Protest gegen Sanierung

Prenzlauer Berg: Wo 87 Quadratmeter 480.200 Euro kosten

Kampf um bezahlbaren Wohnraum: In der Kollwitzstraße in Prenzlauer Berg wollen Mieter einer Modernisierung nicht weichen.

Mieter protestieren gegen drastische Mietererhöhungen nach Sanierung am Haus Kollwitzstraße. Sie fürchten vertrieben zu werden

Mieter protestieren gegen drastische Mietererhöhungen nach Sanierung am Haus Kollwitzstraße. Sie fürchten vertrieben zu werden

Foto: Amin Akhtar

Thomas Wolf hat seine Vergangenheit eingeholt. Er kommt aus Stuttgart und wohnt in Prenzlauer Berg. Wenn der 47-Jährige mit ruhiger Stimme von 1990 erzählt, vom Jahr, als er in das Szeneviertel zog, dann sagt er Worte wie "Freiraum" und "Mieterparadies". Das war, bevor die Baulücken im Kollwitzkiez mit glatt verkachelten Neubauten geschlossen wurden, bevor Prenzlauer Berg zum größten Sanierungsgebiet Europas wurde.

Aus Schwaben

Im Altbau an der Ecke Kollwitz- und Saarbrückerstraße ist noch etwas zu spüren vom legendären Prenzlauer Berg, in den der Kunststudent Thomas Wolf vor 25 Jahren zog. Graffiti an den schweren Holztüren, die graue Fassade bröckelt, ein hellblaues Plastikpferd hängt über dem Eingang zum Café im Erdgeschoss. Mit dem sechsstöckigen Erkerturm, an dem dichter Efeu rankt, wirkt das Haus wie eine Festung. Davor sitzt der Kunsterzieher und dreifache Familienvater Thomas Wolf an einem roten Biertisch. Er sagt: "Ich bin aus Schwaben weggegangen, um dieser Häuslebauer-Mentalität zu entfliehen. Jetzt ist sie vor meiner Haustür angekommen."

Die Mieter sollen ausziehen

Seit Oktober hat das Haus an der Kollwitzstraße einen neuen Besitzer. Der Geschäftsführer heißt Klaus B.. Er leitet gleichzeitig eine andere Firma, die wiederum Eigentümer der Grunewaldstraße 87 in Schöneberg ist – das "Horrorhaus", wie es die Medien nennen. Wanderarbeiter hausten dort unter menschenunwürdigen hygienischen Bedingungen, zeitweise sollen bis zu 200 Roma-Familien dort untergebracht gewesen sein. Das Veterinäramt stellte außerdem in Pappkarton gehaltenen Hühner sicher, die mit Läusen befallen und mit Geflügeltuberkulose infiziert waren. Die Altmieter erkennen dahinter das Kalkül der neuen Besitzer: sie sollen vertrieben, das Haus luxussaniert und verkauft werden. Rund 30 ähnliche Fälle soll es derzeit in Berlin geben.

Wohnungen für 480.000 Euro

Auch die Bewohner der Kollwitzstraße 2 fürchten, verdrängt zu werden. Ihre Festung aber wollen sie nicht kampflos räumen. Im Internet wird das Haus als "einzigartiges Projekt in absoluter Toplage" angepriesen. Das Dachgeschoss soll zum Penthouse mit über 300 Quadratmetern, Spa Bereich, eigenem Aufzug und Lichtkuppeln ausgebaut werden. Wolf hat auch seine eigene Wohnung auf den Webseiten von Florin Immobilien entdeckt: 87,31 Quadratmeter, 480.200 Euro. Inzwischen ist seine Wohnung von den Makler-Seiten verschwunden. Wolf aber glaubt trotzdem, dass man ihn und seine Nachbarn vertreiben will. Mit subtiler Schikane, wie er sagt.

