27.04.11

Friedrichstraße

18-jähriger U-Bahn-Schläger will Anwalt werden

Torben P. stammt aus geordneten Verhältnissen, Gymnasiast, Sportler. Niemand, von dem man annimmt, dass er ausrastet. Dennoch trat er auf dem U-Bahnhof Friedrichstraße einen Passanten bewusstlos. Wie konnte es dazu kommen?

Quelle: Reuters
24.04.2011 0:42 min.
Ein 29 Jahre alter Mann ist in der Berliner U-Bahn Station Friedrichstraße bewusstlos geprügelt worden. Die mutmaßlichen Täter haben sich gestellt.

Am Ostermontag konnte Markus P. das Krankenhaus, noch von Schnittwunden und Blutergüssen gezeichnet, wieder verlassen. Der 18-jährige Torben P. hatte den 29 Jahre alten Gas-Wasser-Installateur aus Marienfelde vergangenen Sonnabend ins Koma geprügelt. Angesichts der brutalen Bilder der Überwachungskamera vom U-Bahnhof Friedrichshain erscheint Markus' frühe Rückkehr aus der Klinik wie ein kleines Wunder.

Der geständige Täter Torben P. kann unter Auflagen bereits seit Sonntag seine Ferien genießen. Der 18-jährige Gymnasiast aus Heiligensee hatte sich am ersten Osterfeiertag ohne rechtlichen Beistand in der Wache des Polizeiabschnitts 11 an der Berliner Straße in Tegel gestellt. Der Schüler räumte vor Beamten den von ihm begangenen Gewaltexzess ein, erklärte die gravierende Straftat mit einer aggressiven Grundstimmung, im Zusammenhang mit vorherigem Alkoholgenuss. Seither muss er sich drei Mal wöchentlich bei der Polizei melden.

Doch wer ist Torben P. wirklich? Reporter, die sich an Hennigsdorfer Straße über den Jugendlichen aus "gutem Hause" erkundigen wollen, stießen auf eine Mauer des Schweigens.

Ein guter Bekannter von Torben hat am Dienstag mit der Berliner Morgenpost gesprochen. Er habe ihn auf dem Polizeivideo erkannt, konnte aber nicht glauben. Der 20-Jährige beschreibt Torben P. als geselligen, ruhigen Typ. Sowohl er selbst als auch Freunde von ihm seien bislang nie als gewaltbereit aufgefallen, auch nicht in angetrunkenem Zustand. Sicher sei, dass Torben P. des Öfteren Marihuana und Alkohol konsumiere, sagte der junge Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. In Torbens Freundeskreis soll es den einen oder anderen geben, der auch mal mit einer Schlägerei prahlen würde. Solche Jugendlichen treffe man jedoch überall, ob im Schulen oder Sportvereinen. Zudem berichtet der Bekannte, dass Torben seit gut drei Monaten eine feste Freundin habe und ihm von schönen Tagen mit ihr erzählt habe. Torben Berufswunsch sei eindeutig: "Er will Anwalt werden."

Der junge Mann, der von einem Richter Haftverschonung erhielt, obwohl er Markus P. mit einer Flasche niederstreckte und anschließend wie von Sinnen mit dem Fuß auf Markus Kopf eintrat, will also Anwalt werden. Und ein enger Bekannter beschreibt diesen Mann als "einen netten Riesen, einen guten Kerl". Widersprüche, die in der Nachbarschaft in Heiligensee niemand kommentieren möchte. Weder die Eltern, die einem bevorzugten Wohngebiet in einer Stadtvilla mit Blick auf den Nieder Neuendorfer See leben, noch die Nachbarn.

Torben P. besucht die Bettina-von-Arnim-Oberschule am Senftenberger Ring im Märkischen Viertel. Zuvor hatte Torben einige Schulwechsel durchgemacht, vom Bülow-Gymnasium auf die Schulfarm Insel Scharfenberg, von dort auf seine heutige Schule. Die Schulleistungen, so der enge Bekannte, hätten darunter nie gelitten. "Wer ständig Einsen schreibt, muss deswegen nicht die Schule wechseln." Unterschiedliche Quellen berichten, dass Torben P. als Jugendlicher über Jahre aktiver Kanusportler war. Als 15-Jähriger verpasste er bei Berliner Landesmeisterschaften als Vierter nur knapp das Siegerpodest. Auch an Geländeläufen nahm Torben als Jugendlicher teil. Außerdem angelt der junge Mann gern.

Auf seiner Facebook-Seite gibt der 18-Jährige an, sich für Kultur zu interessieren. Er hört gern Deutsch-Rap, verriet uns der anonyme Freund. Ohne dass er jedoch gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Musik möge, eher witzige Texte. Ein Jugendlicher, der in der gleichen Wohnanlage wie Torben und dessen Eltern lebt, beschreibt den 18-Jährigen als "etwas wunderlich".

Gewalt in der Berliner U-Bahn
9. April 2011: In einem Zug der U-Bahnlinie 9 pöbeln drei Mädchen wahllos Fahrgäste an. Eine 27 Jahre alte Frau, die dazwischengehen will, wird von dem Trio geschlagen und getreten.
26. März 2011: Im U-Bahnhof Kurfürstendamm wird ein 23 Jahre alter Mann von einer Gruppe Unbekannter attackiert und verletzt. Nach dem Vorfall gibt er an, er habe sich nur dank seiner Kampfsport-Erfahrung vor schwereren Verletzungen schützen und flüchten können. Der genaue Tathergang ist bis heute unklar.
20. Februar 2011: Im U-Bahnhof Hansaplatz wird ein Obdachloser von fünf bis sechs Personen angegriffen. Die Täter traktieren den 45-Jährigen mit Schlägen und Tritten und verletzen ihn schwer.
11. Februar 2011: Der 30 Jahre alte Malergeselle Marcel R. wird im U-Bahnhof Lichtenberg von vier Jugendlichen ins Koma geprügelt. Sein gleichaltriger Kollege kann leicht verletzt fliehen. Mit Hilfe der Videoaufzeichnung können die mutmaßlichen Täter ermittelt werden. Sie sind zwischen 14 und 17 Jahre alt und sitzen in Untersuchungshaft. Marcel R. erleidet bei dem Überfall schwere Hirnverletzungen und befindet sich derzeit in der Reha.
18. September 2010: Fünf Täter attackieren in einem Zug der Linie U6 mehrere Fahrgäste. Ein 19-Jähriger wird niedergestochen. Die Täter rauben sein Bargeld und sein Handy und fliehen am Bahnhof Platz der Luftbrücke. Zwei Monate später werden mehrere Verdächtige nach Veröffentlichung der Bilder der Überwachungskameras gefasst.
31. Dezember 2008: In der Silvesternacht wird ein 34 Jahre alter Mann am U-Bahnhof Haselhorst von vier Jugendlichen angegriffen. Das Opfer wird die Treppe hinuntergestoßen und durch eine Flasche am Kopf getroffen. Der Mann erleidet einen Schädelbruch und Hirnblutungen und muss mehrfach operiert werden. Die Täter im Alter von 17 bis 19 Jahren werden vom Landgericht zu Jugendhaftstrafen von dreieinhalb bis fünf Jahren verurteilt.
9. Februar 2008: Zwei Jugendliche rauben im U-Bahnhof Blissestraße einen 19-Jährigen aus und verletzen ihn schwer. Innerhalb von gut zwei Minuten prasseln nach Polizeiangaben 27 Schläge und 14 Tritte auf das Opfer ein. Die Täter werden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt.
9. Juni 2007: Ein 38 Jahre alter Afrikaner wird bei einem Angriff im U-Bahnhof Hermannstraße so schwer verletzt, dass er zu 80 Prozent gelähmt bleibt. Die zwei Täter im Alter von 37 und 39 Jahren werden zu Haftstrafen von dreieinhalb bis fünf Jahren verurteilt.
Quelle: po/lplet/mtt/KT
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