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Berlin ist die Stadt der Brücken

Berlin hat mehr Brücken als Venedig. Viele haben sich über die Jahrhunderte verändert und manch Brückenschmuck ist dabei verschwunden

Die Löwenbrücke im Tiergarten ist heute die einzige noch erhaltene Hängebrücke Berlins. Aber Tiere gibt es vielel auf Brücken

Foto: Jaron Verlag / BM

Die Löwenbrücke im Tiergarten ist heute die einzige noch erhaltene Hängebrücke Berlins. Aber Tiere gibt es vielel auf Brücken

Berlin ist eine der wasserreichsten Städte in Deutschland. Spree, Havel, eine Vielzahl an Kanälen und Flussläufen durchziehen das Stadtgebiet und werden jeden Tag überquert. Dazu kommt eine Vielzahl von Bahn- und Straßenbrücken. Fast 1100 Brücken hat die Hauptstadt, das sind sogar mehr als Venedig. Eckhard Thiemann kennt sie so ziemlich alle, schließlich sind Brücken sein Thema.

Der Bauingenieur hat sich sein Berufsleben lang mit ihnen beschäftigt, erst in der Brückenbauverwaltung in Ost-Berlin, später im Brückendezernat im Brandenburgischen Autobahnamt. Jetzt hat er ein Buch geschrieben, in dem er die Entstehung vieler Brücken und ihre Veränderungen über die Jahrzehnte beschreibt. Es ist ein besonderer Streifzug durch die Stadt, der auch so manche Anekdote und Überraschung bereithält.

Thiemann hat sich bei seinem Gang durch die Brückenlandschaft Berlins vor allem auf die Exemplare konzentriert, die Jahrhunderte überdauert haben und viel über die kulturelle und architektonische Entwicklung der Stadt erzählen. Über die Zeit haben sie sich aber oft verändert, wurden umgestaltet oder später durch den Krieg zerstört. Ihr Schmuck hat dabei – wie Thiemann am Beispiel der heutigen Liebknechtbrücke zeigt – so manche Irrfahrt hinter sich gebracht.

Brücken zeigen Entwicklung der Stadt

Die Liebknechtbrücke zwischen Berliner Dom und Schlossplatz ist heute eine eher schlichte Überführung über die Spree, die 1949 auf den Resten ihres Vorgängers errichtet wurde. Man braucht viel Fantasie, um sich vorzustellen, dass hier einmal eine der prachtvollsten Brücken Berlins gestanden hat, die Kaiser-Wilhelm-Brücke. Nur wer die Unterführung nutzt, entdeckt die Bärenreliefs, die noch aus dem 19. Jahrhundert stammen und heute fast wie ein Fremdkörper an der modernen Konstruktion wirken.

Ab 1887 wurde die Kaiser-Wilhelm-Brücke gebaut, gestanden hat sie dann aber nur ein halbes Jahrhundert. Der prachtvolle Übergang über die Spree musste abgerissen werden, weil alles Bronzene als kriegswichtiger Rohstoff eingestuft und eingeschmolzen werden sollte. Der Brückenschmuck wurde also in eine hessische Gießerei gebracht. Doch offenbar landete nicht alles im Schmelzofen, sondern Teile wurden von den Mitarbeitern gerettet und versteckt. 1952 wurden so die Bärenreliefs freigelegt, aber vorerst nicht nach Berlin zurückgebracht, sondern kamen in amerikanischen Besitz und wurden in die USA ausgeflogen.

1992 erhielt der Senat dann das Angebot, die vier Bärenreliefs wieder zurückzukaufen. Die Stadt lehnte aber den Rückkauf ihres früheren Eigentums ab und schlug vor, die Bärenreliefs doch als Gastgeschenk wieder Berlin zu übergeben. Tatsächlich wurden sie dem damaligen Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen zwei Jahre später übergeben. Sie wurden in die Flügelenden der Brücke eingelassen und dort 1997 feierlich enthüllt. Inzwischen haben sich auch noch eine Krone und zwei Girlanden der früheren Brücke wieder in Berlin eingefunden, die beim Räumen des Gießerei-Lagers gefunden worden waren.

Skulptur übersteht den Krieg

Es ist nicht die einzige Irrfahrt Berliner Brückenschmucks. Auch die Reiterstatue des Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelms wurde auf Wanderschaft geschickt. Allerdings nicht um die Welt, sondern durch die Region. Einst schmückte die große bronzene Skulptur die frühere Lange und heutige Rathausbrücke in Mitte. Im 18. Jahrhundert galt sie als eine der schönsten Brücken der damaligen Zeit, auch dank der Kurfürsten-Statue. Im Zweiten Weltkrieg war die allerdings in Gefahr. Daher entschloss man sich 1943, die sechs Tonnen schwere Skulptur nach Ketzin an der Havel auszulagern, wo sie den Krieg auch unversehrt überstand.

Nach dem Krieg wurde Friedrich Wilhelm auf einem Kahn zunächst in den Borsighafen Tegel gebracht, da dort aber kein Kran zur Verfügung stand, ging es erst einmal nicht weiter. Überdies bekam der Kahn auch noch ein Leck und sank - inklusive Kurfürst. Zwei Jahre lag er auf Grund, dann gab es endlich doch einen Kran und die Statue wurde in eine Gießerei gebracht. Nach der Reparatur konnte der Kurfürst aber zur Rathausbrücke nicht zurück, weil die zerstört war. Erst 1951 war endlich ein neuer Standort gefunden: im Ehrenhof des Schlosses Charlottenburg, den er noch heute schmückt.

Diese und viele andere Geschichten hat Eckhard Thiemann in seinem Buch gesammelt. Sie bieten einen anderen Blick auf Berlins Brücken als den, den man aktuell von Senat und Bauindustrie hört, wenn es um Brücken geht. Nach einer aktuellen Bestandsaufnahme der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung sind 75 der Berliner Brücken in marodem Zustand. Der Sanierungsaufwand wird für die kommenden zehn Jahre auf 950 Millionen Euro geschätzt. Auf der Dringlichkeitsliste ganz oben stehen dabei die großen Verkehrsadern wie die Rudolf-Wissell-Brücke, eine der am meisten befahrenen Autobahnbrücken Europas.

Viele "tierische" Brücken

Aber neben diesen wichtigen Brücken im Straßenverkehr gibt es natürlich noch viele andere Überführungen, deren Wert weniger von infrastruktureller als vielmehr baugeschichtlicher Bedeutung ist. Und auf die richtet Thiemann vor allem seinen Blick. Zum Beispiel auch auf die vielen "tierischen" Brücken. Nicht nur der Bär, das Berliner Wappentier ist auf vielen Brücken vertreten, auch Raubtiere, Pferde, Hirsche, Hunde oder Fische schmücken viele Brücken.

Ein besonders schönes Exemplar ist die Löwenbrücke im Tiergarten: Vier imposante Löwenskulpturen halten den Fußgängersteg, der sich über einem kleinen Wasserlauf erhebt. Es ist heute die letzte noch erhaltene Hängebrücke Berlins. Als Vorbild diente ihr bei ihrem Bau 1838 die weit größere Löwenbrücke in Sankt Petersburg. Frühergab es allerdings noch weit mehr Tiere auf Brücken, doch wurden viele im Zweiten Weltkrieg zerstört oder landeten zuvor im Schmelzofen.

Verschwunden sind durch den Zweiten Weltkrieg allerdings nicht nur gusseiserne Tiere, sondern auch ganze Brücken, hat Thiemann recherchiert. So gibt es die Waisenbrücke in Mitte heute nicht mehr. Anfang des 18. Jahrhunderts wurde sie auf Höhe des heutigen Märkischen Museums errichtet und stand dort, bis die Wehrmacht sie kurz vor Kriegsende 1945 sprengte.

Das Aus für die Waisenbrücke

Zunächst wurde danach von der Roten Armee eine Notbrücke errichtet, für Fußgänger und zum Transport von Trümmern, die von dort auf Lastschuten geladen und abtransportiert wurden. Doch die Inbetriebnahme der Jannowitzbrücke 1959 bedeutete das Aus für die Waisenbrücke oder das, was von ihr übrig geblieben war.

Heute stehen von ihr beidseitig, also auf der Wall- und der Littenstraße, nur noch die Widerlager, die Konstruktionen, auf denen der Überbau einst stand. Den meisten Menschen, die hier am Spreeufer entlanglaufen, werden sie nicht auffallen. Aber Thiemanns Buch hilft, bei den täglichen Wegen über die vielen Berliner Brücken auch mal kurz innezuhalten und auf die historischen Details zu achten, die es überall zu entdecken gibt.

Eckhard Thiemann: "Berliner Brücken. Ein stadtgeschichtlicher Streifzug", Jaron Verlag, 12,95 Euro.

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