Verkehrsstudie

Jeder zweite Berliner Haushalt hat kein Auto

Knapp ein Drittel aller Wege legen die Berliner zu Fuß zurück, dann folgen Nahverkehr und Fahrrad. Aufs Auto verzichten viele.

Julia Wagner schiebt ihr Fahrrad über den Ludwigkirchplatz. Am Lenker hängen Taschen und Schulranzen, Tochter Greta, 5, sitzt auf dem Sattel, die siebenjährige Nina auf dem Gepäckträger. Diese Frau hat bestimmt kein Auto. "Doch, wir haben ein Auto", sagt die 41-Jährige und lacht. "Aber das benutzen wir nur am Wochenende. Unter der Woche mache ich alles mit dem Rad." Das Auto ganz herzugeben, das kann sie sich nicht vorstellen. "Mein Mann will immer Carsharing machen. Aber das Auto ist irgendwie ein kleiner Luxus, auf den ich nicht ganz verzichten mag."

15.000 Berliner Haushalte befragt

Julia Wagner bestätigt den Trend: Immer mehr Berliner verzichten auf das Auto. Stattdessen nutzen sie für ihre täglichen Wege durch die Stadt immer häufiger das Fahrrad, den Bus oder die Bahn ­– oder sie sind zu Fuß unterwegs. Das hat nun auch eine Studie einer Arbeitsgruppe der Technischen Universität (TU) Dresden im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung untermauert. Grundlage war eine Befragung von mehr als 15.000 Haushalten im Jahr 2013. In einer am Dienstag veröffentlichten Auswertung haben die Wissenschaftler erstmals auch differenzierte Aussagen zum Verkehrsverhalten innerhalb Berlins getroffen.

Danach wird in der Innenstadt mehr als ein Drittel aller Wege (35,3 Prozent) zu Fuß zurückgelegt. Knapp dahinter liegt mit 29 Prozent der öffentliche Nahverkehr, also Fahrten mit Bussen und Zügen von BVG oder S-Bahn. Das Fahrrad liegt mit 18,2 Prozent inzwischen bereits vor dem Auto, mit dem nur noch 17,3 Prozent aller Wege zurückgelegt werden.

Carsharing im Aufwind

Dieses Verhalten hat auch ganz praktische Folgen. Laut Befragung haben inzwischen 52,6 Prozent der Haushalte in der Innenstadt inzwischen kein eigenes Auto mehr. 13 Prozent der Innenstadtbewohner nutzen hingegen Carsharing-Angebote, mieten sich also bei Bedarf ein Fahrzeug an. Zu ihnen gehört auch Simon Kober, Radiomoderator bei 104,6 RTL. Er hat zwar noch ein Auto, einen Porsche aus den 80ern. "Aber eigentlich benutze ich den nicht. Selten. Wenn ich weggehe, dann nutze ich Carsharing, wenn ich nach Mitte fahre, nehme ich die S-Bahn, und die meisten Wege im Alltag lauf' ich zu Fuß zurück."

Vor allem Jüngere nutzen Carsharing-Angebote

Es sind vor allem junge Menschen, die auf das einstige Statussymbol Auto verzichten. Laut der Studie der TU Dresden liegt das Durchschnittsalter der Carsharing-Nutzer bei gerade einmal 33 Jahren. Im Vergleich zu anderen Metropolen deutlich geringer fällt hingegen die Akzeptanz von Leihfahrrädern aus. Gerade einmal vier Prozent der Innenstadtbewohner und ein Prozent der Berliner, die außerhalb des S-Bahn-Rings wohnen, nutzen Call a Bike oder einen anderen Anbieter. Bereits die zuletzt veröffentlichten Ausleihzahlen hatten darauf hingewiesen, dass Berlin hier noch weit hinter anderen Großstädten wie Paris oder Hamburg liegt.

Ulrich Haupt von der Buchhandlung "Shakespeare and Company" fährt bereits seit 20 Jahren mit dem Rad. "Es gibt doch sowieso keine Parkplätze in der Innenstadt. Ich fahre jeden Tag, auch im Winter. Dann eben mit Spikes." Liefert der 61 Jahre alte Friedenauer Bücher aus, benutzt er seinen Fahrradanhänger. Ein Auto benötigt er nicht.

Senat sieht sich auf dem richtigen Weg

Berlins Verkehrsstaatssekretär Christian Gaebler bezeichnete den sinkenden Anteil des Autoverkehrs speziell in der Innenstadt als "spektakulär gut". In dieser Hinsicht brauche Berlin auch den Vergleich mit anderen Städten wie Kopenhagen nicht zu scheuen. "Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass wir verkehrspolitisch auf dem richtigen Weg sind", sagte Gaebler. Die Förderung des Umweltverbundes oder die Umsetzung der Fuß- und Radverkehrsstrategie werde daher fortgesetzt. Sie seien eine wesentliche Voraussetzung, um den unterschiedlichen Anforderungen der wachsenden Stadt gerecht zu werden. Gaebler reagierte damit auch auf Kritik der Opposition und von Umweltschutzorganisationen wie dem BUND. Sie hatten wiederholt einen eher zögerlichen Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs sowie von Radwegen bemängelt.

Kritik kommt von den Grünen

Stefan Gelbhaar, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, erneuerte indes seine Kritik: "Der Anteil des Radverkehrs wächst nicht wegen, sondern trotz der Politik des Senats." Es sei nicht zu erkennen, dass die Radinfrastruktur in der Stadt in den vergangenen Jahren tatsächlich besser geworden sei.

Die Haushaltsbefragung "Mobilität in Städten" wird alle fünf Jahre von der TU Dresden durchgeführt. Im Jahr 2013 haben sich über 15.000 Berlinerinnen und Berliner an der Haushaltsbefragung beteiligt. Die Daten stellen nach Auffassung der Senatsverkehrsverwaltung eine verlässliche Grundlage für die Beurteilung der gesamtstädtischen Verkehrsentwicklung dar.

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