Angebliche Vergewaltigung

Wie Berlins Rechte um die Gunst der Russlanddeutschen buhlt

Zwei Demonstrantinnen halten vor dem Kanzleramt ein Plakat mit der Aufschrift „Schützt unsere Kinder und Frauen“

Foto: Heimann,Theo / action press

Zwei Demonstrantinnen halten vor dem Kanzleramt ein Plakat mit der Aufschrift „Schützt unsere Kinder und Frauen“

Nach dem Fall der vemeintlichen Vergewaltigung eines Mädchens aus Marzahn wittern Parteien wie NPD und AfD ihre Chance.

Das passende Plakat war schnell entworfen. "Gleiche Rechte für alle Landsleute! Russlanddeutsche, willkommen zu Hause!", hieß es da, und neben den Buchstaben wurden schwarze Matroschka-Puppen platziert. Vergangenen Montag verbreitete die Berliner NPD diesen Gruß auf ihren Facebook-Seiten. Zwei Tage, nachdem einige Mitglieder der Partei an einer von Russlanddeutschen organisierten Demons­tration teilgenommen hatten.

Das russlanddeutsche Mädchen aus Marzahn, das Auslöser der Demonstration war, hat seine vermeintliche Entführung und Vergewaltigung durch "südländisch aussehende Männer" nur erfunden. Das ergaben die Ermittlungen der Berliner Polizei. Doch das ist Nebensache, die Sache ist ins Rollen gebracht. Ein Teil der russlanddeutschen Gemeinschaft in Berlin fürchtet sich jetzt vor Gewalt durch Flüchtlinge. Die Ereignisse in der Kölner Silvesternacht, dazu tendenziöse Berichterstattung russischer Medien, alles kam zusammen.

Und die NPD wittert ihre Chance. Sie sieht in der Community eine neue Zielgruppe. Eine, die sich, wie es unter den Rechtsextremen heißt, in Teilen kaum für deutsche Politik interessiert und die jetzt durch ihre "besondere Betroffenheit" mobilisiert werden kann.

Ein Wahlprogramm der AfD auf Russisch

Der Fall des angeblich entführten Mädchens wird nicht nur bei der NPD instrumentalisiert. Auch die Alternative für Deutschland (AfD) spekuliert auf neue Wähler. Der Berliner Pegida-Ableger Bärgida hat Kontakt zu den Veranstaltern der Demonstration aufgenommen.

Die NPD etwa will ihren "Arbeitskreis der Russlanddeutschen in der NPD" jetzt wieder stärken. Dieser wurde 2008 gegründet, erlahmte aber rasch. Die Russlanddeutschen wurden nach und nach rausgeekelt, da sie den NPD-Mitgliedern nicht deutsch genug waren. Das soll nicht noch mal passieren. "Willkommen zu Hause", die neuen Plakate geben die Richtung vor.

Bei der AfD treten Russlanddeutsche zwar nicht massenweise bei, sagt ein Mitglied aus dem Berliner Landesverband. "Aber es gibt Schnittmengen." So positionieren sich die Rechtspopulisten zum Beispiel klar gegen die Russland-Sanktionen. Und: "Auch die Russlanddeutschen pflegen ihre deutsche Identität." Schon länger tauscht sich die AfD-Spitze mit dem Kreml aus.

Gezielte Steuerung durch den Kreml?

Einer der ersten, der das erkannte, war Alexander Gauland. Der Fraktionschef ließ schon zur Landtagswahl in Brandenburg 2014 das gesamte Wahlprogramm auf Russisch übersetzen. Und der kürzlich zum Berliner Landesvorsitzenden gewählte Georg Pazderski organisierte bereits Treffen mit Vertretern aus Russland in der russischen Botschaft. Das AfD-Mitglied, das lieber anonym bleiben möchte, wundert sich über diesen Vorstoß. "Er ist eigentlich kein Putin-Versteher." Doch offenbar heiligt der Zweck die Mittel.

>>>Chronik: Wie eine Lüge zum Fall für den Kreml wurde<<<

Auch Russland sucht den Kontakt zu Deutschlands Rechten. Manche Experten vermuten im Fall des 13-jährigen Mädchens sogar eine gezielte Steuerung durch den Kreml. Nicht ganz leicht zu verstehen ist, wie empfänglich die Russlanddeutschen in Berlin für rechtes Gedankengut eigentlich sind. Ein gewisser Teil sei es sicherlich, sagt Dmitri Geidel, Juso-Vorsitzender in Marzahn-Hellersdorf.