Baulärm und Wasserschäden

Wer bei Familie Wolf klingelt, muss sich über das Baugerüst lehnen, das seit April im Hauseingang mit den Spinnweben und der abgeblätterten Wandfarbe steht. In Leinenhose und Leinenhemd führt Wolf durchs Treppenhaus. 8 der 16 Wohnungen sind bewohnt. Im vierten Obergeschoss steht eine Tür offen, dort entsteht eine Musterwohnung. Wolf berichtet von Bauschmutz, der über Wochen nicht weggewischt wurde und von Lärm, der unerträglich sei. Briefkastenschilder wurden herausgebrochen, im zweiten Hausflügel wurden alle Kästen überklebt. Wolf führt über den engen Hinterhof und eine Wendeltreppe hinauf. In einer leeren Wohnung hätten im Winter lautstarke Partys stattgefunden. Im fünften Stock bleibt er stehen und deutet auf gelben Wasserflecken an der Decke. Ein Bauarbeiter habe auf dem Dachboden seinen Hochdruckreiniger laufen lassen, bis das Wasser in die Küche des Mieters darunter tropfte.

Beweisen lassen sich die Anschuldigungen nicht. Die Eigentümer des Hauses reagierten auch auf mehrmalige Anfragen der Berliner Morgenpost nicht. Die Vorbereitungen zur Sanierung laufen in Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt. Und man kann Wolfs Geschichte auch anders erzählen, schreiben, dass zugezogene Akademiker wie er den ersten Schritt zur Gentrifizierung des einstigen Arbeiterviertels getan haben oder das der neue Eigentümer im Rahmen des Gesetzes handelt.

Aber: Das Haus in der Kollwitzstraße befindet sich in einem Milieuschutzgebiet, und fällt unter die sogenannte Umwandlungsschutzverordnung. Mietwohnungen dürfen hier nur mit einer Ausnahmegenehmigung zu Eigentumswohnungen werden. Laut Jens-Holger Kirchner (Grüne), Baustadtrat im Bezirk Pankow, hat der Eigentümer keinen entsprechenden Antrag gestellt. Auf legalem Weg lassen sich die Wohnungen derzeit nicht verkaufen.

Baustadtrat sorgt sich

Trotzdem, Baustadtrat Kirchner ist in Alarmbereitschaft: "Wir werden verhindern, dass im Prenzlauer Berg eine zweite Grunewaldstraße 87 entsteht." Bislang seien die Methoden der Eigentümer auch nicht zu vergleichen. Die Sorgen der Bewohner aber teilt der Baustadtrat. Schließlich sei bekannt, dass sich Immobilienspekulanten derzeit auf Berlin konzentrieren. Grund: Die Bau- und Wohnungsaufsichtsämter seien überlastet. Pankow, ein Bezirk mit mehr als 380.000 Einwohnern, habe derzeit nur einen Bauprüfer. Von der Lage in der Kollwitzstraße 2 hat sich Kirchner selbst ein Bild gemacht. Jetzt haben die Bewohner seine Handynummer, die Polizei sei "sensibilisiert" und werde auf "Bedrohungssituationen" reagieren.

Bedroht fühlt sich Thomas Wolf nicht, aber er lebe in einer "Atmosphäre der Unsicherheit". Er zwei Abmahnungen, in denen ihm mit außerordentlicher Kündigung gedroht wird. Das zweite Schreiben kam Anfang Juni, mit Fotos im Anhang. Sie zeigen seine Wohnungstür, daran ein Zettel mit der Aufschrift "Hier wohnen nette Menschen" und ein Papierfrosch, den Wolfs Kinder gebastelt hatten. Im Schreiben ist von Sachbeschädigung die Rede, Wolf habe nicht das Recht, Zettel oder Gegenstände an seine Haustür anzubringen.

Wolf sagt: "Was hier passiert, ist eine Unverschämtheit." Er und seine Kinder seien im Viertel verwurzelt, der Jüngste wird im September eingeschult, im Haus sei eine Gemeinschaft gewachsen, die hohen Mietpreise in der Umgebung könne er sich nicht leisten. Altmieterverdrängung unter dem Deckmantel der Sanierung, das will er nicht zulassen. Nicht in seinem Haus.

Er führt minutiös Protokoll über alles, was im Haus passiert. Mehrmals die Woche kommt die Hausgemeinschaft zu Beratungen zusammen. Wolf hat jetzt ein Diensthandy, mit dem er Presseanfragen entgegen nimmt. Und er hat sich mit anderen Hausinitiativen vernetzt, am vergangenen Sonntag gab es eine Aktion vor dem Haus. Die Festung, das war die Botschaft, wird verteidigt.

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