Berliner Luft

Warum Berlin kalte Luft zum Atmen braucht

Kaltluftschneisen helfen, dass sich die Stadt nicht so aufheizt. Aber nicht nur Parks und Friedhöfe sind wichtig.

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"Kaltluftschneisen", diesen Begriff verwenden Fachleute eigentlich nicht, er klingt aber gut, nach Tempo und kühlem Wind, der besonders in der Nacht aus dem Umland in die Stadt strömt, die Menschen erfrischt und die Stadt belüftet. So ähnlich hat man sich das auch in Berlin lange vorgestellt, doch ganz so einfach ist das mit dem meist flachen Gelände der deutschen Hauptstadt nicht. Sie atmet anders als Städte, die kompakt an Bergen oder in Tälern liegen und fest mit dem Luftzug von den Hängen rechnen.

Sie atmet auch nicht allein durch einzelne große Grünflächen wie den Tiergarten, das Tempelhofer Feld oder den Grunewald, dafür ist die Stadt zu groß. Die Berliner Luft wird vor allem durch eine glückliche Kombination temperiert, durch das feine Netz an Parks, Grünflächen, Laubenkolonien, Friedhöfen, Gärten und Straßenbäumen, das die ganze Stadt durchzieht. Auch Sportstätten und der Baum im Hinterhof spielen dabei eine Rolle.

Die Kaltluftleitbahnen, wie sie in der Fachsprache heißen, gehören zu den bodennahen Strömungssystemen. Sie sind ein Teil des städtischen Klimasystems, weil sie auf ihrer Strecke grüne Kaltluftentstehungsgebiete und ihre Wirkungsräume miteinander verbinden. Sie sind aber lange nicht alles, sagt Jörn Welsch, der gemeinsam mit seinem Kollegen Manfred Goedecke im Referat Geodateninfrastruktur der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt für den Berliner Umweltatlas verantwortlich ist. Diese Sichtweise hat sich erst in den 90er-Jahren durchgesetzt.

Empfindliche Luftströme

Die kühlenden Luftströme, die nachts aus dem Umland an etwa 20 Stellen in die Stadt ziehen, sind empfindlich. Weil es kaum Anhöhen gibt, sind sie meist schwach und relativ langsam, schon eine Friedhofsmauer könne sie abbremsen, sagt Welsch. Ihr Wirkungsbereich ist hauptsächlich auf den Stadtrand und auf die lokalen Wohngebiete entlang ihrer Strecken begrenzt (siehe Karte). Schon wegen der schieren Ausdehnung der Stadt erreichen sie die Innenstadt jedoch nicht, nur im Westen des S-Bahnrings, bildlich auf der Nase des "Hundekopfs", erreichen kühle Luftströme aus Spandau und über die Jungfernheide kommend Charlottenburg Nord, an der Schnauze strömt es aus dem Grunewald gerade noch bis zum Kiez um den Lietzensee.

Der Luftstrom aus Süden geht über Lankwitz und Lichterfelde, er bricht am nördlichen Ende der Kleingärten am Schöneberger Südgelände ab und bleibt dem Hundekopf praktisch im Halse stecken. Die neun Kaltluftleitbahnen im Norden der Stadt nach Reinickendorf und Pankow hinein entfalten ihre Wirkung nur dort. Das gleiche gilt für die Ströme in Marzahn-Hellersdorf, Müggelheim, Falkenhorst, Buckow und Rudow.

Die Innenstädter sind dennoch nicht gänzlich von kühlender Nachtluft abgeschnitten, denn auch wenn es in den dicht bebauten Gebieten im Sommer oft deutlich wärmer ist als am Stadtrand, findet auch innerhalb des S-Bahnrings ein Luftaustausch statt. Der Tiergarten, das Tempelhofer Feld oder der Volkspark Friedrichshain sorgen unter anderem dafür. Jörn Welsch will da kein Ranking vornehmen, denn die Reichweite der großen Freiflächen ist begrenzt, wie er sagt. Sie kühlen immer nur die umliegenden Wohnblöcke.

Der 210 Hektar große Tiergarten hat auf der Analysekarte für Grün- und Freiflächen allerdings eine höhere stadtklimatische Bedeutung als das mit 355 Hektar viel größere Tempelhofer Feld. Das liegt an seiner Vegetation, sagt Welsch. Auch das Tempelhofer Feld sei im Zusammenhang mit der Hasenheide und den Neuköllner Friedhöfen für sein Umfeld wichtig, besonders für den angrenzenden Neuköllner Kiez – allein aber ein zweischneidiger Fall. Obwohl es in der Nacht die deutlich kälteste Fläche in der Innenstadt ist, trägt es weniger zum allgemeinen Stadtklima bei als erwartet.

Denn tagsüber heizt das weitgehend baumlose Areal sehr stark auf. Betrachtet man die tiefblauen Flächen der Nachttemperatur-Karte, verhält sich das Areal genauso wie ein Acker im Umland. Insgesamt sei die Außenwirkung im Verhältnis zur Größe des Geländes nicht so groß, sagt Welsch. Die alte Faustregel aus seinen Studienzeiten gelte immer noch: ein Drittel Rasen, ein Drittel Büsche, ein Drittel Wald – das sei für das Stadtklima das ideale Verhältnis. Beim Tempelhofer Feld kämen, wie bei anderen Parks, aber auch noch andere Nutzungsanforderungen als innerstädtisches Erholungsgebiet zum Tragen. Das besondere Landschaftsbild etwa und die Möglichkeiten für Freizeitnutzer, die tagsüber von den scharfen Winden dort profitierten und für deren Aktivitäten es sonst in der Stadt keinen Platz mehr gebe.

