Flüchtlinge in Berlin

Senat entschuldigt sich für beschlagnahmte Sporthallen

Flüchtlingsstaatssekretär Dieter Glietsch hat sich bei Vereinen dafür entschuldigt, dass Sporthallen kurzfristig beschlagnahmt wurden.

Flüchtlinge in der Jahn-Sporthalle am Columbiadamm in Neukölln

Foto: Reto Klar

Flüchtlinge in der Jahn-Sporthalle am Columbiadamm in Neukölln

Es kommt nicht oft vor, dass Politiker sich entschuldigen. Flüchtlingsstaatssekretär Dieter Glietsch hat es getan. Am Freitag bat er Sportvereine und Schulleiter, deren Sporthallen beschlagnahmt wurden, um dort Flüchtlingsunterkünfte einzurichten, um Verständnis und Entschuldigung. Die Beschlagnahmen seien oft sehr kurzfristig erfolgt, dabei sei bisweilen vor Ort ein "rüder Umgangston" angeschlagen worden, hatte Thomas Ludewig, Präsident des Berliner Handball-Verbandes, im Sportausschuss des Abgeordnetenhauses kritisiert.

Alle Beteiligten seien nach dem 5. September, also nach Öffnung der Grenzen, "in einer Überforderungssituation" gewesen, räumte Glietsch ein. Mehrere Hundert Menschen hätten täglich sofort untergebracht werden müssen, um Obdachlosigkeit zu vermeiden. Das sei meist nur in Sporthallen möglich gewesen, andere Unterkünfte hätten nicht zur Verfügung gestanden. Derzeit sind 60 von rund 1000 Berliner Sporthallen mit Flüchtlingen belegt.

Im Ausschuss stand eine Anhörung zum Thema "Nutzung von Sporthallen als Notunterkünfte: Auswirkungen und Perspektiven" auf der Tagesordnung. Der Flüchtlingsstaatssekretär wagte dort keine konkrete Prognose, wann damit begonnen werden kann, die Hallen wieder freizugeben. "Das wäre ein ungedeckter Scheck", sagte er. Vor einer Woche hatte er auf einer Bürgerversammlung angekündigt, im Sommer damit beginnen zu wollen. Am Freitag wählte er die Formulierung "in einem überschaubaren Zeitraum".

Böger: Nicht einen Motor der Integration abwürgen

Landessportbund-Präsident Klaus Böger warnte, mit der Belegung von Sporthallen drohe ein "Motor der Integration" abgewürgt zu werden. Die Integration der Flüchtlinge sei "eine riesige Aufgabe", die nirgendwo schneller möglich sei als im Sport. Die Vereine trügen auch dazu bei, den sozialen Frieden zu sichern.

Da vor allem große Hallen beschlagnahmt wurden, seien zehn Prozent der gesamten Hallenflächen nicht nutzbar, 100 von rund 2000 Vereinen seien unmittelbar betroffen. LSB-Chef Böger forderte eine "sportfachliche Beteiligung" an den Gesprächen zwischen dem Koordinierungsstab für das Flüchtlingsmanagement und den Bezirken. In diesen Gesprächen wird ein Szenario entwickelt, nach welchen Kriterien und in welcher Reihenfolge Sporthallen wieder freigegeben werden.

"Sanierung nicht hinauszögern"

Böger forderte zudem, die Hallen nach dem Auszug der Flüchtlinge schnell zu sanieren und sich nicht monatelang in Bürokratie zu verstricken. Das bekräftigte Sportstaatssekretär Andreas Statzkowski (CDU). Er berichtete, dass der Senat den Bezirken dabei helfe, wenn diese das wollten, etwa durch die Beteiligung der Berliner Immobilien Management GmbH (BIM).

Handball-Präsident Ludewig schilderte bei der Anhörung, welche weitreichenden Folgen die länger andauernde Belegung einer Sporthalle mit Flüchtlingen haben kann. Sein Verband repräsentiert mehr als 70 Vereine mit rund 12.000 Mitgliedern. Handballvereine seien bei 50 und damit bei fast allen derzeit beschlagnahmten Hallen betroffen, sagte Ludewig. 1500 Spiele hätten verlegt werden müssen, viele seien ausgefallen.

