Kolonie Oeynhausen

4000 Euro Entschädigung für einen Berliner Kleingarten

150 Kleingärtner der Kolonie Oeynhausen müssen heute ihre Schlüssel abgeben. Auch Familie Schlehs Parzelle muss Wohnungen weichen.

Helga und Wolfgang Schleh fällt die Trennung von ihrem Garten in der Kolonie Oeynhausen schwer

Foto: Massimo Rodari

Helga und Wolfgang Schleh fällt die Trennung von ihrem Garten in der Kolonie Oeynhausen schwer

Die Stimmung in der Kolonie Oeynhausen ist am Boden, viele Kleingärtner sind frustriert. Viele Jahre haben sie gekämpft, 85.000 Unterschriften beim Bürgerbegehren für den Erhalt ihrer Parzellen erhalten. Doch alles hat nichts genützt. Es darf gebaut werden. So das Gericht.

Am Sonntag ist deshalb Schluss. Nur die Hälfte der Kleingärtner darf bleiben. Das sieht der Kompromiss mit dem Eigentümer, der Groth Gruppe, vor, den das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf und der Bezirksverband der Kleingärtner Berlin Wilmersdorf geschlossen haben. CDU, SPD und Grüne haben zugestimmt, die Piraten nicht.

Der Kompromiss besteht darin, dass auf der Hälfte des Grundstücks sechsgeschossig gebaut werden darf. Statt dreigeschossig auf der ganzen Fläche, wie es das Baurecht vorsieht. Deshalb müssen 150 der 300 Kleingärtner am heutigen Sonntag ihre Schlüssel abgeben. Für immer.

In der dritten Generation die Scholle beackert

Zu ihnen gehört auch das Ehepaar Helga und Wolfgang Schleh. Sie ist 80 Jahre alt, er 79. Bereits in der dritten Generation beackern sie die Scholle. Der Großvater von Wolfgang Schleh hatte 1911 dort angefangen, sieben Jahre nach Gründung der Kolonie Oeynhausen in Schmargendorf. "Von Mai bis September waren wir eigentlich immer draußen", denken die zwei wehmütig zurück.

Jetzt fühlen sie sich, als wenn sie vor einem Scherbenhaufen stehen, sagen die beiden. Enttäuscht vom Vorstand und vom Verband der Kleingärtner, die das Gelände selbst hätten von der Post kaufen können, enttäuscht auch von der Politik. Da hilft auch die angekündigte Entschädigung in Höhe von etwas mehr 4100 Euro nicht. "Das reicht mal gerade für einen kleinen Urlaub. Wir haben gehofft, unsere letzten Jährchen noch den Garten zu haben. Wir hatten dort eine Aufgabe und sind fit geblieben."

Exakt 821 Tomaten im Sommer 2015 geerntet

Seit 1958 hat das Paar die Laube gemeinsam genutzt. Die ersten Möbel stehen noch dort in dem kleinen Steinhäuschen mit dem hellen Rauputz, zu dem auch ein Schuppen mit Veranda gehört. Alles selbst ausgebaut. So manche Party mit dem Kegelverein wurde dort in den 80er- und 90er-Jahren gefeiert. "Die Stube zwölf Quadratmeter groß, die Küche sechs, gerade die richtige Größe", sagt Helga Schleh. Die Trennung fällt schwer. Und es scheint, als ob das Paar es noch nicht wirklich glauben kann, dass die so vertraute Ecke, die es fast 60 Jahre genutzt hat, ihm schon bald nicht mehr gehört.

Fein säuberlich hat die frühere Sachbearbeiterin über die Jahre die Ernteergebnisse notiert. Und die waren beträchtlich: 44 Kilogramm Rhabarber in den vergangenen fünf Jahren, zehn Kilo Erdbeeren, 79 Kilo rote Johannisbeeren. "Vergangenes Jahr haben wir noch einen halben Zentner Kartoffeln von nur drei Reihen eines Beetes geerntet", erinnern sich die zwei. Nicht ohne Freude und ein wenig Stolz.

