09.11.11

Agressiv

Zehn Cent sind Bettlern in Berlin zu wenig

Sie stellen sich Passanten in den Weg, zerren an Jacken und halten ihre Hände auf: Bettler bedrängen derzeit ziemlich aggressiv Berliner und Touristen. Die Politiker in den Bezirken sind hilflos.

Von Andreas Gandzior
Foto: Christian Schroth
Bettler

Nahezu alle 50 bis 100 Meter halten Kinder mit großen Augen die Hände auf. Jugendliche Bettler täuschen Gehörlosigkeit vor, um an das Geld von Passanten zu kommen. Hinkende, humpelnde, an Krücken gehende Menschen versuchen, mit der Mitleidsmasche Geld zu erbetteln. Und wer nichts gibt, wird häufig am Arm gepackt oder an der Handtasche. Hin und wieder stellen sich die Bittsteller sogar in den Weg der Passanten – und weichen nicht zur Seite.

Spaß und Freude an einer Shoppingtour oder an einem Restaurantbesuch bei sonnigem Herbstwetter werden in der Hauptstadt derzeit getrübt. Ob auf dem Kurfürstendamm, am Tauentzien oder am Alexanderplatz – aggressive Bettelei osteuropäischer Familienbanden verdirbt so manchem Berliner und Touristen die Einkaufstour.

"Ich habe der Frau zehn Cent gegeben. Das war ihr aber zu wenig", sagt Vanessa Klose, eine 14 Jahre alte Berlin-Besucherin, die die Läden um die Gedächtniskirche zum Shoppen ausgewählt hat. "Dann hat die Frau in meiner Tasche eine leere Pfandflasche gesehen und wollte die auch noch haben. Bei uns in Kronach gibt es so etwas nicht."

Passanten laufen schnell weiter

Es gibt an diesem Tag auf dem Kudamm viele Menschen, die sich belästigt fühlen. "Es ist innerhalb von 30 Minuten das dritte Mal, dass ich vor einem Schaufenster stehe und am Arm gepackt werde", sagt Monika Neumann. "Ich gebe gern mal ein paar Cent, aber das hier ist eine Zumutung. Ich kann doch nicht jedem Bettler Geld geben." Wie so vielen blieb der Wilmersdorferin nur übrig, die Bettelbanden zu ignorieren und schnell weiterzulaufen.

"Das Problem ist uns bekannt, aber betteln ist nicht verboten", sagt der für das Ordnungsamt in Charlottenburg-Wilmersdorf zuständige Stadtrat Marc Schulte (SPD). "Wir müssen es dulden. Nur aggressives Betteln wie etwa Festhalten ist verboten. Dann können wir Platzverweise erteilen." Schulte rät, Ordnungsamt und Polizei zu informieren. "Dann können wir schnell reagieren." Die Banden würden dann in andere Bezirke abwandern und nach einer Weile wiederkehren. "Das kommt in Wellenbewegungen." Auch die Betreiber einiger Restaurants und Kneipen mit Außenplätzen sind genervt über das Auftreten von bettelnden Kindern, Frauen und Menschen mit Behinderungen aus Rumänien und Bulgarien.

"Mir hat eine Bettlerin mit einem Kind auf dem Arm schon ins Gesicht gespuckt", sagt die Kellnerin eines großen Restaurants am Kudamm, das nicht genannt werden möchte. Mitarbeiter anderer Gastronomiebetriebe berichten Ähnliches. "Ich wurde angespuckt, als ich die Bettler zwischen unseren Tischen angesprochen habe", sagt eine Kellnerin. Die Servicekräfte beobachten auch, dass das Trinkgeld von Gästen auf den Tischen einfach weggenommen wurde. "Als ich einem Gast sein Wechselgeld auf den Tisch gelegt hatte, griff ein Kind blitzschnell zu und ist in der Menschenmenge verschwunden", berichtet eine Kellnerin.

