Flüchtlingscamp

Tempelhof: Wie die Flüchtlinge in den Hangars leben

In den Tempelhofer Hangars leben 2500 Menschen in Berlins größtem Massenquartier. Der Betreiber hält das dauerhaft für nicht zumutbar.

Die aktuellen Planungen für die Notunterkunft im Flughafen Tempelhof

Die aktuellen Planungen für die Notunterkunft im Flughafen Tempelhof

Zum Mittagessen gibt es Putenmedaillons in Butter-Kräutersoße mit feinem Gartengemüse und Bandnudeln. Alles aus dem Tiefkühl-Plastik-Paket. Dazu ein arabisches Fladenbrot. Die Bierbänke in der Cafeteria am Hangar 3 sind etwa halb besetzt von Flüchtlingen, Kinder toben dazwischen herum. Die Stimmung wirkt entspannt. Die Mahlzeit schmeckt nicht delikat, aber es geht. So wie mittelmäßiges Flugzeugessen in einer größeren Portion.

Aber wie in fast jeder Kantine oder jeder Grundschule ist das Essen auch in Berlins größter Flüchtlingsunterkunft in den Tempelhofer Hangars ein wichtiges Thema. Eine Gruppe Syrer sammelt sogar Geld, um gegen die Qualität der Verköstigung zu klagen. Und die Nahrung ist nicht halal, entspricht also nicht islamischen Vorschriften. "Ich habe die Leute ermuntert, zu klagen, schließlich sind wir hier ein Rechtsstaat. Sie sollen sich nur nicht von einem Anwalt ausnehmen lassen", sagt Michael Elias. Er ist Geschäftsführer der Tamaja GmbH und damit als Betreiber Herr über inzwischen sieben Hangars mit aktuell 2500 Bewohnern. Mehr als 4000 sollen es sein, wenn die letzten beiden Flugzeughallen demnächst bezogen sind.

Der Sozialunternehmer hat seine Firma seit dem August von zwei auf mehr als 100 Mitarbeiter aufgestockt. Allein in Tempelhof arbeiten 109 Tamaja-Leute, außerdem 180 Sicherheits- und 70 Reinigungskräfte sowie 42 Mitarbeiter der Catering-Firma. Dazu kommen freiwillige Helfer, Sprachlehrer, Vivantes-Ärzte, Dolmetscher, Sanitäter, fast 500 Menschen sorgen dafür, die Senatspläne für Berlins größte Notunterkunft umzusetzen.

Elias kennt die Kritik an den Massenquartieren. Man bemüht sich, darauf zu reagieren. Die ganz leichten Messe-Bau-Kabinen sind fast überall ersetzt worden durch dickere Wände aus Sperrholz. Nach oben sind sie immer noch offen. Die Zelte, die im Hangar eins mit dem lecken Dach stehen, sind leer, bleiben aber als Notreserve erhalten.

Fast 1000 Kinder leben in den Hangars

Die Hallen sind nicht mehr wie zunächst mit mehr als 800 Menschen belegt, sondern nur noch mit gut 700. So entstand Platz zum Spielen und Toben für die fast 1000 Kinder. Außerdem sind in Nebenräumen Spielzimmer und Rückzugszonen für Frauen hergerichtet. An diesem Tag sind viele Kinder da, weil auch die 200, die schon in normale Schulen gehen, wegen eines Hepatitis A-Falles nicht zum Unterricht dürfen. Aber für 256 eigentlich schulpflichtige Kinder gibt es noch keine Lösung, wie und wo man ihnen Bildung angedeihen lassen will. Die Idee, sie in einer Blumenhalle auf dem Vorfeld zu unterrichten wurde verworfen. Diese Lösung widerspräche den Vorgaben, erkannte die Bildungsverwaltung. Jetzt soll die Halle ein Freizeitbereich werden.

Anders als es von Senatsseite immer wieder dargestellt wurde, leben zahlreiche Bewohner schon in den Hangars, seit im Oktober die ersten zwei Hallen bezogen wurden. "Alle, die jetzt bei uns sind, sind von Anfang an da", sagt Elias.

Inzwischen bekommt der Betreiber sehr oft Post von den bezirklichen Sozialämtern, die die Kosten der Unterbringung übernehmen wollen. Dem widersprechen Elias´ Leute regelmäßig in ihren Antwortschreiben. Denn wer beim Sozialamt angekommen ist, hat eine Anerkennung als Flüchtling in Deutschland. Weit über 400 solche Menschen leben in den Hangars, Tendenz rapide steigend.

