20.08.11

100 Kilo Kokain

Kulturverein diente Drogenhändlern als Tarnung

Das in Bremerhaven beschlagnahmte Kokain war ausschließlich für den Berliner Markt bestimmt. Die 100 Kilogramm sollten über einen türkischen Kulturverein in Wilmersdorf vertrieben werden.

Von Michael Behrendt und Peter Oldenburger
Foto: dapd/DAPD

Zwei Jahre waren die Ermittler den Bandenmitgliedern bereits auf der Spur gewesen.

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Mit der Sicherstellung von rund 100 Kilogramm hochreinem Kokain ist Berliner Polizei- und Zollbeamten die zweitgrößte Beschlagnahmung dieses Rauschgifts seit drei Jahrzehnten gelungen. Die Drogenfahnder konnten mit der Unterstützung von SEK-Beamten am Donnerstag sechs Tatverdächtige im Alter von 34 bis 52 Jahren in Berlin und Bremerhaven festnehmen. Der Fahnungserfolg wurde erst tags darauf bekannt gegeben.

Zwei Jahre waren die Ermittler den Bandenmitgliedern bereits auf der Spur, deren Geschäfte über einen türkischen Kulturverein in Wilmersdorf liefen. Das Rauschgift war per Schiff von Panama nach Deutschland gelangt und für den Berliner Markt bestimmt. Den Schmugglern hätte die beschlagnahmte Menge nach Behördenangaben bei Großabnehmern 4,5 bis fünf Millionen Euro, im Straßenhandel sogar acht bis zehn Millionen Euro eingebracht.

Am 4. August war der venezolanische Frachter "Carlotta Star" aus dem Hafen von Cristobal in Panama mit Bestimmungsort Bremerhaven ausgelaufen. Die Fahnder der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift (GER) verfolgten permanent die Schiffsposition und interessierten sich vor allem für eine Ladung von fünf Containern Rohkaffee aus Peru. In einem der Transportbehälter sollte die Kokainlieferung verborgen sein.

Am Donnerstagnachmittag bestätigte sich der Verdacht, als zwei mutmaßliche Kuriere im Freihafen Bremerhavens einen der verplombten Container öffneten und daraus drei Sport- und Reisetaschen entnahmen. Die Verdächtigen wurden bis zu einer Wohnung in Bremerhaven verfolgt, wo die Kuriere den Weitertransport des Kokains per Pkw vorbereiteten. "Dann wurde dem Spezialeinsatzkommando der Zugriff befohlen", sagte GER-Sachgebietsleiter Andreas Beyer. Zeitgleich wurde der mutmaßliche Haupttäter, ein 50-jähriger Türke aus Berlin, in einer anderen Wohnung der Küstenstadt überwältigt.

Pistole und Munition beschlagnahmt

Im Anschluss wurden elf Wohnungen und zwei Lokale in Berlin durchsucht, darunter eine Gaststätte sowie auch der Kulturverein in Wilmersdorf. Dabei konnten drei weitere Tatverdächtige türkischer Herkunft festgenommen werden. Zudem beschlagnahmten die Ermittler eine Pistole des Typs Czeska 75B sowie rund 170 Schuss Munition. An den erfolgreichen Razzien, bei denen auch sieben Autos durchsucht wurden, waren einschließlich der Spezialkräfte etwa 300 Beamte von Zollfahndung, Polizei und Bundespolizei aus Berlin und Bremen beteiligt.

Die sechs festgenommenen Verdächtigen sollten noch am Freitag in Bremerhaven einem Richter zum Erlass eines Haftbefehls vorgeführt werden. Gegen einen weiteren Tatverdächtigen werde ermittelt. Bei dem Hauptverdächtigen handelt es sich laut Polizei um den 50 Jahre alten Betreiber des türkischen Kulturvereins. Das Lokal sei nicht nur seit zwei Jahren als Drogenlager und konspirativer Treffpunkt der Kokainhändlerbande genutzt worden. "Von dort aus wurden neben dem Kokainverkauf auch illegales Glücksspiel organisiert und der Handel mit Waffen betrieben", sagte Rauschgiftfahnder Andreas Beyer am Freitag.

Für die Ermittler steht fest, dass die Verdächtigen eine auf Dauer angelegte Schmuggel- und Verkaufslinie von Kokain für den Berliner Drogenmarkt initiiert hatten. Nur einer der sieben Tatverdächtigen war den Behörden noch nicht durch Straftaten bekannt. Drei Beschuldigte seien bereits wegen Betäubungsmitteldelikten in Erscheinung getreten. Drei weiteren Bandenmitgliedern wurden bereits Delikte wie schwere Körperverletzung, versuchter Totschlag sowie Betrugstaten vorgeworfen.

Die Schmuggler hätten in Panama, wegen des vermeintlich sicheren Importweges, 5000 Euro pro Kilogramm Kokain bezahlt. In Südamerika sei die Droge bei gleicher Qualität bereits für 2500 bis 3000 US-Dollar zu haben. Verbindungen von der Kokainbande zu kriminellen Großfamilien in Berlin hätten sich nicht ergeben. Auch gebe es keinen Zusammenhang mit der Sicherstellung von 40 Kilogramm der Droge, die Berliner Drogenfahndern erst Anfang des Monats gelungen war. Diese Gruppe bestand vornehmlich aus arabischstämmigen Tätern. Nach Informationen von Morgenpost Online hatte der Drogenring bereits drei Lieferungen von zusammen 650 Kilogramm Kokain geplant. Bei zwei Drahtziehern der Gruppierung soll es sich um einen Boxer und den Inhaber eines großen Lebensmittelherstellers handeln. Polizei und Zoll wollten dies am Freitag weder bestätigen noch dementieren.

80 Prozent Reinheitsgrad

Mit den sechs Festnahmen seien die Ermittlungen noch längst nicht abgeschlossen, sagte GER-Dezernatsleiter Harald Chybiak. Es gebe Ansatzpunkte, die zu weiteren Festnahmen von Kriminellen führen könnten. So sei nicht auszuschließen, dass Beschuldigte durch Angaben über Vertriebswege oder Mittelmänner versuchen werden, in den Genuss der Kronzeugenregelung zu kommen und eine Strafminderung zu erhalten. Der nach vorläufigen Untersuchungen festgestellte Reinheitsgrad des Kokains von 80 Prozent sei bei Direktimporten aus Lateinamerika nicht ungewöhnlich. Selbst 85- bis 95-prozentiges Kokain wurde in Deutschland schon mehrfach sichergestellt. Sicherstellungen in Größenordnungen oberhalb dreistelliger Kilogrammzahlen gelängen jedoch zumeist nur in deutschen Überseehäfen, sagte Chybiak.

Zwischenhändler reduzieren den Wirkstoffanteil der vorwiegend aus Kolumbien, Peru und Bolivien stammenden Droge häufig auf 60 bis 70 Prozent, um ihren Gewinn zu steigern. Bis das Kokain im Endverkauf durch Kleindealer an die Konsumenten gelangt, sinkt der Reingehaltsgehalt durch Verschneiden mit Milchzucker, Backpulver, Stärke, Puderzucker oder Mehl auf durchschnittlich 35 Prozent. Wie der für Rauschgiftkriminalität zuständige Oberstaatsanwalt Michael Stork sagte, erwartet die Beschuldigten im Falle einer Verurteilung Freiheitsstrafen von bis zu 15 Jahren.

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