19.04.11

Wunschschule

Politiker fordern nun eine Wohnortquote

Viele Schüler haben keinen Platz an ihrer Wunschschule bekommen. Jetzt müssen sie häufig auf unliebsame Schulen am anderen Ende der Stadt ausweichen – langer Fahrtweg inklusive. Berlins Eltern wehren sich gegen die Auswirkungen.

Von Regina Köhler
Foto: ZB/DPA
Bildungspolitik entzweit Landtag
Nicht jeder darf auf die Schule seiner Wahl, viele Kinder scheitern an der neuen Schulplatzvergabe – eine Folge der umstrittenen Reform

Für Familie Gröbler aus Tempelhof-Schöneberg stimmt seit dem 9. April die Welt nicht mehr. An jenem Tag erhalten Heike und Christian Gröbler die Nachricht, dass es für ihren Sohn Lucas (12) keinen Schulplatz an der gewünschten Oberschule gibt – die Lichtenrader Carl-Zeiss-Sekundarschule ist zu stark nachgefragt. Doch es kommt noch schlimmer. Eine Woche später kommt erneut Post vom Schulamt. Man freue sich, Lucas einen Schulplatz an der Lichtenberger Schule am Rathaus zur Verfügung stellen zu können, schreibt ein Mitarbeiter des Amtes.

Heike Gröbler ist empört. "Abgesehen davon, dass Lucas mindestens 50 Minuten bis zur Schule bräuchte und aus seinem sozialen Umfeld herausgerissen wird, handelt es sich bei dieser Schule um eine ehemalige Hauptschule mit dem Schwerpunkt der Förderung von lernbehinderten und verhaltensauffälligen Schülern", sagt sie. "Eine derartige Schule haben wir für unseren Sohn, der einen Zensurendurchschnitt von 2,7 hat, nicht ausgewählt."

Die Berliner Schul-Misere trifft viele. Wie den Gröblers, die bereits im Eilverfahren gegen den Schulbescheid geklagt haben, geht es in diesen Tagen nicht wenigen Berliner Eltern. Sie haben ihre Kinder an einem Gymnasium oder einer Sekundarschule angemeldet und nun Schulplätze in anderen Bezirken angeboten bekommen, weil es mit einem Platz an der Wunschschule nicht geklappt hat. Dabei wurden für die Verteilung der Schüler erstmals neue Aufnahmekriterien angewandt. Besonders gefragte Schulen konnten sich 60 Prozent der Bewerber selbst aussuchen. Auf diese Weise hat sich ein knallharter Numerus clausus herausgebildet, weil die meisten Schulen ihre Schüler einzig aufgrund der Leistungen ausgewählt haben. Weitere 10 Prozent der Plätze wurden über eine Härtefallreglung verteilt, 30 Prozent verlost – Quotenschüler.

Laut Bildungsverwaltung haben sich 15.183 Schüler für einen Platz an einer Integrierten Sekundarschule und 11.604 für einen Platz an einem Gymnasium beworben. Während Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) betont, dass das neue Aufnahmeverfahren reibungslos verlaufen sei und 93 Prozent der Erstwünsche erfüllt werden konnten, gibt es harsche Kritik von Seiten der Eltern. Von Wunscherfüllung könne keine Rede sein, schimpft der Vorsitzende des Landeselternausschusses, Günter Peiritsch. "Die meisten Eltern haben doch taktisch gewählt, aus Angst davor, dass ihre Kinder an eine weit entfernte Restschule kommen könnten."

Kritik gibt es auch vom bildungspolitischen Sprecher der CDU. Sascha Steuer fordert, die Losquote abzuschaffen und stattdessen eine Regionalquote einzuführen. 20 Prozent der Plätze sollten zurückgehalten werden, um unzumutbare Schulwege zu vermeiden, sagt Steuer.

Überall regiert der Notenschnitt

Die Forderung, nachzubessern, kommt auch von Neuköllns Bildungsstadträtin Franziska Giffey (SPD). "Wir brauchen eine Wohnortquote", sagt sie. In Neukölln fehlten mehr als 100 Plätze an Gymnasien. Zwar konnten zwei zusätzliche Klassen innerhalb des Bezirks eingerichtet werden, 42 Schüler jedoch gingen leer aus – und bekommen nun ein Angebot am Carl-Friedrich-von-Siemens-Gymnasium in Spandau. "Der Schulweg beträgt knapp eine Stunde, da die Schule aber direkt an der U-Bahn liegt, müssen die Schüler wenigstens nicht umsteigen", sagt Schulstadträtin Giffey. Zufrieden mit dieser Lösung ist sie dennoch nicht.

Besonders groß ist der Ärger in Tempelhof-Schöneberg. Wie die Gröblers sind dort viele Familien in heller Aufregung. Der Bezirk musste mehr als 1000 Erstwünsche ablehnen. Das hat vor allem damit zu tun, dass fast alle elf Sekundarschulen des Bezirks, zu denen neben der Carl-Zeiss-Schule auch die Sophie-Scholl- und die Gustav-Heinemann-Schule gehören, übernachgefragt sind. So haben 851 Schüler anderer Bezirke einen Platz an diesen Schulen bekommen und die bezirkseigenen Kinder über den Numerus clausus verdrängt.

