Berliner des Jahres Berliner Morgenpost und 104.6 RTL ehren Flüchtlingshelfer

Philipp Bertram im Treppenhaus des Rathauses Wilmersdorf. Die Kinder mögen ihn sehr

Foto: Reto Klar

Philipp Bertram im Treppenhaus des Rathauses Wilmersdorf. Die Kinder mögen ihn sehr

Philipp Bertram, Co-Leiter im Flüchtlingsheim Wilmersdorf, ist der Berliner des Jahres. Eine Auszeichnung für alle Helfer in Berlin.

Der 14. August 2015 war der Tag, der Philipp Bertrams Leben entscheidend verändern sollte: Der 24 Jahre alte Student ist am Vormittag auf dem Weg zur Turmstraße, wo er Flüchtlingen helfen will, die bei großer Hitze zu Hunderten vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) warten. In der S-Bahn erreicht ihn eine E-Mail des Arbeiter-Samariter-Bundes (ASB). Im ehemaligen Rathaus Wilmersdorf soll an diesem Tag eine Flüchtlingsunterkunft bezogen werden. Es werden dringend Unterstützer benötigt, Treffpunkt 12 Uhr im Hof des Rathauses.

Philipp Bertram kehrt um, fährt nach Wilmersdorf, ist pünktlich dort. Und steht allein auf dem Hof. Er ruft den ASB an. Die Mitarbeiter des Katastrophenschutzes kämen gleich, heißt es – und die ersten Flüchtlinge auch. Bertram ist klar, dass weitere Unterstützer kommen müssen. Spontan gründet er die Facebook-Gruppe "Wilmersdorf hilft", stellt das bei anderen Gruppen wie "Moabit hilft" ein, bittet darum, den Aufruf zu teilen.

Nach zwei Stunden hat "Wilmersdorf hilft" mehr als 600 Mitglieder. Als der ASB um 16.30 Uhr vorfährt, sind schon 100 Helfer dort, am Abend sind es 200. Um 20 Uhr ist die Küche aufgebaut, stehen Hunderte Betten. Um 20.30 Uhr kommen die ersten Flüchtlinge mit Bussen aus der Turmstraße "Es war knapp, aber es hat geklappt", sagt Philipp Bertram heute.

Ehrung stellvertretend für alle, die sich für Flüchtlinge einsetzen

Und dieser Einsatz war nur der Anfang, seit jenem Tag ist das Heim am Fehrbelliner Platz der Lebensmittelpunkt von Philipp Bertram, die Betreuung der Bewohner seine große Aufgabe, der er sich mit aller Kraft widmet. Deshalb hat die Jury von Berliner Morgenpost und 104.6 RTL entschieden, ihn zum Berliner des Jahres zu wählen – stellvertretend für alle Berliner, die sich in Willkommensbündnissen und Initiativen für Flüchtlinge engagieren.

Bis um Mitternacht blieb Philipp Bertram an jenem 14. August in der Unterkunft, danach setzte er sich zu Hause an seinen Computer und organisierte via Facebook Spenden und weitere Helfer. Es sollten noch viele dieser langen Nächte folgen, die erste Nacht arbeitete er komplett durch. Am nächsten Morgen kam er wieder ins Rathaus Wilmersdorf und war plötzlich Ansprechpartner für alle. "Das hat sich einfach verselbstständigt", sagt er.

Er fühlte sich verantwortlich

Aber dazu gehören immer zwei Seiten. Philipp Bertram nahm die Aufgabe an, er fühlte sich verantwortlich. Viele Helfer hätten damals wenig Erfahrung gehabt. Er hatte immerhin schon in Moabit und in der großen Notunterkunft in Karlshorst geholfen, zuvor in Marienfelde, Eisenhüttenstadt und in Dresden, wo seine Familie lebt. Er hatte sich über das Asylrecht informiert und über die Zustände am Lageso. Er habe in Wilmersdorf sofort gemerkt, dass die Menschen einen Fixpunkt suchen – die Flüchtlinge, die Helfer, die ASB-Mitarbeiter. "Ich wollte mich nicht davonstehlen", sagt er.