Wer anerkannt ist, müsste eigentlich raus aus der dürftigen Notunterkunft. Als normaler Obdachloser haben sie laut Sozialgesetzbuch Anspruch auf Privatsphäre, maximal vier Personen pro Zimmer, abschließbare Schränke und eine Kühlschrank. All das gibt es in den Hangars nicht.

Elias weiß, dass es solche Plätze vorerst nicht gibt. "Aber wir wollen uns nicht gemein machen mit den Behörden, die das Recht verletzen", sagt er. Seine Leute sind bemüht, in den demnächst öffnenden besseren Quartieren Kontingente für die anerkannten Flüchtlinge zu reservieren. Die Ämter hätten verstanden, dass sie ein ziemliches Risiko eingehen, sollten sie die anerkannten Flüchtlinge nicht aus den Notunterkünften rausholen. Selbst mit verbessertem Standard und mehr Platz sieht das Elias auch so. "Zwischen vier und sechs Wochen ist die maximale Aufenthaltszeit, die erreicht werden muss."

>>> Heimbetreiber berichten über hungernde Flüchtlinge

Es ist ein bisschen komfortabler geworden in den Hangars. Es gibt in den neuen Hallen einige Spinde, aber für alle 4000 welche anzuschaffen, würde das Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) viel Geld kosten. Es ist auch bei eisigen Außentemperaturen warm, riesige Generatoren blasen heiße Luft in die Hallen. Die Klos auf dem Vorfeld stehen in einem beheizten Zelt. Aus der Messehalle am Funkturm sind die Dusch- und WC-Container inzwischen im Hangar eins gelandet. Derzeit stehen 150 Duschen und 268 Toiletten zur Verfügung, 17 Bewohner teilen sich eine Dusche und neun eine Toilette.

Niemand muss mehr per Bus in die umliegenden Schwimmbäder zum Duschen gefahren werden. Der morgendliche Stress beim Kampf um die Busmarken entfällt. Dafür fährt ein Shuttle die Bewohner die 1,2 Kilometer über das Vorfeld bis zum westlichsten Hangar, wo neue Sanitärcontainer installiert wurden. 38 von innen geflieste Kabinen mit Dusche und Toilette warten hingegen seit fünf Wochen darauf, dass die Hausherrin Tempelhof Projekt die Leitungen anschließt. Dafür funktioniert das superschnelle WLan. Und so ist das Smartphone die wichtigste Beschäftigung für viele Bewohner.

Konflikte blieben nicht aus

Nachdem es im Herbst eine Schlägerei gegeben hatte, sei die Situation nun ruhiger geworden, berichtet Elias. Dennoch gebe es natürlich Konflikte. So würden Christen von Muslimen gemobbt. Manche rollten ihre Gebetsteppich bevorzugt vor diesen Kabinen aus, wo die Betreiber die Christen zusammengezogen haben.

Neulich hat ein Syrer seine Frau verprügelt. Es sei nicht leicht gewesen, dem Mann klar zu machen, dass das in Deutschland verboten ist. Und als eine Frau Kopfläuse behandeln lassen wollte, musste man vier Stunden auf sie einreden, bis sie bereit war, vor dem männlichen Arzt ihr Kopftuch abzunehmen. Sexuelle Übergriffe seien nicht bekannt geworden. Es gebe auch wenige Winkel, wo so etwas unbemerkt bleiben würde. Dafür berichtet Elias von Fällen von wohl einvernehmlicher Prostiution im Camp, in dem 784 weibliche und 1724 männliche Bewohner leben.

Es gibt Sozialarbeiter, Kinderzirkus, 48-Stunden-Wäscheservice, Flüchtlinge werden zu Fußballtrainern ausgebildet, einige bekommen Ein-Euro-Jobs oder sogar richtige Anstellungen bei Tamaja. Demnächst eröffnet ein "Willkommen-in-Arbeit-Büro", um den Menschen den Sprung in einen Job zu erleichtern. Aber angenehm ist es noch lange nicht in Berlins größtem Massenquartier. Das schlimmste seien die fehlenden Antworten, sagen sie bei Tamaja. Wie lange muss ich hier noch bleiben? Wie lange dauert mein Verfahren? Das kann den Menschen im Hangar niemand sagen.

Mehr Infos: Entwürfe für Flüchtlingsinfrastruktur auf dem Gelände des früheren Flughafens Tempelhof hat die Stadtentwicklungsverwaltung veröffentlicht.

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