Grüne Woche

Wie Food-Bloggerinnen die Grüne Woche erleben

Die Foodbloggerinnen Rebecca und Su  besuchen die Grüne Woche und kommen voll auf ihre Kosten

Foto: Amin Akhtar

Die Foodbloggerinnen Rebecca und Su besuchen die Grüne Woche und kommen voll auf ihre Kosten

Ein Rundgang mit Food-Bloggerinnen über die Messe offenbart, warum österreichischer Käse jahrelang in der Schweiz lagert.

Das Öl entstammt einem Gehölz, das es auf der Erde schon vor 80 Millionen Jahren gab. Am orientalisch verzierten Stand Marokkos sagt eine Frau mit Kopftuch, die Herstellung nur eines Liters jenes Arganöls koste sie 24 Stunden. Rebecca Hoffmann und Su Song, denen eigentlich wenige Köstlichkeiten der Welt unbekannt sind, staunen über den reichen Geschmack der goldgrünen Flüssigkeit. Die beiden sind Food-Bloggerinnen und Teil einer Generation von Genuss-Experten, die im Internet Restaurant-Kritiken und Rezepte veröffentlichen. An diesem Tag gehen sie bei der Grünen Woche auf Entdeckungstour.

Ein Stück weiter reicht eine der Marokkanerinnen den beiden ein Schälchen Amlou. Mandel-Creme mit Arganöl. Nichts zum Eben-mal-wegnaschen: Das Glas kostet 15 Euro. Aber Hoffmann und Song haben eben einen Riecher für Luxus. "Hmm, sehr gut", kommentiert Song, "das wäre auch passend zu Salat...", "...oder Huhn", vollendet Hoffmann.

Auf ihrer gemeinsamen Webseite findet man, was zu einem vollendeten Menü gehört. "Fraeuleinchen.de" haben sie sie genannt. Blogs, die irgendwas mit "Fräulein" heißen, gibt es viele. Song (29) und Hoffmann (31) fanden dagegen das altmodische "Fraeuleinchen" passend, weil es so schön nach dem strengen Vokabular von Eltern klingt, die ihre Tochter ausschimpfen. "Irgendwie unartig", sagt Hoffmann.

Bei den Finnen gibt es Lakritz mit Bananengeschmack

Seitdem liefern die Friedenauerin Hoffmann und die Kreuzbergerin Song Rezepte, deren Namen schon hungrig machen, etwa asiatische Kürbissuppe mit Garnelen in Reispapier und Maronenpüree mit Rehragout. Man testet die Restaurants Tim Raues, aber auch das American Diner, wo der Kaffee kostenlos nachgefüllt wird.

Geld verdienen die ehemaligen Arbeitskolleginnen durch Werbung auf der Seite oder Kooperationen mit Unternehmen, neulich etwa mit dem Hersteller eines namhaften Orangen-Likörs. "Gesponserter Artikel" steht dann vor dem Text, betont Hoffmann. In guten Monaten kommen 1000 Euro herein, dann wieder gar nichts. Beide haben neben "Fraeuleinchen.de" reguläre Jobs, Hoffmann etwa im Berliner Start-up Zentrum "Factory".

Ein Blog erfordere "Fleiß und Disziplin" hatte Hoffmann eingangs erklärt. Auf der Grünen Woche dagegen lassen sich die Expertinnen nun bewusst unvorbereitet von Halle zu Halle schieben. Nur den Kaffee aus Sierra Leone möchte Su Song später noch unbedingt testen. Bei den Norwegern probieren sie für ein und zwei Euro von Rentier, Fischfrikadelle und Lachs. Nie beide das Gleiche. Urteil: Das Wild sei "zart und ein bisschen wie Roastbeef". Den Lachs bekomme man in Berlin so sonst nicht, und die Boulette sei aus so frischen Produkten, dass sie nur ganz mild nach Fisch schmecke.