Bereits nach der ersten Nacht habe er gewollt, dass es weitergeht. "Man verbindet sich schon sehr mit so einem Haus", sagt er. Er nennt es "mein Haus". Nicht besitzergreifend, sondern weil er sich damit identifiziert. Er betont, dass sich schnell auch andere Helfer gefunden hätten, die bereit waren, viel Verantwortung zu übernehmen.

150 bis 200 Helfer pro Tag im alten Rathaus

Und es gibt viele, die helfen wollen im ehemaligen Rathaus am Fehrbelliner Platz. 5000 Mitglieder hat die Facebook-Gruppe, knapp 4000 machen tatsächlich im Haus mit, manche nur ab und zu, andere täglich. Am Anfang waren es 300 bis 400 pro Tag, heute sind es im Schnitt 150 bis 200. Das Gros der Freiwilligen sei "40 plus", es seien aber auch Schüler darunter, die vor allem in den Ferien immer wieder kämen.

Es ist eine große Unterkunft. 1150 Bewohner zwischen null und 80 Jahren, vor allem aus Syrien und Afghanistan, aber auch aus dem Irak und Iran, aus Tschetschenien und Dagestan. Drei Viertel der Bewohner sind Familien, die meisten zwischen 20 und 30, 290 Kinder und Jugendliche leben im Haus, die meisten sind unter zehn. "Das ist wie ein Dorf", meint Bertram.

Dieser Satz zielt nicht nur auf die Größe, sondern auch auf das Gemeinschaftsgefühl. Viele Bewohner leben schon seit Monaten in dieser Notunterkunft, in der sie doch eigentlich, so der Plan des Senats, höchstens ein paar Wochen bleiben sollten. Da entstanden Bindungen. Und auch viele der Flüchtlinge würden heute von "ihrem Haus" sprechen, würden dort mitarbeiten und ihre Mitbewohner unterstützen, in der Küche, der Kleiderkammer, der Wäscherei, als Transporteure, Änderungsschneider oder Friseure.

Durchsetzungsstärke und Mitgefühl zeichnen ihn aus

Sie nehmen all das sehr ernst, weil sie von Menschen wie Philipp Bertram ernst genommen werden. Der gut gekleidete, ausnehmend höfliche und zurückhaltende junge Mann hat einen besonderen Draht zu den Menschen. "Philipp besitzt Empathie, aber kann auch danach handeln", sagte Thomas de Vachroi, der Leiter der Notunterkunft. Deshalb fragte er Philipp Bertram vor drei Monaten, ob er sein Stellvertreter werden will. "Ich habe sehr mit mir gerungen", sagt Bertram. Er habe sich als Ritter der Flüchtlinge gesehen, als Aktivist, der auch den Träger des Heims kritisiert und Berliner Missstände anprangert.

Doch dann machte er "den Sprung", wie er es nennt. Sein Studium der Politik und Wirtschaftswissenschaft hat er unterbrochen, will es aber irgendwann wieder aufnehmen. Heute sagt er, es sei "eine wirklich gute Entscheidung" gewesen. Nun konnte er "aus Kritik Verantwortung wachsen lassen".

Natürlich muss er jetzt als Hauptamtlicher auch schwere Entscheidungen treffen. Entscheidungen, bei denen er lieber wieder ein freiwilliger Helfer wäre. 20 Bewohner mussten aus dem Haus, aus seinem und ihrem Haus, ausziehen, weil sie wiederholt gegen die Hausordnung verstoßen haben. Nicht viel bei 1150 Bewohnern. "Aber der Moment, wo man da steht, als 24-Jähriger – das ist nicht leicht." Vorher sorgte er dafür, dass die Betroffenen einen Platz in einer anderen Unterkunft bekommen. Durchsetzungsstärke und Mitgefühl zeichnen ihn aus, unseren Berliner des Jahres.

Er sagt, wer Verantwortung in einer solchen Unterkunft übernimmt, sieht auch mal Dinge, die er eigentlich gar nicht sehen will. Aber auch hier ist er letztlich froh, mitentscheiden zu können, wie man mit Menschen umgeht, die einen Fehler gemacht haben. Man darf sie nicht in die Obdachlosigkeit schicken, das ist ihm oberstes Gebot.

Die Hausordnung ist sehr allgemein gehalten. Es herrscht Rauchverbot, Drogen sind tabu, wegen der Kinder muss die Nachtruhe eingehalten werden. Ansonsten: Kein Rassismus, keine Homophobie, kein Sexismus, kein Faschismus, kein Hass. Aber das Haus sei kein Gefängnis, betont Philipp Bertram. Die Bewohner sollten ihr Leben so frei wie möglich gestalten können. Mahlzeiten zum Beispiel werden angeboten, aber niemand muss sie dort einnehmen.

Gefragt nach seinem Wunsch für das neue Jahr, wird Philipp Bertram nachdenklich. Er wünsche sich "für uns alle", dass die positive Energie der Willkommenskultur aufrecht erhalten werde und die Menschen mit dieser Energie die Aufgaben der Integration angehen. "Wenn wir die Energie der Bedenkenträger und all derer, die über den besten Weg diskutieren, von der Gedankenwelt in die praktische Arbeit stecken und anpacken, so wie die Helfer, dann schaffen wir das", ist er überzeugt. Natürlich müsse diskutiert werden, aber bitte neben der Praxis. "Wir brauchen zügig Jobangebote und Sprachkurse. Darauf sollten wir die Kräfte konzentrieren", sagt er.

Für die Unterkunft am Fehrbelliner Platz wünscht er sich, dass sie weiter bestehen bleibt und nicht, wie ursprünglich geplant, im Frühjahr geschlossen wird. Damit ist aber auch nicht zu rechnen, zu dringend werden in Berlin Plätze für Flüchtlinge benötigt. Schließlich hat er auch noch einen persönlichen Wunsch: mehr Zeit für die Familie. Er hat das Bedürfnis, immerzu vor Ort zu sein, "weil man die vielen Probleme sieht". Er hat aber auch gelernt. Man muss loslassen können, sonst braucht man sich zu sehr auf.

Das hat er vor Weihnachten den Freiwilligen immer und immer wieder gesagt. "Nehmt Euch Zeit, schaltet ab, verbringt mal wieder Zeit mit Eurer Familie." Für Ersatz war gesorgt. Die jüdische Gemeinde vom Fraenkelufer in Kreuzberg sprang ein. Die ist dem Haus schon länger verbunden, hat bereits mehrere Projekte für die Kinder organisiert.

An den drei Weihnachtstagen hielten die Gemeindemitglieder die Helferstruktur und damit den Betrieb aufrecht. Unterstützt von vielen Bewohnern. Die halfen den Neuankömmlingen, brachten sie auf ihre Zimmer, zeigten ihnen die Unterkunft, füllten mit ihnen Formulare aus. "Das war schön zu sehen", sagt Philipp Bertram und lächelt wieder. Er war Weihnachten auch in der Unterkunft – natürlich. Das mit dem Loslassen war ja auch erst der Wunsch für 2016.

Die Begründung der Jury

Flüchtlinge Im vergangenen Jahr sind rund 80.000 Flüchtlinge nach Berlin gekommen. Sie flohen vor Krieg und Verfolgung, sie suchen in unser Stadt Schutz und die Chance auf ein neues Leben in Frieden und Freiheit. Der Zustrom der Asylsuchenden und die sich daraus ergebenden Herausforderungen waren 2015 das zentrale politische Thema.

Helfer Die Bürger unserer Stadt haben in beispielloser und beeindruckender Weise reagiert. Tausende Berliner in allen Bezirken engagieren sich in Willkommensbündnissen, Initiativen und Netzwerken, um Asylsuchenden zu helfen. Sie investieren sehr viel Zeit und Kraft.

Entscheidung Die Jury für den Berliner des Jahres hat sich deshalb dafür entschieden, einen Menschen auszuzeichnen, der sich für Flüchtlinge einsetzt. Ihm wird der Titel stellvertretend für alle Berliner verliehen, die dies ebenfalls tun. Damit möchten wir allen Helfern Respekt und Anerkennung zollen und ihnen für ihren Einsatz danken.

Auswahl Wir haben Philipp Bertram ausgewählt, weil uns seine Geschichte besonders beeindruckt hat. Der 24-Jährige hat als Ehrenamtlicher die Flüchtlingsunterkunft im Rathaus Wilmersdorf mit aufgebaut. Er koordinierte wesentlich den Einsatz der Freiwilligen, kümmerte sich um die Bewohner des Hauses – tatkräftig, überlegt und mit großem Einfühlungsvermögen. Inzwischen ist er stellvertretender Heimleiter.

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