Berlin-Paradox

Warum in Berlin so viel schiefläuft - und es keinen stört

Warum versagen Politik und Verwaltung in Berlin so kläglich? Morgenpost-Autor Hajo Schumacher analysiert das Hauptstadt-Chaos.


Blick über Berlin auf das Zentrum mit Berliner Dom, Nikolaiviertel und Fernsehturm am Alexanderplatz

Foto: Jean Claude Castor / picture alliance / zb

Blick über Berlin auf das Zentrum mit Berliner Dom, Nikolaiviertel und Fernsehturm am Alexanderplatz

Womit anfangen: Rütli-Schule? Flughafen? S-Bahn? Schulklos? Oder schon mal auf das nächste potentielle Skandalon hinweisen, die Stadtschloss-Baustelle? Neulich rief eine Freundin aus Bielefeld an; sie konnte "LaGeSo" übersetzen.

Als nur Flughafen war, lachte Deutschland über Berlin. Seit der düsteren Bilder, wie Geflüchtete in Berlin nicht um ihr Leben, aber um ihre Registrierung rennen, herrscht Entsetzen. "Failed Stadt" heißt es bundesweit. Die "New York Times" hat auch schon berichtet. Wer über Weihnachten nach Hause fährt, der weiß, womit die Familie aufwartet: Ihr da in Berlin, jeden Tag Party, auf Kosten der tapfer zahlenden Republik.

Niemand merkt etwas von den Investitionen

Tatsache ist: Knapp dreieinhalb Milliarden überweisen die anderen Bundesländer jährlich an die Hauptstadt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Nicht jede Behörde versagt. An der Berliner Finanzverwaltung hätte auch Wolfgang Schäuble seine Freude. Steuern eintreiben, das beherrschten die Finanzsenatoren Sarrazin und Nussbaum und jetzt Kollatz-Ahnen. Unter dem neuen Regierenden Michael Müller wird erstmals seit Jahren investiert – nur merkt davon kaum jemand was, nach Jahren rigorosen Sparens.

Warum versagen Politik und Verwaltung in Berlin so kläglich? In welcher Stadt hätte die Marihuana-Industrie soviel Zeit, einen ganzen Park zur Verkaufsfläche umzuwandeln? Legendär, wie Innensenator Frank Henkel eine Null-Toleranz-Politik ausrief und der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg die Büsche kappen ließ, auf dass sich niemand mehr verstecken kann. Immerhin wurde kein Entlaubungsmittel eingesetzt. Kreuzbergs grüne Bezirksbürgermeisterin Herrmann kündigte schließlich legale Verkaufsstellen an, aber das war natürlich die erwartete Lachnummer. Drogen, Flüchtlinge, Krawalle - Kreuzberg ist und bleibt Epizentrum des Berliner Irrsinns: Regeln sind zum Übertreten da und symbolischer Rummel gilt als politisches Handeln.

Dagegen fällt ein Bezirk wie Pankow kaum auf: ruhig, leise, ordentlich regiert. Bezirksbürgermeister Matthias Köhne (SPD) würde niemals den eigenen Bezirk zur No-go-Area erklären; dieser Bezirk läuft. Dennoch hat der besonnene Bürgermeister Köhne nach zehn Jahren genug. Täglicher Irrsinn stresst.

Spannende Frage: Warum funktioniert Berlin überhaupt? Wie können Menschen hier täglich zur Arbeit gehen und zwar mehr als je zuvor? Wie überleben Kinder in verkeimten, baufälligen Schulen? Warum zum Teufel werden die Start-ups nicht anderswo in Deutschland gegründet? Wie lebt es sich in einer Stadt, wo die Ämter angeblich keine Termine vergeben, Radwege im Nichts enden und Flüchtlinge nur registriert werden, wenn sie mindestens halb erfroren sind, um dann in einer Halle auf dem Messegelände unterzukommen, wo gleich nebenan das Porno-Festival "Venus" steigt?

Berlin ist permanenter Ausnahmezustand

Berlin ist ein Dschungel, permanenter Ausnahmezustand, jeden Tag Staatsbesuch, jeden Tag ein halbes Dutzend Demos, Fanmeile, Silvester, und immer gleich Millionen. Kongress-Veranstalter lieben die Stadt für ihre Sicherheit und die gelassenen Event-Profis. Berlin heißt eben Routine im Umgang mit Risiko und Chaos. Die Bewohner sind Überlebenskünstler, genügsam, trickreich, ausdauernd, jeden Moment auf Überraschungen eingestellt. Sie finden einen Weg, den Reisepass zu verlängern, sie wissen, wo Charme hilft oder ein Glas selbstgemachte Marmelade. Im Hauptstadt-Darwinismus muss man schmerzfrei sein und vergessen können. Die anderen fliehen geschockt zurück in Gegenden mit berechenbarerem Leben.

Es gilt das Berlin-Paradox

In der Hauptstadt herrscht dauernde Spannung, denn es gilt das Berlin-Paradox. Hier die Mahnwache osteuropäischer Bauarbeiter, die von kriminellen Projektentwicklern um ihren kargen Lohn betrogen wurden, dort Oligarchen-Tussen, die mit Krallen und High Heels ihren SUV wie russische Panzer durch die Straßen prügeln. Hier der virtuelle Flughafen, seit dreieinhalb Jahren uneröffnet, dort die Provisorien Tegel und Schönefeld, die wundersam unproblematisch knapp 30 Millionen Passagiere jährlich abwickeln. Hier ein chaotisch organisiertes Flüchtlings-Management samt überfordertem Senator; dort der Klatsch-Journalist, der jede Nacht Menschen bei sich aufnimmt, der Werber, der seit Monaten seine Freizeit verwendet, um Dienstpläne für Tausende freiwillige Helfer zu koordinieren, das Schauspielerpaar, das ohne mediales Gebimmel zwei syrische Jungen aufnimmt, beschult, ernährt. Tapfer fangen unzählige Improvisationskünstler auf was die Berliner Verwaltung fallen lässt.

Es gibt zwei zentrale Überlebensregeln im Berliner Dschungel. Erstens: Wer was will, der schreie so laut wie möglich. Zweitens: Wer angeschrien wird, der stelle sich taub. So entsteht eine Balance aus Lärm und Nichtstun. Man weiß: Vieles regelt sich von allein, irgendwie. Oder man gewöhnt sich an Provisorien, siehe Flughäfen. So resultiert die Berliner Dauerkrise weniger aus Führungsversagen als vielmehr aus Führungsverweigerern, wie der Senat eindrucksvoll vorlebt. Integrationssenatorin Kolat (SPD) ist abgetaucht seit es mal was zu integrieren gibt; auf ihrer Website wird eine Kunstausstellung gepriesen. Sozialsenator Czaja (CDU) verbarrikadiert sich hinter Vorschriften während seine Behörden Chaos verwalten. Im berüchtigten Landesamt für Gesundheit und Soziales (LaGeSo) gibt es tatsächlich den Job des Suchers, der aus Aktenbergen das richtige Dokumente zu fischen hat. Der Regierende Müller (SPD) wiederum will Czaja nicht aus dem Amt und die CDU nicht aus der Koalition werfen. Denn dann wäre die CDU aus der Verantwortung befreit und würde einen brutalen Flüchtlingswahlkampf führen. Da ist es wieder, dieses Berlin-Paradox: Wer führt, verliert. Weiterwurschteln bedeutet das geringste Übel. Chaos ist der Preis für politisches Überleben.

Die linke Variante des Geists von Pegida

Handeln dagegen mobilisiert schlafende Hunde, von denen es reichlich gibt. An jeder Straßenecke fühlt sich jemand diskriminiert, benachteiligt oder tut einfach so. Opfersein kann ein Beruf sein in Berlin, Protest eine Lebensaufgabe. So wird das Tempelhofer Feld noch eine gigantische Brachfläche sein, wenn die meisten Syrer wieder daheim sind. Wohnungsnot hin, Flüchtlinge her, Traglufthallen auf dem ehemaligen Flugfeld werden wegprotestiert. Der Geist von Pegida findet hier seine linke Variante.

Seit Mauerzeiten haben gesellschaftspolitische Wirrköpfe zumindest Blockademacht in einer Stadt, die anders als Essen, Hamburg oder München, keine bürgerliche Mitte hat, kein emotionales, historisches, kulturelles Zentrum, kaum gemeinsames Bewusstsein. Berlin, das ist die Diktatur von Randgruppen, die der Soziologe "Multiminoritätengesellschaft" nennt. Ein in erster Ehe verheirateter Familienvater christlichen Glaubens, Steuerzahler, allergiefrei und nicht in therapeutischer Behandlung - das ist der wahre Exot hier.