Kinder werden aus Vereinen abgemeldet

Bei den Bundesligaclubs drohten Spieler und Spielerinnen in andere Städte abzuwandern, weil in Berlin zurzeit die Spiel- und Trainingsbedingungen so schlecht seien. Kinder würden aus den Vereinen abgemeldet, weil ihre Eltern sie nicht zum Training in weiter entfernt liegende Hallen fahren könnten. Das bedrohe inzwischen Mannschaften im Kinder- und Jugendbereich. Die Erfolge der deutschen Mannschaft bei der Handball-EM in Polen hätten eine große Sogwirkung auf Kinder, nur die Vereine könnten sie momentan gar nicht aufnehmen, beklagte Ludewig.

Der Berliner Sport musste eine weitere schlechte Nachricht verdauen: Das Horst-Korber-Sportzentrum sowie die Rudolf-Harbig-Halle an der Glockenturmstraße in Westend (Charlottenburg-Wilmersdorf) wurden weiterhin zur Unterbringung von Flüchtlingen sichergestellt. Die Beschlagnahme, die zunächst bis Anfang Februar befristet war, wurde bis zum 9. August dieses Jahres verlängert.

Kein Lichtblick für die kommende Wintersaison

Damit ist auch klar: Das Gelände steht dem Sport in diesem Jahr aller Voraussicht nach nicht mehr zur Verfügung. Selbst wenn die Beschlagnahme im August aufgehoben werden sollte, muss nach dem Auszug der Flüchtlinge mit einer mehrmonatigen Sanierungsphase gerechnet werden. Wer dort trainiert, muss sich darauf einstellen, auch in der kommenden Wintersaison behelfsmäßig auf andere Hallen auszuweichen.

Das treffe den Berliner Sport empfindlich, erklärte der Landessportbund (LSB): Im Korber-Zentrum und der Harbig-Halle seien die Landesleistungszentren Handball, Hockey und Leichtathletik ansässig. Auch Volleyballer trainieren dort. So seien nicht nur viele Spitzenathleten betroffen, sondern auch eine sehr große Zahl Nachwuchsleistungssportler. "Der Landessportbund Berlin verkennt nicht die Handlungszwänge des Senats zur Unterbringung von Menschen in Not. Er hat jedoch kein Verständnis dafür, dass es dem Senat von Berlin in den vergangenen fünf Monaten nicht gelungen ist, eine Alternative für dieses Berliner Leistungszentrum zu finden und aufzubauen, wo die Geflüchteten unter besseren Bedingungen untergebracht werden könnten", heißt es in einer Erklärung des Sportbundes.

Sportbund-Präsident rechnet mit erheblichen Schäden

LSB-Präsident Böger nannte das Horst-Korber-Zentrum eine "Herzkammer des Berliner Leistungssports". Es sei durch die Verlängerung der Beschlagnahme für ein Jahr vom Netz genommen worden. Böger rechnet mit erheblichen Schäden, Sportbund-Fachleute hatten die Kosten bereits auf mindstens 700.000 Euro taxiert.

Die Beeinträchtigungen betreffen aber nicht nur den aktuellen Wettkampf- und Trainingsbetrieb. Der LSB sorgt sich darüber hinaus um das Internationale Deutsche Turnfest im kommenden Jahr, zu dem 120.000 Teilnehmer erwartet werden sowie um die Leichtathletik-Europameisterschaft 2018. "Das Horst-Korber-Sportzentrum ist ein vertraglich vereinbarter Veranstaltungsort für das Turnfest", heißt es in einem Schreiben des LSB an Flüchtlingsstaatssekretär Dieter Glietsch, das der Berliner Morgenpost vorliegt.

Turnerbund sucht nach Alternative

Allerdings richtet sich der Berliner Turn- und Freizeitsport-Bund schon auf eine Alternative ein. "Wir haben bereits Überlegungen angestellt für den Fall, der nun eingetreten ist", sagte BTB-Geschäftsführer Jens-Uwe Kunze der Berliner Morgenpost. "Das ist sehr traurig, aber wir werden eine andere Lösung finden, weil wir eine andere Lösung finden müssen", betonte Kunze. Das Internationale Deutsche Turnfest werde deshalb nicht ausfallen.