"Sie betteln bei mir am Tresen, betteln die Gäste an, und wenn ich sie wegschicke, sind sie nach ein paar Minuten wieder da", sagt Lorenzo Mercogliano, Inhaber eines Pizza-Restaurants auf dem Wittenbergplatz. "Manchmal fassen die Kinder mit dreckigen Händen einfach auf das Essen der Gäste, und die lassen es dann stehen", sagt er. "Dann schnappen sich die Kinder das Essen." Mercogliano ärgert sich über die Tatenlosigkeit von Polizei und Ordnungsamt. "Ich zahle viel Miete, aber die Banden vertreiben mir die Gäste, und keiner kümmert sich darum." Während der Inhaber von seinen täglichen Erlebnissen berichtet, laufen schon wieder Kinder ohne Begleitung zwischen den Tischen herum und betteln Gäste an.

"Wir geben grundsätzlich nichts", sagt Willem Bos. Der Tourist aus Holland sitzt mit seiner Frau im Freien und trinkt einen Kaffee. "In unserer Heimatstadt Enschede betteln keine Kinder. Erwachsene Bettler sind aber auch dort unterwegs." Eine Frau an einem der Tische erliegt den Blicken eines schätzungsweise sechs Jahre alten Mädchens und kauft dem Kind ein Stück Pizza. "Geld würde ich nicht geben, aber so bekommt das Kind wenigstens etwas in den Magen", sagt sie.

Der falsche Weg, wie Jennifer Woelki von der Arbeitsgemeinschaft City meint. "Solange immer wieder etwas gegeben wird, werten die Bettler das als Erfolg und kommen wieder." Das Problem der Bettelei organisierter Banden ist bekannt. "Man kann nichts gegen die Bettelei unternehmen. Und vor Weihnachten wird es bestimmt noch schlimmer." Der Mitarbeiter einer Imbissbude an der Rankestraße erzählt von der morgendlichen Ankunft der organisierten Gruppen. "Gegen elf Uhr halten immer zwei Autos mit ausländischen Kennzeichen. Die Fahrer lassen die Frauen und Kinder raus und schicken sie auf Betteltour", sagt er. "Am Abend werden sie dann wieder abgeholt." Hin und wieder würden sie auch zu ihm kommen, um ihr Silbergeld gegen Scheine einzutauschen. "Da kommt einiges an Scheinen zusammen", sagt er.

Kritik am Senat

Auch im Bezirk Mitte sind derzeit wieder auffallend viele Bettler unterwegs. Sie nutzen Unter den Linden die Gutmütigkeit der Touristen aus. Dem verantwortlichen Stadtrat für Stadtentwicklung und Ordnung, Carsten Spallek (CDU), sind aber auch die Hände gebunden. "Uns fehlt die rechtliche Handhabe und dadurch die Möglichkeit zum Einschreiten", sagt er. "Erst beim Tatbestand der Nötigung kann die Polizei eingreifen. Das ärgert uns." Spallek sieht den Senat in der Pflicht, die Bettelei zu verbieten. "Ich sehe eine große Brisanz im weiteren Zuzug von Sinti und Roma nach Berlin, der durch die osteuropäische EU-Erweiterung ja völlig legal ist", sagt er. "Die Betteleien und ähnliche Vorfälle werden zunehmen. Darauf muss sich der Senat einstellen und reagieren."

Der CDU-Abgeordnete Andreas Statzkowski schlägt vor, die bettelnden Kinder und deren Lebensumfeld vom Jugendamt überprüfen zu lassen. Auch müsse der Frage nach einem Schulbesuch nachgegangen werden. "Es gibt zahlreiche Anfragen im Abgeordnetenhaus zum Thema Sinti und Roma, aber nicht im Zusammenhang mit den Betteleien", sagt er. "Damit hat sich bisher niemand beschäftigt."

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Traumpaar Das sind die ersten Hochzeitsfotos der Clooneys
Comeback Captain Kirk und Mr. Spock drehen Werbespot
Bühnen-Foto Kylie Minogue macht das schönste Selfie
Schock-Foto Erschreckend dünnes Model sorgt für Aufschrei
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Autobrände

Nacht der Brandanschläge in und um Kreuzberg

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote