Flüchtlinge

Berliner Wohnungslose sollen Platz machen

32 Männer ohne eigenen Wohnsitz leben im Gästehaus Moabit. Jetzt wurde der Betreiberin der Mietvertrag gekündigt.

Micha ist einer der Bewohner des Gästehauses Moabit. Der 32-Jährige fürchtet, keine neue Wohnung zu finden

Foto: Reto Klar

Micha ist einer der Bewohner des Gästehauses Moabit. Der 32-Jährige fürchtet, keine neue Wohnung zu finden

Im Bezirk Mitte ist Bewohnern einer Unterkunft für Wohnungslose gekündigt worden – offenbar weil in dem Haus künftig Flüchtlinge untergebracht werden sollen. 32 Menschen, die ihre eigene Wohnung verloren hatten oder aus anderen Gründen ohne eigenen Wohnsitz sind und deshalb im Gästehaus Moabit an der Berlichingenstraße 12 leben, erhielten von der derzeitigen Betreiberin eine schriftliche Aufforderung, ihre Zimmer bis zum Ende dieses Monats zu verlassen. Zur Begründung verwies die Betreiberin in ihrem Schreiben auf die Kündigung ihres eigenen Mietvertrages.

Nicht nur bei den Bewohnern, auch im Bezirksamt Mitte hat dieser Umstand für erhebliche Unruhe gesorgt. Dort hatten Klienten der Einrichtung bereits vor Weihnachten vorgesprochen und ihre Ängste vor erneuter Wohnungslosigkeit geäußert. Micha, 33, der seinen Nachnamen lieber nicht nennen möchte, hatte nach der Zwangsräumung seiner Wohnung in Wedding zwei Tage auf der Straße gelebt, bevor ihn die bezirkliche Fachstelle für Obdachlosenhilfe vor fünf Jahren in der Berlichingen-straße unterbrachte. "Bei der derzeitigen Lage auf dem Wohnungsmarkt sehe ich wenig Aussichten, dass ich eine Wohnung oder auch nur ein WG-Zimmer finde, das vom Amt finanziert würde", sagte Micha.

Mittes Sozialstadtrat Stephan von Dassel (Bündnis 90/Grüne) möchte das Gästehaus Moabit ebenfalls unbedingt erhalten. "Bei den Menschen dort geht es um einen Personenkreis, den man nicht einfach irgendwo anders unterbringen kann", sagte von Dassel der Berliner Morgenpost. Die Mehrzahl der Bewohner sei schwer alkoholkrank, für ihren Lebensunterhalt seien sie auf öffentliche Unterstützungsleistungen angewiesen. Der Bezirk könne ihnen derzeit keine anderen Wohnplätze vermitteln, weil entsprechende Unterkünfte knapp seien. Etwa ein Viertel der 32 Männer lebt schon zwischen einem und zwei Jahrzehnten in dem Gästehaus, rund die Hälfte seit vier bis sechs Jahren. Die Einrichtung habe sich gut in den Kiez integriert, sagte von Dassel. Beschwerden aus der Nachbarschaft habe es keine gegeben.

Grundsätzlich, so der Grünen-Politiker, gebe es eine Verabredung zwischen dem Land und den Bezirken, dass Flüchtlinge nicht in Unterkünfte ziehen sollen, die für Wohnungs- oder Obdachlose vorgesehen sind.

"Nicht die beiden Gruppen gegeneinander ausspielen"

"Das ist genau, was wir nicht wollen und keinesfalls unterstützen werden, dass eine Konkurrenzsituation zwischen diesen beiden Gruppen entsteht", bestätigte die Sprecherin von Sozialsenator Mario Czaja (CDU), Regina Kneiding, auf Anfrage der Berliner Morgenpost. Obdach- und Wohnungslose dürften nicht darunter leiden, dass Berlin derzeit so viele Flüchtlinge aufnehme. Auch der Betroffene Micha betont: "Ich bin solidarisch mit den Flüchtlingen. Man darf aber jetzt nicht die beiden Gruppen gegeneinander ausspielen."

Nachmieter des jetzigen Gästehauses ist der Hostelbetreiber Gikon, der in Berlin möblierte Zimmer und Wohnungen anbietet und an der Lehrter Straße bereits Flüchtlinge beherbergt hat. Bei Fragen zur künftigen Nutzung verweist Gikon an die Eigentümergemeinschaft des Hauses. Diese lässt sich durch die Berolina Grundbesitz GmbH vertreten.

In Notfall will der Stadtrat das Haus beschlagnahmen

Auch dem Bezirksamt wurde noch nicht offiziell die Einrichtung einer Flüchtlingsunterkunft an der Berlichingenstraße 12 mitgeteilt. Finanziell sei deren Betrieb grundsätzlich profitabler als ein Haus für Wohnungslose, sagte Bezirksstadtrat Stephan von Dassel: "Zwar nicht unbedingt vom Tagessatz her, der gezahlt wird. Aber Flüchtlinge wohnen meist zu mehreren in einem Zimmer, vor allem, wenn es sich um Familien handelt. Das ist bei der Klientel, die im Gästehaus wohnt, nicht möglich, sie haben Einzel- oder maximal Doppelzimmer."

Die Tagessätze für Obdachlosen- und Flüchtlingsunterkünfte sind nicht starr. Für Notschlafplätze im Rahmen der Kältehilfe werden 15 Euro pro Tag und Person angesetzt. Der Tagessatz für die Unterbringung von Obdachlosen hängt jedoch stark von Angebot und Nachfrage ab. Ein Platz im Mehrbettzimmer ist ab zwölf Euro zu haben, Einzelzimmer kosten 13 bis 36 Euro. Für eine Hostelunterbringung etwa werden aber bis zu 50 Euro pro Nacht bewilligt. Das gilt auch für Flüchtlinge. Bei deren Unterkünften rechnet der Senat in der Regel mit Tagessätzen von 15 bis 20 Euro, ohne Verpflegung.

Um im Ernstfall die Obdachlosigkeit der 32 Männer aus dem Gästehaus zu verhindern, will von Dassel alle Mittel nutzen und schließt als letzte Maßnahme selbst eine Beschlagnahme des Hauses nicht aus. So weit will der Vorsitzende des Sozialausschusses in der Bezirksverordnetenversammlung von Mitte, Thorsten Lüthke (SPD), vorerst nicht gehen. Die Position des Stadtrates unterstützt er dagegen vehement. "Wir müssen uns auf jeden Fall darum kümmern, dass diese Menschen nicht erfrieren", sagte Lüthke. Das Thema soll am kommenden Dienstag im Sozialausschuss behandelt werden.

Zur Startseite