An der Glockenturmstraße sollten eigentlich die Rhythmische Sportgymnastik und weitere Tanzsportarten stattfinden. Der Ausweichstandort werde auf jeden Fall schlechter sein, schon weil es in Berlin keine andere Halle mit 3000 Zuschauerplätzen wie im Horst-Korber-Zentrum gebe, so Kunze. Möglicherweise fällt die Wahl auf das Sportforum Hohenschönhausen, dort stehen in einer Halle 1200 Zuschauerplätze zur Verfügung.

Problem für die Leichtathletik-EM 2018

Das Horst-Korber-Zentrum ist laut Landessportbund zudem Bestandteil des Pflichtenheftes für Berlin zur Ausrichtung der Leichtathletik-EM 2018. Daraus ergebe sich schon eine Verpflichtung, diesen Standort als Trainingsstätte vorzuhalten, erläuterte Sport-Staatssekretär Statzkowski, sie sei aber nicht zwingend. Statzkowski teilt die Befürchtungen des LSB, hofft aber auf eine Lösung. Im Organisationskommitee für die Europameisterschaft werde über das Problem gesprochen, sagte er. Aus der aktuellen Verlängerung der Beschlagnahme ergebe sich noch kein Problem für die Leichtathletik-EM. Allerdings müsse das Zentrum spätestens im Herbst 2017 freigezogen sein, sonst werde die Situation schwierig.

Aber selbst dann könnten noch Probleme drohen. Das Korber-Zentrum verfügt über empfindliche Schwingbögen. Müssen diese komplett saniert werden, werde die Sanierung erheblich länger dauern als nur einige Monate – und erheblich teurer werden. Ob die Böden ausgetauscht werden müssen, kann man aber erst feststellen, wenn die Halle geräumt ist. Dann reicht möglicherweise die Zeit bis zu dem Event nicht.

Sportforum Hohenschönhausen scheidet aus

Als Ersatz könne nur eine Halle im Umfeld des Olympiastadions in Frage kommen, das Sportforum Hohenschönhausen scheide wegen der Entfernung als Ersatz aus, sagte Statzkowski. "Das lässt sich mit Sicherheit nicht realisieren", sagte der Staatssekretär. Eine geeignete Halle in Charlottenburg sei andererseits aber auch nicht in Sicht. Möglicherweise könne man sich mit den Verbänden darauf einigen, das Training unter freiem Himmel stattfinden zu lassen. Immerhin findet das Event im Sommer statt. Zur sechstägigen Leichtathletik-EM 2018 im Olympiastadion Berlin werden 1400 Sportler aus 50 Ländern in 47 Disziplinen antreten. Die Veranstalter erwarten mehr als 2000 Journalisten und 1000 Funktionäre.

Der Senat sei bemüht, die Hallen an der Glockenturmstraße so früh wie möglich wieder freizuziehen, sagte Senatssprecherin Daniela Augenstein der Berliner Morgenpost. Allerdings seien dort 1300 Flüchtlinge untergebracht. Staatssekretär Glietsch sei im engen Kontakt mit der Senatssportverwaltung. Dabei würden zwei Wege verfolgt: Erstens das Sportzentrum rechtzeitig vor der Europameisterschaft freizumachen und zweitens eine Alternative zu suchen

Im Zusammenhang mit Sporthallen, die vorübergehend als Flüchtlingsunterkünfte genutzt werden, forderte Landessportbund-Präsident Klaus Böger einen stadtweiten Dialog über die Zukunft des Tempelhofer Feldes. Es gehe nicht darum, das Feld komplett zu bebauen, sagte Böger im Inforadio des RBB. Freiflächen und eine Luftschneise blieben erhalten. Die Diskussion über die Randbebauung sei erforderlich, weil sich seit dem Volksentscheid gegen die Bebauung die Situation in Berlin erheblich verändert hat - etwa wegen der hohen Flüchtlingszahl. Der LSB hatte sich bereits 2014 für eine Bebauung ausgesprochen.

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