Überhaupt können sie sich auch an die schlechten Zeiten erinnern nach dem Krieg, als sie mit Gemüse und Obst aus dem Garten gut über die Runden kamen. Und die Qualität ist ohnehin top. "Unsere Kohlrabi duften doch ganz anders als die gekauften, die haben wenigstens noch Geschmack", sagt Wolfgang Schleh, der zudem 821 Tomaten im Sommer geerntet hat.

Vorbei. Aus. Woanders noch einmal anzufangen, das wollen die Schlehs nicht. "Wir würden immer vergleichen, wie schön wir es hier hatten. Im Sommer bin ich oft schon frühmorgens um halb fünf in den Garten gegangen. Wir haben es ja nicht weit gehabt", sagt Wolfgang Schleh.

Räumungsbescheid einen Tag vor Heiligabend

Dass der Kleingärtnerverband die Ankündigung mit der Räumung zum 31. Januar einen Tag vor Heiligabend schickte, hat das Paar hart getroffen. Auch für andere Betroffene hing über dem Weihnachtsfest ein dunkler Schatten. Es gab Gründe, sagen hingegen die Absender. Groth will möglichst schnell anfangen zu bauen. Möglichst noch in diesem Jahr. Und zur Räumung des Baugrundstücks gehört auch, dass Bäume gefällt werden. Und dafür müssen Fristen eingehalten werden.

Auch das Vereinsheim steht auf der Hälfte des Landes, die bebaut wird. Pächter Frank Sassoli darf eine Woche länger als die Kleingärtner bleiben. Auch ihn trifft die Kündigung hart. Seit sechs Jahren ist er da. Nach dem Umbau und der Investition von rund 40.000 Euro ist nach seiner Aussage das Gasthaus mit dem Biergarten an der Friedrichshaller Straße 3–5 gut besucht. Auch die Schmargendorfer Nachbarschaft schätze das gastronomische Angebot.

Jetzt muss er seine Existenz neu aufbauen und sucht schnell eine gastronomische Einrichtung mit Vorgarten. Denn mit dem geplanten Ersatzvereinsheim ist erst in einigen Jahren zu rechnen. Auch seine vier Angestellten werden arbeitslos. Der 57-Jährige sagt, er habe nicht damit gerechnet, dass er weg muss. Aber er muss. So wie die Schlehs auch.

Wenn ihre Laube abgerissen wird, verreisen sie

Sogar an einem der letzten Tage in ihrem Garten erfreut sich das Ehepaar noch an der Natur dort. Drei knorrige Apfelbäume, 70 Jahre alt mit unterschiedlichen Sorten, stehen dort, als ob ihnen niemand etwas anhaben könnte, und der 40 Jahre alte Süßkirschenbaum "hat schon wieder schön Knospen angesetzt", zeigt Wolfgang Schleh.

Wenigstens den Teich mit den Molchen kann noch jemand gebrauchen. Ein Mann vom Schwielowsee will ihn mitnehmen, der dort auch einige Lauben als Ferienwohnungen wiederaufstellen will. Mit dem Steinhaus der Schlehs ist das aber nicht möglich. In den 60er-Jahren, als beide noch arbeiteten, er bei Reemtsma in der Produktion, sie im Büro, haben die Schlehs auch gern mal im Garten übernachtet, sogar draußen auf Liegestühlen. Sie stellten sich den Wecker, um morgens nicht zu verschlafen. Das würden sie sich heute nicht mehr trauen. Aber die Erinnerung daran lockt beiden ein kleines Lächeln ins Gesicht.

Der Abschied fällt schwer. Doppelt schwer. Denn das Ehepaar verliert nicht nur die Laube, sondern aus seiner Wohnung an der Kissinger Straße auch noch den unverbauten Blick ins Grün der Kolonie. Täglich wird ihm vor Augen geführt, wie die 900 geplanten Wohnungen dort in die Höhe wachsen. "Wenn die Fenster wenigstens zur anderen Seite wären, die Sonnenaufgänge sehen wir dann ohnehin nicht mehr, und durch die Neubauten wird es dunkel in unserer Wohnung werden", fürchten sie. "Lass das erst mal losgehen, dann ist das jeden Tag wie ein Stich ins Herz", sagen sie.

Wenn es soweit ist, dass ihre Laube abgerissen wird, wollen sie ein paar Tage wegfahren. Auch wenn die Bäume abgesägt werden.

Zur Startseite