Grundlagen für die Stadtplanung

Der studierte Landschaftsplaner Welsch kann sich für Karten begeistern. Seit
30 Jahren sammelt und verarbeitet er Daten für den Berliner Umweltatlas, mit Daten zu Klima, Luft, Lärm/Verkehr, Grün, Boden, Wasser, Energie, Gebäuden und Vegetation in Berlin. Nun komme der Bereich Umwelt-Gerechtigkeit hinzu, der die Umweltdaten mit den Sozialstrukturdaten verknüpft, sagt er. Was zu Beginn seiner Laufbahn Vermessung war, heißt nun Geo-Information. Dank moderner Technik können die Daten inzwischen in einer Onlinedatenbank zu höchst komplexen Karten zusammengesetzt werden. Die dienen dann zum Beispiel als Grundlage für den Berliner Klima-, Umwelt- oder Solaratlas und auch für den Flächennutzungsplan und können bei der Stadtplanung zurate gezogen werden.

"Es geht darum, die Daten kartografisch so aufzuarbeiten, dass sie leicht zu verstehen sind", sagt Welsch. Denn nicht nur die Verwaltung, auch der Bürger hat etwas von dieser elektronischen Puzzlearbeit. Er kann ebenso wie Universitäten, Planungsbüros und App-Entwickler kostenfrei im Geo-Portal Fis Broker darauf zugreifen und die Daten zur eigenen Weiterverwendung herunterladen. Im Umweltatlas stehen die Karten darüber hinaus als PDF zum Ausdrucken zur Verfügung. Ein Angebot, das zunehmend genutzt wird, wie 400.000 Zugriffe pro Monat zeigen. Die Bezirke und auch Bürgerinitiativen haben das Potenzial der Karten erkannt und fragen besonders bei strittigen Bauprojekten an.

Die Wände von Welschs Büro am Fehrbelliner Platz sind voll mit diesen großen bunten Karten im DIN A0-Format. Leuchtende Farben – Grün, Gelb, Orange, Rot – Türkis, Hell- und Dunkelblau – lenken das Auge. Sie sind immer auch Bewertungen, sagt er. Auf dem Tisch liegt das neueste Projekt. Ein Ausschnitt aus einer noch feineren Karte über die nächtlichen Kaltluftströme in der Stadt. Sie reduziert den bisherigen Maßstab der kleinsten zu betrachtenden Einheiten von 50 x 50 Metern auf 10 x 10 Meter und erzeugt so ein viel genaueres Bild der bodennahen Luftströme von Straße zu Straße, Haus zu Haus. Welsch ist begeistert von diesem bundesweit einmaligen Feintuning. Im Herbst soll die neue Karte, die gemeinsam mit dem Büro GEO-NET Hannover und Professor Günter Groß von der dortigen Universität entwickelt wurde, im Netz verfügbar sein und viel genauere Analysen und Planungshinweise möglich machen

"Unsere heutige Erkenntnis, dass nicht nur der große Park, sondern auch das kleine Grün wichtig ist, wird in diesem neuen Modell enthalten sein. Die Verteilung des Stadtgrüns hat in der Summe einen wesentlich größeren Effekt auf das Stadtklima als die Kaltluftleitbahnen", sagt Welsch. Auch deshalb sei es wichtig, den Baumbestand zu erhalten und Bäume, die jetzt gefällt werden oder absterben, in Parks und an Straßen zu ersetzen.

Angesichts der in Berlin erwarteten Klimaerwärmung schon bis 2050, muss das vorhandene Stadtgrün mit großer Umsicht behandelt werden. In den dicht bebauten Ortsteilen empfehlen die Experten schon jetzt eine verstärkte Begrünung von Stadtplätzen, Höfen, Fassaden und Dächern. Damit könne eine Überwärmung vermindert, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft erhöht und Staub gebunden werden, heißt es im Begleittext des Umweltatlas.

Diese Einschätzung teilen auch Klimaforscher wie Wilfried Endlicher, Professor am Geografischen Institut der HU Berlin, der vor einer zu engen Verdichtung warnt. Schon heute gebe es zwischen den Innenstadtgebieten und kühleren Randlagen Temperaturunterschiede von bis zu zehn Grad, was die Lebensqualität in den dicht bebauten Innenstadtbereichen in der Zukunft erheblich beeinträchtigen könnte.

Eine Frage der Abwägung

Aus den Analysen der Geodatenbank ergeben sich Empfehlungen, wo und wie in der Stadt gebaut werden könnte, ohne dass das Umfeld danach stadtklimatisch schlechter eingestuft werden müsste, und welche Gebiete aus fachlicher Sicht nicht angetastet werden sollten. Tabuzonen weisen die Karten nicht aus. Das liegt an den vielen widerstreitenden oder auch übergeordneten Interessen in der wachsenden Stadt. Gerade auch wegen des zunehmenden Drucks auf den Wohnungsmarkt. Jede Fachrichtung ist Partei, und Lebensqualität hat in einer Millionenstadt viele Aspekte. "Wo man am Ende die Prioritäten setzt, ist immer eine Frage der Abwägung und der Kompromisse", sagt Welsch. Und der Weitsicht, will man hinzufügen.

Welsch zieht eine schwarz-weiße Karte aus dem Stapel auf seinem Tisch. Sie sieht aus wie ein Holzschnitt. Es ist eine Stadtplanungskarte von 1929. Der damalige Plan sah auch Grünflächen vor, die von allen Seiten wie schmale lange Zungen in die Innenstadt hineinragten. Dass die Stadtväter vor 100 Jahren den Grunewald unter Schutz stellten und mit den Volksparks grüne Lungen in der Stadt schufen, erscheint aus heutiger Sicht geradezu visionär. Auch weil da Berlins heutige Ausdehnung noch nicht zu ahnen war.

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