Tod am Ernst-Reuter-Platz

Täter stieß 20-Jährige mit Anlauf vor die U-Bahn

Ein Mann hat am Ernst-Reuter-Platz eine junge Frau vor eine U-Bahn gestoßen. Sie starb. Der Täter kommt in eine psychiatrische Klinik.

 Trauernde haben im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz eine Blume am Geländer befestigt

Foto: Reto Klar

Trauernde haben im U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz eine Blume am Geländer befestigt

Am U-Bahnhof Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg ist am Dienstagabend eine Frau von einer U-Bahn überfahren worden. Die 20-Jährige starb noch im Bahnhof an ihren schweren Verletzungen. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr konnten nur noch ihren Tod feststellen.

Ein 28 Jahre alter Mann soll die Frau gegen 23.40 Uhr vor einen einfahrenden Zug der Linie U2 gestoßen haben. Mehrere Zeugen beobachteten den Vorfall und hinderten den mutmaßlichen Täter bis zum Eintreffen der alarmierten Polizei an der Flucht. Die Beamten nahmen den Mann fest. Eine Mordkommission ermittelt.

Wie Polizeisprecher Michael Maaß der Berliner Morgenpost am Morgen sagte, wird von einem Tötungsdelikt ausgegangen. Außerdem sei nicht davon auszugehen, dass sich Opfer und Täter kannten. Die Hintergründe der Tat seien noch vollkommen unklar und sind Gegenstand der laufenden Ermittlungen.

Wie ein Sprecher der Berliner Staatsanwaltschafft sagte, habe der 28-Jährige regelrecht Anlauf genommen. Zu der Attacke auf die 20-Jährige sei es gekommen, als der gebürtige Hamburger sich erst etwa zwei Stunden in Berlin aufgehalten habe. Wie die Zeitung B.Z. berichtet, sei der auf der Fahrt von Hamburg nach Berlin im ICE beim Schwarzfahren erwischt worden. Der 28-Jährige habe zunächst vergeblich versucht, in einer Obdachlosenunterkunft an der Franklinstraße unterzukommen. Von dort aus sei er dann mit der U2 zum Ernst-Reuter-Platz gefahren.

Gerüchte, es handele sich um einen Drogensüchtigen, konnte die Polizei bislang nicht bestätigen. Aufschluss darüber soll ein Bluttest geben, dessen Ergebnis zurzeit noch nicht vorliegt.

Laut Staatsanwaltschaft ist der Mann kein unbeschriebenes Blatt: Eine "erhebliche Gewalttat" liege etwa 15 Jahre zurück. Zudem habe es zuletzt in Hamburg weitere Verfahren gegen ihn gegeben. Einzelheiten nannte die Berliner Ermittlungsbehörde nicht. Nach bisher unbestätigten Informationen soll es sich dabei um Raub, Körperverletzungsdelikte und Sachbeschädigungen handeln, die der Täter als Jugendlicher begangen hatte.

Wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft dem Sender RBB Inforadio sagte, sei der Mann vermutlich nicht schuldfähig. Der 28-Jährige soll den Angaben zufolge schon einmal vor Gericht gestanden haben. Er konnte aber nicht verurteilt werden.

Die Schuldfähigkeit könne etwa davon abhängen, ob der Verdächtige unter einer Persönlichkeitsstörung leidet, drogen- oder alkoholabhängig ist oder womöglich Stimmen hört, wie die Berliner Psychologin Isabella Heuser erläutert. "Auch ein psychisch Kranker kann voll schuldfähig sein, wenn er zum Beispiel aus Frust gehandelt hat."

Am Abend wurde entschieden, dass der Mann in eine psychiatrische Klinik kommt. Einem Gutachten zufolge gebe es Anhaltspunkte für eine erheblich geminderte bis aufgehobene Schuldfähigkeit, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Polizei wertet Videos aus Überwachungskameras aus

Nach dem Vorfall fuhren auf der U-Bahnlinie U2 zwischen den Stationen Wittenbergplatz und Bismarckstraße bis Betriebsschluss keine Züge. Die Polizei nahm bis zum frühen Morgen Spuren auf. Die Ermittler stellten auch die Videoaufnahmen vom Bahnsteig der Station sicher. Diese sind noch nicht ausgewertet. Die Beamten der Mordkommission versprechen sich davon wichtige Erkenntnisse, ob dem Geschehen ein Streit zwischen Täter und Opfer oder eine Belästigung der Frau durch den Tatverdächtigen vorausgegangen ist.

"Das, was hier geschehen ist, kann ich nicht verstehen. Ein Leben ausgelöscht ein anderes für immer ruiniert", sagte eine Frau am Mittwoch der Berliner Morgenpost. Täglich arbeitet sie ab 3 Uhr in einem Kiosk im U-Bahnhof. "Als ich am Morgen hier ankam war noch alles abgesperrt. Erst gegen vier Uhr war alles wieder frei."

U-Bahn-Fahrerin erleidet schweren Schock

Die U-Bahn-Fahrerin erlitt nach Angaben der BVG einen schweren Schock und wurde in ein Krankenhaus gebracht. Die Frau wird psychologisch betreut. Das Geschehen habe sich im Bruchteil einer Sekunde abgespielt, so dass die U-Bahn-Fahrerin keinerlei Chance für eine Reaktion hatte, sagte BVG-Sprecherin Petra Reetz der Berliner Morgenpost am Mittwoch. "Niemand kann da etwas tun", so Reetz. Reetz betonte aber auch, dass solche Vorfälle oder Stürze auf die Gleise "extrem selten" seien.

"Sowas kann man nicht verhindern", sagte auch ein Sprecher der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL). "Unsere Wunschvorstellung wäre, dass es für Bahnsteige Zugangseinrichtungen wie Drehkreuze an Bahnsteigen gäbe." Zugang hätten dann nur Menschen mit Fahrkarte und auch eine gefährliche Überfüllung der engen Bahnsteige lasse sich so verhindern. Doch das sei, so der GDL-Sprecher, schon aus Platzgründen eine Utopie.

Auch Berlins Innensenator Frank Henkel (CDU) zeigte sich tief bestürzt: "In meinem Amt ist man immer wieder mit unfassbaren Gewalttaten konfrontiert. Aber dieses Verbrechen sticht in seinem Wahnsinn noch einmal heraus. Das ist eine entsetzliche Tat." Henkel sagte: "Es muss die Frage gestellt werden, warum dieser Mann mit seiner Vorgeschichte nicht frühzeitiger gestoppt wurde."

Zeugen des Vorfalls werden gebeten, sich bei der 5. Mordkommission des Landeskriminalamtes an der Keithstraße 30 in Tiergarten unter der Telefonnummer (030) 4664 - 911 555 oder einer anderen Polizeidienststelle zu melden.

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