen", sagt der Sportkoordinator des Bezirks, Edgar Damm. Zunächst habe er sich alle Hallenpläne schicken lassen und festgestellt, wo noch Luft ist. Anschließend mussten alle beteiligten Grundschulen ihre Stundenpläne ändern, damit die Sekundarschüler dort unterkommen können. "Drei Hallen sind fußläufig zu erreichen, für die anderen beiden hat der Bezirk einen Shuttleservice mit Bussen bereitgestellt", sagte Damm. Für solche Busshuttles werden den Bezirken jetzt vom Senat jeweils maximal 20.000 Euro zur Verfügung gestellt. "Wir sind stolz, dass keine Stunde ausfällt, aber wir haben auch die Grenze des Machbaren erreicht", sagte der Sportlehrer Damm. Die Möglichkeit, auch andere Sportstätten wie das Eisstadion zu nutzen, sei gut, aber nicht für alle Schulstandorte zu realisieren.

Yogaunterricht direkt im Klassenraum

Die Lehrer der Marcel-Breuer-Schule müssen erfinderisch sein, wenn sie Sport unterrichten wollen. Erst war die Sporthalle am Schulstandort in Weißensee ein halbes Jahr wegen Legionellen gesperrt. Dann wurde die zweite Halle der Schule an der Malmöer Straße im November zur Flüchtlingsunterkunft. "Mehr als zwei Monate hatten wir dadurch gar keine Möglichkeit, eine Halle zu nutzen, denn der Legionellenbefall ist erst seit Mitte Januar behoben", sagte Holger Sonntag, Schulleiter des Oberstufenzentrums für Holztechnik, Glastechnik und Design.

Jetzt könne der Unterricht nur sehr eingeschränkt stattfinden, so der Schulleiter. Vorrang hätten dabei die Schüler der gymnasialen Oberstufe und der Fachoberschule, die die Sportnote für ihren Schulabschluss benötigen. Die Schule bietet verschiedene Bildungsgänge für mehr als 1500 Schüler. Damit auch die anderen Schüler zu etwas Bewegung kommen, hätten die Sportlehrer kreative Ideen. "Da wird schon mal der Klassenraum ausgeräumt und eine Yogastunde veranstaltet", sagte der Schulleiter. Für die Berufsvorbereitungsklassen ist ein Fußballturnier geplant. Und in dem milden Winter konnte der Sport häufig einfach im Freien stattfinden.

Gern würde der Schulleiter den Schülern noch mehr Alternativen bieten. "Wir warten schon ungeduldig auf das Budget für Kletterhallen und andere Sportstätten", sagte Holger Sonntag. Und er hoffe, dass die Halle in der Malmöer Straße bald wieder zur Verfügung steht. Es sei eine moderne, besonders gut ausgestattete Halle, sogar mit einer Kletterwand. Mit dem Betreiber der Notunterkunft stehe die Schule in gutem Kontakt. Der Schulhausmeister schaue regelmäßig vorbei. Und auch unter den Schülern gebe es trotz der Einschränkungen eine große Unterstützung für die Flüchtlinge.

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