Charlottenburg

In Charlottenburg entstehen 1100 neue Wohnungen an der Spree

Hier soll das neue Wohnquartier entstehen

Foto: BM Grafik / BM

Hier soll das neue Wohnquartier entstehen

Ungewöhnliches Projekt: Auf dem Gelände eines alten Tanklagers neben dem Kraftwerk Charlottenburg sollen Wohnungen entstehen.

Berlin wächst kontinuierlich, allein in den vergangenen drei Jahren um rund 120.000 Einwohner. Der Mangel an Wohnungen hat dazu geführt, dass die landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften, aber auch private Bauherren allerorten nach Arealen Ausschau halten, die sich für den Wohnungsbau eignen.

Insbesondere in Charlottenburg-Wilmersdorf gibt es kaum noch verfügbare Flächen. Doch Not macht erfinderisch, wie die Mitglieder des traditionsreichen Deutschen Werkbundes beweisen. Der 1907 gegründete Zusammenschluss von Designern, Architekten, Industriellen und Kaufleuten hat in bester Spreeuferlage ein 28.000 Quadratmeter großes Areal entdeckt, dass Platz bieten soll für 1100 Wohnungen: ein altes Tanköllager.

Die Quartiersentwicklung mit Wohnungen auf dem alten Tanklager gleich neben dem Kraftwerk Charlottenburg wären ein absoluter Glücksgriff für den Bezirk, signalisierte Baustadtrat Marc Schulte (SPD) seine Unterstützung für das Projekt, das die Werkbund-Initiatoren am Donnerstagabend erstmals der Öffentlichkeit präsentierten.

Vattenfall verzichtet auf Rechte

Zu der Informationsveranstaltung in der Mierendorff-Grundschule waren rund 100 interessierte Anwohner gekommen. Schulte hatte auch gleich seinen Stadtplanungsamtsleiter mitgebracht, der die Ausgangssituation und die rechtlichen Rahmenbedingungen für das Bauvorhaben erläuterte. "Derzeit befinden sich auf dem Grundstück ein Tanklager sowie ein Wohngebäude", erläuterte Rainer Latour. Westlich grenze das Kraftwerk Charlottenburg an, das von Vattenfall betrieben werde. Eine Umwidmung von Gewerbe zu Wohnen könne nur gelingen, wenn Vattenfall auf bestimmte Emissionsrechte verzichte. Allerdings sei dies de facto bereits der Fall.

Einige der Bauwerke auf dem Kraftwerksgelände seien seit Jahren nicht mehr in Betrieb. Gegenwärtig seien auch das angrenzende Tanköllager und ein weiteres angrenzendes Grundstück als Gewerbestandort ausgewiesen. Eine vom Eigentümer des Geländes geplante Ansiedlung eines großflächigen Einzelhandels habe der Bezirk erfolgreich verhindert.

"Eigentümer und Bezirk sind in die Schützengräben gegangen"

Latour räumte ein, dass es dem Bezirk zwar gelungen sei, die Pläne des Eigentümers zu vereiteln – jedoch sei damit auch jede weitere Entwicklung jahrelang ausgebremst worden. "Der Eigentümer ist in die Schützengräben gegangen – wir auch", beschrieb Latour den von rechtlichen Auseinandersetzungen geprägten Zustand, den der Werkbund nun mit seiner Entwicklungsinitiative endlich beenden will. Es sei gelungen, beide Seiten wieder an einen Tisch zu bringen, sagte Claudia Kromrei, Vorsitzende des Berliner Werkbundes. Und tatsächlich hatte die Hamburger Plus Bau Projektentwicklungs GmbH einen Vertreter nach Berlin geschickt, der an der Veranstaltung teilnahm.

"Wir als Grundstückseigentümer sehen in den Plänen die seltene Gelegenheit im konstruktiven Zusammenwirken zwischen dem Bezirk, dem Werkbund Berlin und uns als Grundstückseigentümer eine nachhaltige städtebauliche Veränderung zu bewirken", teilte Michael Lange, Geschäftsführer der Plus Bau, auf Anfrage der Berliner Morgenpost mit. " Wir sehen die Chance, auf dem Tanklagergelände ein attraktives Stück Stadt für einen breiten Teil der Bevölkerung Berlins zu schaffen und gehen davon aus, dass das benachbarte Quartier von dieser positiven Veränderung profitieren wird", so Lange weiter.

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Altlasten, die einer Wohnbebauung entgegenstünden, habe man auf dem Areal nicht gefunden, hatte zuvor auf der Informationsveranstaltung der Plus-Bau-Projektmanager versichert. "Allenfalls im Bereich der ehemaligen Abfüllanlage gibt es Rückstände", sagte Simon Vodopivec. Diese würden selbstverständlich entfernt. Der Berliner Architekt Paul Kahlfeldt, Stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Werkbundes, stellte die ehrgeizigen Pläne für das alte Tanklager vor. "In vier Arbeitssitzungen hat eine Gruppe von Planern 2015 die städtebauliche Figur für das Quartier entwickelt", sagte Kahlfeldt. Geplant sind demnach insgesamt 33 Häuser, die sich an der typischen Berliner Mischung orientieren sollen: "Im Erdgeschoss Geschäfte und Restaurants, in der ersten Etage Büronutzung, darüber die Wohnungen." Zusätzlich geplant sind ein Studentenwohnheim und eine Kita.

30 Architektenbüros arbeiten an der Gestaltung

Um eine ausgewogene soziale Mischung in der Stadt zu erhalten, soll das Berliner Modell der kooperativen Baulandentwicklung greifen, das eine Quote von 25 Prozent mietpreisgebundener Wohnungen vorsieht. 50 Prozent der Grundstücksfläche sollen nicht überbaut, sondern zu öffentlichen Grünflächen und Wegen gewidmet werden.

"Damit wir trotzdem die erforderliche urbane Dichte bekommen, schlagen wir zwei Hochhäuser mit jeweils 16 Etagen vor", sagte Kahlfeldt. Eines davon solle direkt an der Spree entstehen, eines an dem geplanten Stadtplatz im Inneren des Quartiers. Auch die übrigen Häuser sollen etwa acht Etagen bekommen, um Baukosten und Platzverbrauch gering zu halten. Um die Wege innerhalb des Quartiers autofrei zu halten, sei zudem eine Tiefgarage mit 550 Stellplätzen vorgesehen. "Da es einen Geländevorsprung von drei Metern gibt, ist die Tiefgarage sozusagen schon errichtet", sagte der Architekt.

In den kommenden Monaten sollen nun rund 30 Architekturbüros aus dem In- und Ausland die Gestaltung der einzelnen Häuser erarbeiten. Anlässlich des Werkbundtages im September (23. bis 25. September) soll das Konzept für ein neues Stadtquartier fertig sein. Das ehrgeizige Ziel der Werkbund-Initiative: Entstehen soll eine Mustersiedlung, die über die Grenzen Berlins und Deutschlands hinaus Anregungen für das "moderne Wohnen und Leben" der Zukunft gibt. Bis 2019 soll das Projekt realisiert sein.

Stadtrat Schulte versicherte den Anwohnern, dass sie in die weiteren Planungen einbezogen würden. "Wir stehen noch ganz am Anfang", sagte Schulte. Auch müssten die Gespräche mit dem Anlieger Vattenfall noch intensiviert und der Besitzer eines benachbarten, kleineren Grundstücks ins Boot geholt werden. Die vorgeschriebene Bürgerbeteiligung sei dann im weiteren Planungsverfahren der nächste Schritt.

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