Test Grüne Woche: Wie viel Essen bekommt man für 14 Euro?

Foto: Reto Klar

Unsere Autorin wollte auf der Grünen Woche kostenlos satt werden. Das ist überraschenderweise kein leichtes Unterfangen.

Würde man den Besuch auf der Grünen Woche musikalisch interpretieren, wäre er eindeutig ein Stakkato. Essen, trinken, essen, essen, trinken, essen. Süß, salzig, süß, süß, salzig. Und immer so weiter, in relativ kurzen Abständen, die nie enden wollen, bis man das Messegelände verlässt. Manchmal liegen zwei Häppchen so nah beieinander, dass sich Sülze und rote Grütze noch im Mund treffen und gemeinsam einen ganz neuen Geschmack kreieren. Zugegeben ist der nicht immer von Vorteil.

Die nette Frau mit einem Tablett voller Vanilleeis aus der Uckermark bietet die eher knapp bemessenen Portionen mit einem Lächeln an, während sie sagt: "Für einen Euro könnte das Ihr Be­cher sein." Fair genug, dass man sich nicht einfach so durchfuttern kann, ohne den Ausstellern etwas Geld dazulassen. Und doch ist es im ersten Moment ent­täuschend, weil man doch im Glauben ist, alles probieren zu können. "Alles-umsonst"-Denker, und davon gibt es viele, haben demnach kaum mehr eine Chance, hier so richtig glücklich zu werden.

Deutschland ist das Land der Fleischliebhaber

Meine Mission: Für 14 Euro Eintritt so satt wie möglich zu werden. Nicht wirklich ehrenhaft. Pfennigfuchser zählen ja nicht unbedingt zu den Sympathieträgern der Gesellschaft. Einen Versuch ist es trotzdem wert. Die Grüne Woche soll schließlich die weltgrößte Agrarmesse sein. Sie lockt mit 1660 Ausstellern aus Landwirtschaft, Ernährung und Gartenbau, die ihre Produkte aus mehr als 60 Ländern anbieten.

Los geht es also mit leerem Magen um 10 Uhr. Schnell fällt auf: Deutschland ist und bleibt das Land der Fleischliebhaber. Der Geruch von totem Tier – gebraten, geräuchert, roh – legt sich auf die Geruchsnerven. Und leider irgendwann auch auf die Klamotten. Vor allem Wurst gehört sozusagen zum festen Inventar der Hallen. Ringwurst, Fleischwurst, Salami mit Steinpilzen und Trüffel, Bratwurst mit und ohne Darm. Aber so früh am Tag schreit der Körper zunächst nach etwas Frischem.

In der Holland-Halle kommen Cocktailtomaten und Gurkenschnitze deshalb gerade richtig. Und die "besonders saftige" Birne auch. Danach Granatapfelkerne in der Marokko-Halle. Ob die Früchte, die da verteilt werden, tatsächlich aus dem afrikanischen Königreich eingeflogen wurden? Die nette Dame in traditioneller Kleidung schüttet jedem, der will, mit einem Löffel ein üppiges Häufchen auf die ausgestreckte Hand.

Noch eine Tomate, noch ein Stück Birne

Danach kommt erst mal lange nichts. Also schnell noch ein Gang durch Holland. Noch eine Tomate, noch ein Stück Birne. Der Magen knurrt trotzdem. Holland ist natürlich bekannt für seinen Gouda. An einem der Stände stehen zwei hübsche Frauen im Kostüm vor unzähligen Sorten. Mit Kümmel, Tomate, Bärlauch. Leider liegt nichts auf den Probiertellern. Nur noch ein paar angetrocknete Schnipsel, die aussehen, als hätten schon ein paar Neugierige zuvor zugegriffen. Ob man etwas Frisches probieren dürfe? Die freundliche Ausstellerin schneidet bereitwillig eine Scheibe ab. Irgendwie fühlt es sich befremdlich an, extra darum zu bitten und dann nichts zu kaufen.

Also geht es weiter. Grob erst mal Richtung Deutschland. Da gibt es Senf mit Crackern an den Ständen. Die Aussteller hinter der Theke verwickeln einen in Gespräche. Um unauffälliger zu schnorren, ist es besser, an jemandem, der Essen verteilt, vorbeizulaufen und unbemerkt etwas vom Tablett abzugreifen. Da vorne kommt wieder etwas: Biskuit mit roter Grütze und Frischkäse. Heftige Kalorienbombe. Und plötzlich kommt eines nach dem anderen. Ein fettiger Aufstrich auf Brot. Rote Grütze mit Vanillesoße. Es geht durcheinander. Hat jemand Schnaps?

Alkohol gehört dazu

Alkohol gehört übrigens zu der Grünen Woche so wie Fleisch. Ab 10 Uhr stehen die Besucher mit gefülltem Glas in der Hand an irgendwelchen Tischen. Eine Stunde später stoßen sie dann zum fünften Mal an. Ausnahmezustand, auch unter der Woche. Die Grüne Woche scheint für Berlin wie Fasching für Köln und Oktoberfest für München zu sein: Es darf, ohne sich rechtfertigen zu müssen, ohne Unterlass und schon ziemlich früh am Tage getrunken werden.

Das kann aber auch nicht jeder. Also lieber ein Schluck Wasser. Und plötzlich geht es wieder los, das nicht enden wollende Stakkato. Currywurst, Scheibe Schinken, Ziegenkäse. Man mag es kaum glauben, aber der Magen hat sich ganz schön gefüllt. Ähnlich wie bei einem Mehrgangmenü meint man zunächst, diese mickrig bemessenen Portionen würden einen niemals satt machen, und dann rollt man doch aus dem Restaurant.

Die Wurst hängt an der Angel

Ein Mann mit Hut und Angel steuert auf einen zu. Schnorren ist durchaus unangenehm. Bei dem Herren erreicht es aber das nächste Level. Er fordert auf, mit dem Mund nach der Wurst, die er an seine Angel geklemmt hat, zu schnappen. Versunken im Eroberungsfieber, wird die Aufgabe bereitwillig ausgeführt, während der eigene Kopf rot anläuft. Schluss jetzt. Der Blick schweift suchend durch die Halle: Hat jemand Schnaps?

Und dann kommt sie, die Spirituose auf dem Tablett. Leider ist es nichts Klares, sondern Eierlikör. Nett gemeint, aber leider überhaupt nicht das, was gerade gebraucht wird. Trotzdem runter damit. Ist ja umsonst. Nun schnell den Geschmack neutralisieren. Also doch wieder etwas essen. Den Abschluss macht Sülze. Nun sind die Grenzen endgültig ausgereizt. Nach zwei Stunden dauerhaftem Geschlinge ist es vorbei. Das Fazit: satt für umsonst mit ziemlich flauem Magen.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter