Migration

Aufgeheizte Stimmung vor Lageso: Wachschutz verdreifacht

Seit Monaten werden die Kapazitäten für die Registrierung von Flüchtlingen in Berlin ausgebaut. Gleichzeitig nimmt der Ansturm zu. Die Wartenden werden immer gereizter, der Senat schickt nun mehr Wachleute.

Foto: Kay Nietfeld

Berlins neuer Flüchtlings-Koordinator Dieter Glietsch (SPD) hat auf die zunehmend angespannte Lage vor der Flüchtlings-Anlaufstelle Lageso mit erhöhten Sicherheitsvorkehrungen reagiert. Gleichzeitig räumte der Senat am Donnerstag ein, dass derzeit viele Asylbewerber und Einwanderer nur mit dem Nötigsten versorgt werden können. Wegen des immer weiter steigenden Ansturms gehe es nur noch darum, "eine Mindestversorgung der neu eintreffenden Flüchtlinge sicherzustellen".

Vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) in Berlin-Moabit sollen künftig 76 statt bisher 24 Wachleute von Sicherheitsfirmen bei der Koordinierung und Betreuung von Flüchtlingen helfen. Außerdem soll die Polizei ständig präsent sein. Das beschloss der Flüchtlings-Koordinierungsstab des Senats, den der frühere Polizeipräsident Glietsch leitet.

In den vergangenen Tagen hatte sich der Ärger der Asylbewerber und Einwanderer über stunden- und tagelanges Warten teilweise in gewalttätigen Auseinandersetzungen entladen. Auch am Donnerstag warteten schon ab dem frühen Morgen wieder Hunderte Menschen auf ihre Registrierung.

Künftig stellt die Polizei den ganzen Tag eine Streife mit zwei Polizisten ab, um die Lage einzuschätzen und nach Bedarf Verstärkung anzufordern. Schon im August habe es allein 90 Einsätze von Streifenwagen am Lageso gegeben, sagte Polizeisprecher Stefan Redlich. Im September sei die Lage ähnlich.

Auf dem Nachbargrundstück des Lageso sollen außerdem Tische und Stühle in zwei große Zelte gestellt werden, damit die Flüchtlinge nicht im Freien warten müssen. 15 Bundeswehrsoldaten arbeiteten ab Donnerstag als Helfer bei der Registrierung von Flüchtlingen mit. Nächste Woche sollen es 50 sein. Weitere Soldaten helfen bei der Einrichtung von Unterkünften.

Am Bahnhof Berlin-Schönefeld im Südosten der Hauptstadt kam ein weiterer Sonderzug mit etwa 400 Flüchtlingen an, die über Bayern eingereist waren. Die Flüchtlinge sollten auf Berlin und Brandenburg aufgeteilt werden.

Seit Jahresanfang sind bereits rund 32 000 Menschen nach Berlin gekommen. Sie hätten vom "Tag der Erstvorsprache" an Anspruch auf Unterbringung und Sachleistungen wie Lebensmittel, Kleidung und Körperpflege, medizinische Versorgung und Haushalts-Geräte wie Waschmaschinen in den Unterkünften, antwortete die Senatssozialverwaltung auf eine Anfrage der Piratenfraktion. "Derzeit ist es jedoch vielfach nicht möglich, alle erforderlichen Leistungen sofort zugänglich zu machen."

Über die Beschlagnahmung leerstehender Wohnungen für Flüchtlinge in Friedrichshain-Kreuzberg will der Bezirk nun erst Ende Oktober entscheiden. Am Mittwochabend kam ein entsprechender Antrag der Grünen nicht mehr dran.

Berlins Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) wehrte sich im Abgeordnetenhaus gegen Kritik der Opposition, wonach sich der Senat nicht ausreichend um minderjährige unbegleitete Flüchtlinge kümmere. Sie gab aber zu, dass nicht alle Jugendlichen sofort in den speziell für sie vorgesehenen Heimen untergebracht werden können.

2014 seien 1100 Flüchtlinge unter 18 Jahren ohne Angehörige nach Berlin gekommen. In diesem Jahr rechne sie mit 3000 alleinreisenden Jugendlichen. Allerdings mache etwa ein Drittel falsche Altersangaben und gebe sich als jünger aus.

Mit der Entwicklung von speziellen Smartphone-Apps wollen Programmierer Flüchtlinge bei der Ankunft in Deutschland unterstützen. Bei einem Treffen unter der Bezeichnung "Refugee Hackathon" am 24. und 25. Oktober sollen die Anwendungen in Berlin entstehen. Als Beispiel nannte die Initiatorin Anke Domscheit-Berg ein soziales Netz für Flüchtlinge und Helfer.

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