Auf den großen Bühnen, was im muffigen Keller probiert wird

Für Gesellschaftsromantiker ist Berlin ein Musterbeispiel für Buntheit, Vielfalt, Stile, Temperaturen. Stimmt ja auch. Wenn direkt am Straßenstrich Kurfürstenstraße der Berliner Opern-Nachwuchs um Julia Lwowski und Franziska Kronfoth mal wieder eine wüste Uraufführung veranstaltet, dann drücken sich 50, 60 Menschen in einem Luftschutzkeller, ohne Fluchttüren, mit Zigaretten unter Gasleitungen. Die Gläser klirren. In Bayern wären Nachbarn und Polizei längst eingeschritten; in Berlin kommen die Spione der großen Opernhäuser. Was im muffigen Keller probiert wird, kommt eines Tages auf die großen Bühnen in München, Hamburg, Essen, Bayreuth. Überleben im Chaos, das ist ein kostbares künstlerisches Exportgut.

Die Kehrseite des permanenten Durcheinanders: Die allgemein akzeptierten Spielflächen schrumpfen, es gibt keine kollektive Idee von moderner Stadt. Wo aber problemverliebte und lösungsunwillige Minderheiten ungestört ihre Dauerblockaden errichten, da geht das Fortschrittstempo gen Null. Oder kehrt sich um, wie in Kreuzberg. Nach jahrzehntelangen Versuchen etwa, die internationale besetzten Randale-Festspiele am 1. Mai einzudämmen, brachte ein Bürgerfest endlich Frieden. Nun fehlt das Geld für die Party, Anwohner haben das Erbrochene von Easyjet-Touristen im Hauseingang satt, ein paar Familien haben das Geschäft monopolisiert. Und Bezirksbürgermeisterin Herrmann legt sich, Berlin-like, in die Furche.

Es gehört nicht viel Prognosetalent dazu, das Comeback des Krawalls vorherzusagen, zumal die Gerhart-Hauptmann-Schule noch immer von wenigen Flüchtlingen besetzt ist, instrumentalisiert von politischen Aktivisten. Kostet ein Vermögen, nützt keinem, nervt alle – aber keiner mag einschreiten. Regelt sich schon, irgendwie. Politische Verantwortung, so lautet eine weitere Berliner Grundregel, hatten immer die Vorgänger.

Wer kann, wechselt in ein anderes Bundesland

Wobei: Auf Berlin drücken tatsächlich Altlasten. Die 60 Milliarden Miesen stammen überwiegend aus Landesbank-Abenteuern, die alle Bundesländer kennen. Aus lauter Not hat der damalige Finanzsenator Thilo Sarrazin viele günstige, öffentliche Wohnungen verscheuert, die nun an der Börse hin und her geschoben werden. Zwar hat der Wowi-Bär oft wegcharmiert, das gespart wurde "bis es quietscht". Doch nun sind die Folgen nicht länger zu verbergen. Die schlechte Laune im öffentlichen Dienst liegt nicht nur an den museumsreifen Computern und den vielen Überstunden, sondern auch an den im Bundesvergleich erbärmlichen Gehältern. Wer kann, wechselt in ein anderes Bundesland; Potsdam ist nur eine halbe Autostunde entfernt.

Ausgerechnet die Mitarbeiter zweier leistungsfähiger städtischer Betriebe machen seit Jahren vor, wie man im Chaos Berlin überlebt. Sowohl die Stadtreinigung BSR als auch die Verkehrsbetriebe BVG sind Meister in Gelassenheit und Selbstironie. Der Witz Berliner Busfahrer ist ebenso Legende wie der stoische Müllwerker. Im neuen Videoclip der BVG rappt sich der Neuköllner Kiezstar Kazim Akboga durch Pferde, Sofas, Trompeter, Transen, Turner, eben das ganze Multiminoritätenkabinett in Bus und Bahn. "Wir euch lieben, is euch egal", heißt der Text. Was das soll? Egal. Geht weiter. Wird schon.

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