Marzahn-Hellersdorf

Fall der 13-Jährigen: Ein Bezirk im Aufruhr

Ein Mädchen, angeblich vergewaltigt von Flüchtlingen. Das Gerücht schürt bei Berlins Russlanddeutschen Angst und Wut - und zieht Kreise.

Rund 250 Menschen kamen am vergangenen Montag zu einer Spontandemonstration in Marzahn

Rund 250 Menschen kamen am vergangenen Montag zu einer Spontandemonstration in Marzahn

Foto: Bjoern Kietzmann

Der Mix Markt führt so ziemlich alles, was Liebhaber russischer Küche begehren. In den Regalen stapeln sich Fischkonserven, frischen Fisch gibt es an der Theke, noch mehr Fisch in Tiefkühltruhen. Weiter eine bemerkenswerte Auswahl an Wodka, mixbar mit einem Energydrink namens "Russian Power". Der Supermarkt in Marzahn, eingebettet in eisblaue Plattenbauten, ist bei den Anwohnern beliebt. Rund 25.000 Menschen in Marzahn sind Russlanddeutsche.

Draußen steht Sulja und raucht eine Zigarette. Die 32-Jährige arbeitet im Friseursalon gegenüber. Sie hat mitbekommen, was vergangenen Montag vor dem Mix Markt los war. Rund 250 Menschen kamen zu einer Spontandemonstration, überwiegend aus der russischen Gemeinschaft. Auch die NPD war da. Und Sulja macht sich jetzt Sorgen. Ihre zehnjährige Tochter fährt sie neuerdings höchstpersönlich zur Schule. Viele ihrer Freundinnen machen es genauso.

Der Bezirk ist in Aufruhr. Am Montag vor einer Woche verschwand ein Mädchen aus dem Ortsteil Mahlsdorf auf dem Weg zur Schule. Erst nach einem Tag tauchte die 13-Jährige wieder auf. Was ihr zugestoßen sein soll, ist zum Spielball der Interessen geworden. Und ein weiterer Beleg dafür, wie Fälle dieser Art in der Flüchtlingskrise instrumentalisiert werden.

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Es beginnt vor einer Woche mit einem Bericht des russischen Staatssenders Erster Kanal. Laut diesem soll das Mädchen von südländisch aussehenden Männern entführt und vergewaltigt worden sein. Die Berichterstattung ist mehr als tendenziös, der Reporter inzwischen wegen Volksverhetzung angezeigt, da er unter anderem zum Hass gegen Flüchtlinge angestachelt haben soll.

Der Beitrag verbreitet sich im Netz rasend schnell, besonders in rechten Foren und Netzwerken. Die Gerüchteküche brodelt. Flüchtlinge müssen es gewesen sein, wer sonst. Möglicherweise aus einer Unterkunft in der Nähe der Schule des Mädchens. Die Berliner Polizei sagt, es habe keine Entführung und Vergewaltigung gegeben. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat ein Verfahren wegen sexuellen Missbrauchs eines Kindes eröffnet. Es gebe weiterhin keinerlei Hinweise auf eine Vergewaltigung und Entführung, vielmehr auf einvernehmlichen Sexualkontakt.

Ein Großteil der Russlanddeutschen in Marzahn mag das nicht glauben, die Stellungnahme der Polizei hat die Stimmung zum Kochen gebracht. Der Vorwurf: Vertuschung und Tatenlosigkeit. Die Folge: Wut und Verunsicherung. Und Furcht und Argwohn gegenüber Flüchtlingen. Sulja berichtet, dass es in Marzahn inzwischen Gruppen von Männer gebe, die auf den Straßen patrouillieren. "Manche Familien haben so viel Angst, dass sie überlegen, nach Russland zurückzukehren", sagt die Mutter zweier Kinder. Am Anfang, als die Flüchtlingszahlen stiegen, habe es in der Gemeinschaft kein Misstrauen gegeben, "wir sind schließlich auch Migranten". Jetzt schon.

Russlanddeutsche sind in Berlin gut integriert

Rund 40.000 Russlanddeutsche kamen seit 1994 nach Berlin, die meisten ließen sich im heutigen Marzahn-Hellersdorf nieder – unter anderem wegen des hohen Wohnungsleerstands. Ihre Vorfahren aus den deutschen Fürstentümern folgten im 18. Jahrhundert dem Ruf von Katharina der Großen. Nach dem Fall der Mauer kehrten viele zurück. Auch bei der Familie von Alexander Reiser war das so. "Die Russlanddeutschen hier sind gut integriert", sagt der Vorsitzende des Vereins Vision, dem Verein der Aussiedler in Berlin.

