Pflegenotstand

Wie ungarische Pflegekräfte Berliner Senioren helfen

Um Fachkräfte zu gewinnen, kooperiert ein Altenpflegeheim in Reinickendorf mit einer ungarischen Pflegeschule.

In Deutschland gibt es zu wenig Pflegefachkräfte. Betreiber von Pflegeheimen versuchen zunehmend, Personal aus dem Ausland zu gewinnen

In Deutschland gibt es zu wenig Pflegefachkräfte. Betreiber von Pflegeheimen versuchen zunehmend, Personal aus dem Ausland zu gewinnen

Foto: Marijan Murat / dpa

Fruzsina begrüßt Horst Birkenfeld mit einem freundlichen Lächeln. "Ich werde Sie jetzt in den Rollstuhl setzen", sagt sie. Der 82-Jährige nickt. Er kennt die Prozedur. Vorsichtig richtet er sich auf und versucht, so nahe wie möglich an die Bettkante zu rutschen. Die junge Frau umfasst ihn mit geübtem Griff. Dann zählt sie bis drei und zieht ihn mit einem Ruck in den Rollstuhl, der unmittelbar neben dem Bett steht. Geschafft. Beide atmen auf.

Fuzsina ist 20 Jahre alt. Sie stammt aus Ungarn. In Vác, einer Stadt nahe Budapest, besucht sie seit einem Jahr eine Pflegeschule. Sie will Krankenschwester werden. Zusammen mit fünf Studienkolleginnen hat sie gerade vier Wochen lang ein Praktikum im Seniorenheim ServiceLeben absolviert. Die Einrichtung befindet sich an der Alt-Tegeler Schloßstraße 6 in Reinickendorf. Dort lebt seit einem Jahr auch Horst Birkenfeld. Das Haus wird von der Renafan-Gruppe betrieben. Der Pflegedienstleister beschäftigt allein in Berlin mehr als 600 Mitarbeiter.

Christian Deckert ist Personalleiter der Renafan GmbH in Berlin. "Ziel unserer Zusammenarbeit mit der ungarischen Berufsfachschule für Gesundheitsberufe in Vác ist es, zukünftige Pflegefachkräfte zu gewinnen", sagt er der Berliner Morgenpost. In Berlin herrsche ein Pflegekräftemangel, der bedingt durch die demografische Entwicklung in den kommenden Jahren noch zunehmen werde. Bei Renafan geht man davon aus, dass einige der ungarischen Praktikantinnen sich nach ihrer Ausbildung in Ungarn für eine Arbeit in Deutschland entscheiden werden. "Wir hoffen natürlich, dass etliche von ihnen zu uns kommen", sagt Deckert. Das Praktikum biete den jungen Frauen Gelegenheit, die Arbeitsbedingungen vor Ort kennenzulernen.

Geld von der EU

Renafan und die ungarische Pflegeschule haben jetzt Nägel mit Köpfen gemacht und das gemeinsame Projekt "Praxis macht den Meister" aufgelegt. Das wird im Rahmen des Erasmus-Programms von der EU gefördert. 2015 und 2016 sollen innerhalb dieses Projekts insgesamt 16 Krankenpflegeschülerinnen aus Ungarn nach Berlin kommen, um vor Ort jeweils einen Monat lang praktische Erfahrungen zu sammeln.

In Berlin bemühen sich Altenpflegeeinrichtungen zunehmend darum, ausländische Arbeitskräfte anzuwerben. Der Bedarf an Pflegekräften ist groß, und es gibt viel zu wenig Bewerber. Ungarn ist EU-Mitglied, daher sind die Möglichkeiten ungarischer Fachkräfte für eine Beschäftigung in Deutschland gut. Das Verfahren der Berufsanerkennung ist vergleichsweise einfach. Zudem ist Deutsch als zweite Sprache in Ungarn weit verbreitet, weshalb Fachkräfte beim Einsatz in Deutschland weniger Sprachprobleme haben.

90 Kräfte aus Ex-Jugoslawien

Die Renafan GmbH setzt aber nicht nur auf die Kooperation mit der ungarischen Pflegeschule. Sie hat für ihre Standorte in jüngster Zeit auch 90 Kräfte aus dem ehemaligen Jugoslawien angeworben, 25 davon für Berlin. "Ende 2013 hat uns ein gebürtiger kroatischer Mitarbeiter davon berichtet, dass es in seiner Heimat zahlreiche Krankenpfleger gebe, die dort keine Beschäftigung fänden und deshalb gern in Deutschland arbeiten würden. Diese Chance haben wir genutzt und erste Bewerbungen von kroatischen Krankenpflegekräften erhalten", sagt Deckert. Er berichtet, dass sein Unternehmen seit 2012 verstärkt Anfragen von privaten Arbeitsvermittlern bekommt, die Pflegekräfte aus dem Ausland vermitteln wollten. Aufgrund der hohen Vermittlungsprovisionen (zwischen 6.000 bis 8.000 Euro pro Person) käme das nicht infrage.

Mitarbeiter aus dem Ausland sollen das Stammpersonal von Renafan entlasten und unterstützen. "Sie werden zunächst umfänglich in die Pflegeabläufe eingewiesen", sagt Deckert. Außerdem würden sie die neuen Kollegen bei der Wohnungssuche unterstützen, bei Behördengängen begleiten und Sprachkurse organisieren. "Wir helfen ihnen auch bei den komplizierten Berufsanerkennungsverfahren."

Seit Anfang dieses Jahres werden die neu angekommenen ausländischen Pflegekräfte durch zentral organisierte Sprachkurse auf das Sprachdiplom "tek Deutsch Pflege" vorbereitet. In 200 Unterrichtsstunden werden der deutsche Grundwortschatz trainiert und das im Pflegealltag benötigte Fachvokabular vermittelt. Die ersten sechs ausländischen Mitarbeiter von Renafan haben dieses Sprachdiplom bereits.

Erfolgreiches Praktikum

Die Pflegeschülerinnen aus Ungarn fahren am Sonnabend wieder nach Hause. Sie haben viel gelernt während ihres Praktikums. Ihre Deutschlehrerin Burjánné Török sagt der Berliner Morgenpost, dass den jungen Frauen vor allem das gute Arbeitsklima in der Reinickendorfer Pflegeeinrichtung gefallen hat. Außerdem hätten sie viele technische Hilfsmittel kennengelernt, die es in Ungarn nicht gibt. Fruzsina kann sich vorstellen, einmal in Deutschland zu arbeiten, vielleicht sogar bei Renafan. Doch erst will sie ihre Ausbildung in Ungarn zu Ende machen. Zum Abschied im Seniorenheim ServiceLeben bekommen sie und die fünf anderen jungen Frauen ein Zeugnis. Alle haben sie das Praktikum mit guten Ergebnissen bestanden.

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