Bildung

"Wie gut Schüler lernen, hängt von ihrem Lehrer ab"

Robert Rauh, Lehrer des Jahres 2013, hat ein Buch über den Schulalltag geschrieben. Er will zeigen, was man dort besser machen kann.

 Robert Rauh  ist bei seinen Schülern in Lichtenberg beliebt. In seinem Buch berichtet er von seinen Erfahrungen und Ideen

Robert Rauh ist bei seinen Schülern in Lichtenberg beliebt. In seinem Buch berichtet er von seinen Erfahrungen und Ideen

Foto: Massimo Rodari

Was macht ein Lehrer, wenn die Schüler keine Lust haben auf seinen Unterricht? Wenn niemand in der Klasse auf seine Fragen reagiert und die Kinder die Zeit rückwärts zählen bis zum Klingelzeichen? Lehrer Robert Rauh hat diese Situation im Jahr 2002 in einer elften Klasse erlebt und auf seine Bemerkung damals: "So kann ich nicht weiter unterrichten", von einer Schülerin die Antwort bekommen: "Brauchen Sie auch nicht. Es klingelt ja gleich."

Rauh träumte in der folgenden Nacht, dass er wegen Unfähigkeit aus dem Schuldienst entlassen wird. Inzwischen sind dreizehn Jahre vergangen. Robert Rauh ist noch immer Lehrer für Deutsch und Geschichte und unterrichtet noch immer am Barnim-Gymnasium in Lichtenberg. 2013 wurde er sogar Lehrer des Jahres. Es waren seine Schüler, die ihn für diese Auszeichnung vorgeschlugen.

Plädoyer für eine neue Kultur des Miteinanders

Jetzt hat Rauh ein Buch über seine Erfahrungen geschrieben. "Schule, setzen, sechs." ist dessen vielsagender Titel. Im Untertitel heißt es: "Von Lehrern und Eltern, die trotzdem nicht verzweifeln." Humorvoll und anschaulich schreibt er über den Alltag an der Schule, darüber, was er selbst erlebt hat, über Kollegen, Schüler und Eltern. Das Buch sei eine Liebeserklärung an den Lehrerberuf und an seine Schüler, sagt er. Zugleich sei es ein Plädoyer dafür, in der Schule eine neue Kultur des Miteinanders zu entwickeln.

Doch Rauh erzählt nicht nur unterhaltsame Anekdoten. Er möchte einen Beitrag zur Bildungsdebatte leisten und nicht nur Probleme, sondern auch Wege aufzeigen, "wie wir an unseren Schulen schon heute etwas verändern können und müssen".

Eine Erkenntnis zieht sich durch alle Geschichten: Wie gut Schüler lernen, wie gern sie in die Schule gehen, hängt vor allem vom Lehrer ab. "Entscheidend für den Lernerfolg der Schüler sind nicht Schulstrukturen und Bildungskonzepte, sondern die Persönlichkeit und Professionalität des Lehrers", schreibt Rauh.

Das ist zwar keine neue Erkenntnis und auf den ersten Blick eine recht simple Wahrheit. Trotzdem wird sie viel zu oft vergessen. Stattdessen wird heftig über alle möglichen Reformen debattiert – etwa darüber, ob die Gemeinschaftsschule nun das Allheilmittel ist oder ein zweigliedriges Schulsystem, ob genug Lehrer da sind oder viel zu wenige, ob das Abitur nach zwölf Jahren zu stressig ist für die Schüler oder zeitgemäß. Fast in jedem Schuljahr gibt es Reformen, die zum Teil schon bald wieder zurückgenommen werden. Einfache Wahrheiten bleiben da häufig auf der Strecke.

Karten für die Buchvorstellung sind restlos ausverkauft

Noch ein Buch zum Thema Schule? Will das überhaupt noch jemand lesen? Ja, lautet die Antwort. Zur Vorstellung des Buches "Schule, setzen, sechs" am vergangenen Donnerstag im Schloss Niederschönhausen kamen jedenfalls so viele Menschen, dass der Festsaal voll besetzt war. Etliche Leute mussten sogar wieder gehen, weil es an der Abendkasse keine Karten mehr gab. Schule ist offenbar ein Thema, zu dem immer wieder etwas Neues gesagt und geschrieben werden kann.

Unter den Gästen im Festsaal waren auch viele ehemalige Schüler von Robert Rauh. Julia, 28, Erzieherin, zum Beispiel. Rauh war ihr Geschichtslehrer. "Er war authentisch, konnte uns mitreißen", sagt sie. Rauh habe ihre Schwachpunkte erkannt und sie gezielt gefördert. "Bei ihm habe ich gelernt, wissenschaftliche Texte zu lesen. Beim Studium hat mir das sehr geholfen. Auch Erik, 27, er hat Wirtschaft studiert und arbeitet in einer Digitalagentur, kann sich noch gut an Rauh erinnern. "Er hatte einen hohen Anspruch an sich und uns, sein Unterricht ist nie langweilig gewesen", sagt er. Für Anika, 30, Rundfunkmoderatorin, war Rauh der Lieblingslehrer. "Er war witzig und hatte ein gutes Gespür für die Talente seiner Schüler, die er dann gefördert hat." Außerdem habe er viel mit seinen Schülern unternommen, sei oft mit ihnen ins Theater oder ins Kino gegangen. "Für meine berufliche Laufbahn war er sehr wichtig", sagt Anika.

Hausaufgaben abschaffen und mehr Spaß haben

In "Schule, setzen, sechs" erzählt Rauh aber nicht nur Geschichten. Er äußert sich auch zur Schulpolitik und macht Verbesserungsvorschläge. Zum Beispiel den, Hausaufgaben abzuschaffen. "Sie sind Schulaufgaben und sollten in den Unterrichtsalltag über spezielle Hausaufgabenstunden oder in einem offenen Unterricht als gezielte Förderung integriert werden", schreibt er. Eine andere Forderung lautet, die Schul-Kleinstaaterei abzuschaffen. Die Bundesländer sollten ihre Kompetenzen in der Hochschul- und Schulpolitik an das Bundesbildungsministerium abgeben, sagt Rauh. Nur so könnten Chancengleichheit, Mobilität und internationale Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden.

Am Ende der Buchvorstellung wird im Saal heftig applaudiert. Robert Rauh ist anzumerken, dass er sich freut. Sein Buch soll Mut machen, sagt er. "Wir müssen daran arbeiten, dass Schule künftig noch mehr Spaß macht."

Robert Rauh, "Schule, setzen, sechs.", Kösel-Verlag, München, 17,99 Euro

Zur Startseite
© Berliner Morgenpost 2017 – Alle Rechte vorbehalten.