Nahverkehr

S-Bahn verliert Verantwortung für ihre Stellwerke

DB Netz übernimmt am 1. Januar die Zuständigkeit für die S-Bahn-Infrastruktur. Der Berliner Fahrgastverband befürchtet mehr Probleme.

Bei der Berliner S-Bahn geht eine Ära zu Ende. Gut 80 Jahre lang lag die Verantwortung für den Schnellbahnverkehr in der Stadt in einer Hand. Lokführer, Werkstattmitarbeiter, die Aufsichten auf den Bahnsteigen, aber auch die Blockwärter und Fahrdienstleiter – sie alle waren Mitarbeiter der S-Bahn. Das wird sich nun ändern: Ab 1. Januar 2016 geht die Verantwortung für das 332 Kilometer lange Schienennetz auf die DB Netz AG, die Infrastrukturtochter der Deutschen Bahn, über. Rund 400 der gut 3000 S-Bahner bekommen damit einen neuen Arbeitgeber. Betroffen seien Mitarbeiter aus den Bereichen Betriebs- und Baubetriebsplanung, Betriebsdurchführung sowie Fahrdienstleiter und Blockwärter.

Auf den Zugverkehr bei der S-Bahn soll der Wechsel keine Auswirkungen haben. "Lediglich einige interne Abläufe ändern sich", betont S-Bahn-Sprecher Ingo Priegnitz am Donnerstag. Die täglich bis zu 1,3 Millionen S-Bahn-Fahrgäste würden davon aber nichts mitbekommen.

Sorge vor dem Verlust von Kompetenz und Wissen

Fahrgastvertreter sehen das nicht ganz so optimistisch. Durch die neuen Zuständigkeiten könnte es durchaus zu mehr Problemen im Betriebsablauf kommen, befürchtet die Interessengemeinschaft Eisenbahn, Nahverkehr und Fahrgastbelange Berlin e.V. (Igeb). "Es geht schon jetzt nicht ohne Ruckeln. Das wird sicher nicht weniger", sagt Igeb-Sprecher Jens Wieseke der Berliner Morgenpost. Bereits in der Vergangenheit habe es immer wieder Zugverspätungen und Ausfälle aufgrund von Signalstörungen oder anderen Problemen bei der technologisch veralteten Infrastruktur gegeben. Bei solchen Störungen komme es sehr auf eine gute Zusammenarbeit zwischen den Verantwortlichen für die Infrastruktur und den Zugbetrieb an. Berufserfahrung und kurze Wege seien in solchen Fällen wichtig. "Die S-Bahn ist ein sehr sensibles Kind mit vielen Eigenheiten, die man kennen muss." Die DB Netz AG sei gut beraten, für die S-Bahn einen eigenständigen Bereich zu schaffen. "Die Gefahr ist groß, dass sonst Wissen und Kompetenz verloren geht", so Wieseke.

Schon jetzt separate Strukturen

S-Bahn-Sprecher Priegnitz verweist indes darauf, dass es schon jetzt im Unternehmen separate Strukturen gibt. Zum einen die in Schöneweide ansässige Transportleitung, die etwa den Einsatz der Lokführer und Fahrzeuge disponiert. Zum anderen die Betriebszentrale der S-Bahn in Halensee, die sich um die gesamte Organisation des Zugverkehrs kümmert. Diese werde in der bisherigen Form bestehen bleiben.

Von Halensee aus werden etwa Signale gestellt, ohne die ein Lokführer seinen Zug nicht in Bewegung setzen kann. Bislang gibt es für den Betrieb der Stellwerke seit 1994 einen Geschäftsbesorgungsvertrag, auf dessen Grundlage Mitarbeiter der S-Bahn die Aufgaben erfüllen. Dieser Vertrag läuft zum Jahresende aus und wird nicht verlängert.

EU-Recht wird umgesetzt

Hintergrund für den Wechsel der Zuständigkeiten sind Forderungen der Europäischen Union. "Das EU-Recht fordert einen diskriminierungsfreien Zugang zu den Schienenwegen", so der S-Bahn-Sprecher. Erst durch die formale Trennung von Netz und Betrieb sei es etwa möglich, dass auch andere Verkehrsunternehmen den S-Bahn-Betrieb in Berlin ganz oder teilweise übernehmen können. Eine solche Praxis gibt es im Regionalverkehr schon seit Längerem. Dort ist DB Netz für das Schienennetz zuständig, das - nach Ausschreibungen - von mehreren Eisenbahnen genutzt wird. In Berlin und Brandenburg sind neben den Zügen der Bahntochter DB Regio auch Züge der Ostdeutschen Eisenbahn Odeg, der Niederbarnimer Eisenbahn NEB und der Prignitzer Eisenbahn unterwegs.

Wettbewerb auf der Schiene

Auch bei der Berliner S-Bahn sollte eigentlich der Wettbewerb einziehen. Der Senat und die brandenburgische Landesregierung haben bereits 2012 den Betrieb der Ringbahn sowie mehrerer Zubringer europaweit ausgeschrieben. Theoretisch könnte daher ab 2017 auch ein privater Anbieter oder ein Tochterunternehmen einer anderen Staatsbahn diese Verkehrsleistung übernehmen. Wegen der hohen Hürden soll sich aber inzwischen nur noch die Bahntochter S-Bahn Berlin GmbH um den Milliardenauftrag bewerben. Ihre Vergabeentscheidung wollen die Länder noch im Dezember bekanntgeben.

S-Bahner fürchten um den Zusammenhalt

Für die betroffenen Mitarbeiter soll sich durch die Zuständigkeitsänderung grundsätzlich nichts ändern. Sowohl die S-Bahn als auch DB Netz gehören vollständig dem bundeseigenen Bahnkonzern. Auch tarifrechtlich bestehen keine Unterschiede. Für viele Mitarbeiter, wie die Fahrdienstleiter in der Fläche oder der Betriebszentrale S-Bahn, ändert sich nichts. "Sie bekommen lediglich auf höherer Ebene einen neuen Vorgesetzten", so der S-Bahn-Sprecher.

Dennoch gibt es aus der Belegschaft auch warnende Stimmen. "Alles aus einer Hand, das war einmal unsere Stärke", so ein langjähriger S-Bahner. Er fürchtet auch um den Zusammenhalt in der Belegschaft. Bereits jetzt würden etliche Aufgaben wie etwa die Wagenreinigung nicht mehr von S-Bahn-Mitarbeitern erledigt. Aktuell zieht die S-Bahn auch noch ihre Aufsichten von fast allen 166 Bahnhöfen ab. Es bleiben nur noch 21 Stamm-Aufsichten übrig.

Zusammenarbeit wird schwieriger

Igeb-Sprecher Wieseke erinnert an die Leistungen der einst eigenständig agierenden Berliner S-Bahn, zum Beispiel kurz nach dem Mauerfall. "Einen Bahnhof an der Bornholmer Straße innerhalb weniger Tagen in Betrieb nehmen, das wird künftig wohl nicht mehr möglich sein." Auch ein weiterer Punkt bereitet ihm Sorgen. So wird auch die Betriebsplanung zu DB Netz wechseln, die beispielsweise bei größeren Bauprojekten den Alternativ- und Ersatzverkehr vorbereitet und organisiert. "Das ist natürlich einfacher, wenn man mit der S-Bahn unter einem Dach sitzt", so der Fahrgastvertreter.

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