Aus eben diesem Grund hatte auch Lucas Gröbler an der Carl-Zeiss-Sekundarschule keine Chance. Die Schule, so heißt es im Ablehnungsbescheid des Bezirks, sei so stark nachgefragt, dass nur Kinder mit einem Notendurchschnitt von maximal 2,5 genommen worden seien. Alle anderen mussten auf das Losglück hoffen. Doch Lucas hatte kein Glück. Und auch mit seinem Zweit- und Drittwunsch klappte es nicht.

Mehr als einer Stunde Fahrtweg

Jessica Herde hat einem Notendurchschnitt von 2,5. Die Elfjährige hatte sich ebenfalls für die Carl-Zeiss-Schule entschieden. Auch sie ist dort abgewiesen worden. "Stattdessen haben wir einen Schulplatz an der Eckert-Sekundarschule in Friedrichshain angeboten bekommen", sagt ihre Mutter, Alexandra Herde. Das sei allein schon wegen des Fahrtweges von mehr als einer Stunde nicht zumutbar. "Außerdem befürchten wir, dass die Schülerzusammensetzung an dieser ehemaligen Hauptschule ungünstig ist." Gemeinsam mit weiteren betroffenen Familien aus der Grundschule ihrer Tochter wollen die Herdes gegen die Entscheidung des Bezirksamts vorgehen. Sie seien alle regelrecht verzweifelt, sagt Alexandra Herde. "Das ist ein Albtraum." Die Eltern wollen sich anwaltlich beraten lassen, darüber hinaus planen sie einen Sitzstreik vor der Schule.

Gnadenlosen Verdrängungswettbewerb

Dieter Hapel (CDU), Bildungsstadtrat von Tempelhof-Schöneberg, hat den Ärger kommen sehen. Er spricht von einem gnadenlosen Verdrängungswettbewerb. "An den gefragten Sekundarschulen haben sich sehr viele Schüler mit einer Gymnasialempfehlung angemeldet. Die klassischen Sekundarschüler hatten dort kaum eine Chance." Auch Hapel fordert jetzt, statt der Losquote eine Wohnbezirksquote einzuführen. Außerdem kritisiert er, dass Bildungssenator Zöllner die Schulreform viel zu schnell durchgezogen hat. "Den meisten Schulen blieb gar nicht genug Zeit, gerichtsfeste Profilkriterien für die Aufnahme der Schüler zu erarbeiten", so Hapel. Sie hätten deshalb allein auf den Notendurchschnitt der Bewerber gesetzt. Mit dem Ergebnis, dass es nun Sekundarschulen mit überwiegend leistungsstarken Schülern und Restschulen gebe, an die alle anderen Kinder verwiesen werden. "Das widerspricht den Zielen der Oberschulreform, mit der die ungeliebten Hauptschulen abgeschafft und eine bessere soziale Mischung der Schülerschaft erreicht werden sollten", sagt Hapel.

Wie Hapel warnt auch Paul Schuknecht, Vorsitzender der Vereinigung der Berliner Schulleiter, davor, dass es künftig Sekundarschulen erster und zweiter Klasse geben könnte. Wie an den früheren Gesamtschulen sollten an den Gymnasien und Sekundarschulen deshalb Aufnahmequoten festgelegt werden. So sollten etwa Sekundarschulen höchstens 40 Prozent Schüler mit gymnasialer Empfehlung aufnehmen dürfen. Nur so ließe sich eine gute soziale Mischung herstellen.

Letzter Ausweg Brandenburg

Heike und Christian Gröbler haben in den vergangenen Tagen viel telefoniert und versucht, selbst einen Schulplatz für Lucas zu finden. Ohne Erfolg. "Weder in unserem Bezirk, noch in den Nachbarbezirken oder an den in Frage kommenden Privatschulen ist noch Platz", sagt Heike Gröbler. Sie würden nun an eine Schule im Land Brandenburg ausweichen wollen, bekämen vom Bezirksamt aber keine Freigabe dafür.

Roger Gapp, Schulplaner in Tempelhof-Schöneberg, erklärt das so: "Die Bildungsverwaltung hat beschlossen, dass Eltern nicht ins Land Brandenburg ausweichen dürfen, solange es berlinweit noch freie Schulplätze gibt." Gapp rät allen Familien, zunächst auf das Schulplatzangebot des Bezirks einzugehen. "Sonst sind auch diese Plätze weg und die Kinder müssen noch weiter fahren, zum Beispiel nach Marzahn-Hellersdorf", sagt er. Ungeachtet dessen sei man bemüht, jeden Einzelfall zu klären. "Wenn uns zum Beispiel die Familie Gröbler nachweist, dass sie an der Schule ihrer Wahl im Land Brandenburg definitiv einen Platz bekommt, dann werden wir versuchen, das zu ermöglichen."

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