Besonders seit der Flüchtlingskrise. Denn gerade diese Gruppe sieht sich nicht als Migranten, sondern auf Grund ihrer Vergangenheit als Deutsche. Sie gilt als vorbildlich integriert, hat aber ein größeres Misstrauen gegenüber den Neulingen. "Wir befolgen die Regeln in Deutschland. Das müssen die Flüchtlinge auch", sagte eine Frau auf der Demonstration.

Bürgerwehren in Marzahn wohl nur leere Drohung

Einige seien inzwischen aber verschämt darüber, dass sie gemeinsam mit der NPD demonstriert hätten, sagt Geidel. "Der Sieg über Nazi-Deutschland ist bei vielen sehr wichtig für das Selbstbild. Eine Verbrüderung mit der NPD passt da eigentlich nicht hinein." Geidel weiß auch, dass in Online-Foren dazu aufgerufen wurde, auf die Straße zu gehen und zu patrouillieren. Er bezweifelt, dass es dazu kam oder noch kommen wird. "Da wollten nur welche ihre Muskeln spielen lassen."

Die Community ist ideologisch sehr heterogen. Bei der Bürgerinitiative "Wir sind gegen Gewalt", die sich an der Demonstration vor dem Kanzleramt beteiligte, hatte man vorab extra darauf hingewiesen, dass keine Hetze betrieben werden sollte. Im Netz wurden Slogans veröffentlicht, die benutzt werden sollten. Rassistische oder fremdenfeindliche waren nicht darunter. Die Gruppe setzt sich überwiegend aus Eltern in Marzahn-Hellersdorf zusammen. Dass sie demonstrierten, war Ausdruck der Angst um ihre Kinder – und nur in Teilen Ausdruck von Ressentiments gegenüber Flüchtlingen.

Aber da gibt es eben auch den sogenannten "Internationalen Konvent der Russlanddeutschen". Der Verein meldete die Demonstration an, und obwohl viele in der russischdeutschen Gemeinschaft die Vereinsmitglieder für "Wirrköpfe" halten, mobilisierte er nach eigenen Angaben 2000 Menschen vor dem Kanzleramt. Unter dem Motto "Gegen sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen gegen Frauen und Kinder".

Kontakte zur NPD und nach Russland

Es war auch der Konvent, der die Gerüchte über die angebliche Entführung der 13-Jährigen durch Flüchtlinge gezielt streute. "Mir war von Anfang an klar, dass das Mädchen von Migranten festgehalten und vergewaltigt wurde", sagt der Vorsitzende Heinrich Groth. Der 64-Jährige war in der Sowjetunion Anführer der Organisation "Wiedergeburt", der sich 130.000 Russlanddeutsche anschlossen, um eine Wiedergründung der sogenannten Wolgarepublik zu erreichen – die autonome Republik der Russlanddeutschen. Ohne Erfolg

Als Groth 2002 nach Berlin kam, gründete er den Konvent, dem heute nur rund 50 feste Mitglieder angehören. Groth meint aber, für die gesamte Gemeinde der rund 40.000 Berliner Russlanddeutschen sprechen zu können. Er hat, wie er sagt, Kontakte zur russischen Regierung, die Staatsmedien luden ihn zu einem Interview nach Moskau, das aber nicht stattfand.

Schon früh stellte der Konvent Kontakte zur NPD her, inzwischen soll es sie nicht mehr geben. Groth selbst war 2006 Kandidat für die extrem rechte "Offensive D" in Marzahn-Hellersdorf – einem Nachfolger der Schill-Partei. Heute sympathisiere er vor allem mit Pegida, sagt Groth, "sie sind ähnlich wie wir".

Dabei passen seine Thesen auch ganz gut zur AfD. Denn Groth, der einen Doktor in Biologie hat, befürchtet, dass die Deutschen auf Grund der Zuwanderung in 30 Jahren in der Minderheit sein werden. "Das ist wie bei den Fischen." Was ein bisschen nach Bernd Höcke klingt. Der Thüringer AfD-Politiker referierte jüngst über Reproduktionsstrategien. In Afrika überwiege der "Ausbreitungstyp", in Europa der "Platzhaltertyp". Mit den Begriffen, die Höcke verwendete, wird normalerweise die Fortpflanzung von Säugetieren beschrieben.

Eine neue Gelegenheit, sich mit den Russlanddeutschen zu verbrüdern, bietet sich den rechten Parteien bald. Im Februar plant der Konvent die nächste Demonstration.

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