Reiser sieht neben dem Argwohn gegenüber der Polizei aber ein weiteres Problem: russische Propaganda. "Die Stimmung in der russischen Community wird dadurch angeheizt", sagt Reiser. Es sei das Prinzip des "stinkenden Herings": Wenn man die Menschen lange genug einreibe, würden sie irgendwann danach riechen.

In Zeiten von Sanktionen und Ukraine-Konflikt zeichnen russische Medien das Bild eines Deutschlands, das von der Flüchtlingskrise übermannt wird. Hier das gute, vernünftige Russland, dort das naive, gefährliche Deutschland, das massenweise potenzielle Verbrecher über seine Grenzen lasse. In München gebe es keine "bayrischen Bierstuben" mehr, nur noch islamische "Halal-Läden und Kebab-Verkäufer", war zuletzt in der auflagenstarken Zeitung "Komsomolskaja Prawda" zu lesen.

Und Präsident Wladimir Putin bot an, europäischen Juden vor den Islamisten Zuflucht zu gewähren. "Die schlimmsten deutschen Nachrichten erfahren wir immer aus Russland", sagte der Schriftsteller Wladimir Kaminer der Deutschen Welle.

80 Prozent der Zugezogenen geht es um Gerechtigkeit

Warum Russlanddeutsche, die seit mehr als 20 Jahren in Marzahn-Hellersdorf leben, immer noch mehr dem russischen Staatsfernsehen glauben als deutschen Medien, erklärt sich Dmitri Geidel so: "Es gibt für viele nur die deutsche oder die russische Seite. Und viele verstehen sich als Soldaten im Informationskrieg", sagt der Juso-Vorsitzende im Bezirk. Man müsse sich für eine Seite entscheiden, egal, was die Fakten sagen.

In Marzahn-Hellersdorf leben anteilig nicht mehr Flüchtlinge als in Reinickendorf oder Charlottenburg-Wilmersdorf, nach offiziellen Angaben knapp 3000. Bei der Eröffnung der ersten Unterkünfte blieb es im Bezirk recht ruhig, und laut Reiser geht es 80 Prozent der Russlanddeutschen im Fall des Mädchens jetzt nur um die Frage der Gerechtigkeit.

Doch bei einem Teil der Gemeinschaft gibt es eine gewisse Nähe zur rechten Szene. So waren es offenbar Vertreter des "Internationalen Konvent der Russlanddeutschen", die die Geschichte des Mädchens gezielt verbreiteten. Der Vereinigung werden Kontakte zur NPD nachgesagt.

Und am Sonnabend vor einer Woche rief die Berliner NPD zu einer Kundgebung in Marzahn auf. Dort sprach eine angebliche Cousine des 13-jährigen Mädchens. Das Video wurde bei Youtube fast 45.000-mal angeschaut. Von einem "gewissen Grundrassismus" unter den Russlanddeutschen spricht Juso-Politiker Geidel, vor allem bei den Spätaussiedlern, die niemals richtig in Berlin angekommen seien. Geidel hält es für einen geschickten Schachzug des ehemaligen NPD-Vorsitzenden Udo Voigt, Putin als Vorbild anzugeben. Dies treffe die Seele vieler Russlanddeutschen.

Angriff auf Flüchtlingsunterkunft in Lichtenberg

Beim Berliner Verfassungsschutz werden die Vorgänge in Marzahn genau beobachtet. Von "institutionellen Verbindungen" will man nicht sprechen. Aber es sei nicht von der Hand zu weisen, dass russische Propaganda bei Islam- und Ausländerfeinden auf Resonanz stoße, sagt ein Staatsschützer. Es werde versucht, eine Gegenöffentlichkeit gegen die vermeintliche Lügenpresse in den sozialen Netzwerken zu schaffen.

Am Freitag vor einer Woche griffen fünf Männer den Pförtnercontainer einer Flüchtlingsunterkunft in Lichtenberg an, dabei sollen sie russische Worte gerufen haben. Ein Sicherheitsmann erlitt leichte Schnittverletzungen. Dem Vernehmen nach war der Angriff eine Reaktion auf den Fall des angeblich vergewaltigten Mädchens.

Und es geht weiter. An diesem Sonnabend wollen rund 1000 Menschen vor dem Kanzleramt demonstrieren. Aufgerufen hat der "Internationale Konvent der Russlanddeutschen". Das Motto: "Protest gegen sexuelle Übergriffe von Flüchtlingen gegen Frauen und Kinder." Auch die NPD hat sich angekündigt.

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