Wurst und Schinken bei den Katalanen

Bei den Katalanen kosten sie Wurst und Schinken, im Handumdrehen von zwei fidelen Männern am Stand heruntergeschnitten und auf der Klinge überreicht. Fünf schwere Stücke für daheim kosten 20 Euro. "Superpreis", sagt Su Song. Bei den Finnen gibt es Lakritz mit Bananengeschmack. "Ich mag weder das eine noch das andere", sagt Hoffmann, die ein Semester Filmproduktion in Finnland studiert hat. "Aber zusammen ist das so gut, dass ich hier eigentlich gar nicht mehr fort will", sagt sie.

Am polnischen Stand lassen sie ihrem Faible für herzhafte, aber gut gemachte Speisen freien Lauf. Händlerin Weronika Kolodziejczak hat Cabanossi, Sülze und Pastete auf Holzbrettern in Form einer Baumscheibe drapiert. "Traditionell und ohne Zusatzstoffe", sagt sie. "Und bio?", fragt Su. "Nein", sagt Kolodziejczak, deren Familie drei Läden in Berlin betreibt. "Aber wie oft stellt sich bei einem Bioprodukt später heraus, was da alles wirklich drin ist", sagt sie und holt die Schmalzbrote hervor.

"Endlich mal ein Stand, an dem man etwas erfährt. Und probieren kann", kommentiert Hoffmann und blickt schon nach den Auslagen Frankreichs. Dessen Küche mögen beide. "Kräftig aber fein und nicht zu kohlehydrathaltig," sagt sie. "Mal abgesehen von ihren Desserts", ergänzt Song. "Wenn es nicht so früh wäre", sagt sie, "würde ich jetzt Austern nehmen."

Der teuerste Käse der Grünen Woche

Am Stand eines Händlers vom österreichischen Vorarlberg bleiben die Food-Bloggerinnen plötzlich stehen. Zufall? Instinkt? Jedenfalls liegt dort – der Verkäufer gibt es unumwunden zu – der wohl teuerste Käse der Grünen Woche.

Warum, wollen sie wissen. Collin Oakley, ein kräftiger 47-jähriger Engländer mit Wohnsitz in Österreich, der heute Karohemd und Lederhose trägt, erklärt ihnen, was es auf sich hat mit diesem Höhlenkäse. "Wir stellen ihn in Östereich her, aber die Europäische Union verbietet die Lagerung in unseren Stollen. Also schicken wir ihn dazu in die Schweiz, die nicht zur EU gehört. Nach fünf Jahren kommt der Käse zurück zu uns." Jetzt kostet das Kilo 60 Euro. Der Geschmack, stellen Song-Hoffmann fest, ist cremig, obwohl der Käse erst trocken wirkt. Sie probieren Rückenspeck vom Edelschwein, das Kilo zu 69 Euro, und Bauchspeck für 89 Euro. Man redet über Slowfood, Laktosegehalt und Verkaufswege. Fachgespräche.

Anschließend geht es in Richtung Sierra Leone. Su Song probiert chilenische Blaubeeren. "Transport, Lagerung - was das alles für die Umwelt bedeutet!", sagt sie. "Da warte ich doch lieber, bis es sie aus unserer Region gibt." Hoffmann hat indes vom portugiesischen Schafskäse probiert und muss gleich noch ein Stück Brot nachschieben, um das Aroma loszuwerden. "Das schmeckt ja wie Schaf auf der Weide", beschwert sie sich.

Sierra Leones Waren liegen noch beim Zoll

Schließlich kommt man am Stand von Sierra Leone an. Das Land ist in diesem Jahr erstmals bei der Grünen Woche. Der Kaffee war im Vorfeld gelobt worden, ebenso die Mangos, die zwar nach Kerosin riechen aber toll schmecken sollen. Die Food-Bloggerinnen suchen den großen Stand ab. Alle Auslagen sind leer. Ein Messemitarbeiter erklärt: Was Sierra Leone in Berlin präsentieren wollte, liege leider beim Zoll. Aber: egal. Es bleiben ja noch 64 andere Länder, bei deren Gesandten Su Song und Rebecca Hoffmann auf die Suche nach fremden Küchen, exotischen Speisen und neuen Ideen gehen können.

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