25.12.10

Einkaufen in Polen

Slubice – Schnäppchenjäger im Grenzgebiet

In der Weihnachtszeit fahren Tausende Deutsche ins polnische Slubice. Sie kommen nicht für einen besinnlichen Weihnachtsbummel, sondern sind auf gezielter Schnäppchenjagd

Von Jeanette Bederke
Foto: Johann Mueller
Alexandra Krüger (l.) und Jennifer Rozek aus Berlin am Stand von Dziadas Czestaw
Alexandra Krüger (l.) und Jennifer Rozek aus Berlin am Stand von Dziadas Czestaw

Die Weihnachtszeit ist für die Grenzstadt Frankfurt (Oder) nicht in erster Linie gleichbedeutend mit Vorfreude und Besinnlichkeit, sondern vor allem mit Gedränge und Stau. Fast wie in alten Zeiten, als lange Autoschlangen vor der Grenzabfertigung warteten, schieben sich auch jetzt wieder Blechlawinen durch die Stadt hin zur Oder. Die meisten Reisenden sind Deutsche, wie die Nummernschilder an den Autos erkennen lassen. Brandenburger und Berliner zuckeln kolonnenweise im Schritttempo über die Frankfurter Stadtbrücke ins Schnäppchenparadies Polen. Als Erstes drängen sie zu den grenznahen Tankstellen. Für umgerechnet 1,16 Euro pro Liter bleifreies Benzin nehmen sie schon mal Warteschlangen und Hektik in Kauf. Immerhin sparen sie gegenüber den deutschen Benzinpreisen 20 bis 30 Cent je Liter.

Kinderkleidung und Spielzeug

Auch Super- sowie Baumärkte in Slubice sind an den Adventswochenenden von Deutschen quasi okkupiert. "Ich bekomme hier die gleichen Markenprodukte wie in Deutschland – nur billiger", verrät Andrea Seitzer, die gemeinsam mit ihren beiden Kindern gerade das Eingekaufte im Kofferraum verstaut. Für die Berliner Familie ist das ein ganz normaler Wochenendeinkauf, der sie aufgrund der Preisersparnis jetzt häufig über die Oder lockt. "Für 50 Euro bekommst du hier im Gegensatz zu Deutschland den Einkaufswagen wirklich noch voll", bestätigt Robert Seitzer, der gerade einen Baumarkt verlässt. Doch vor Weihnachten geht es natürlich vor allem um die Geschenke. Und die besorgt die Berliner Familie am liebsten auf dem Grenzmarkt. Kinderbekleidung, Spielzeug, DVDs und Parfüm stehen auf der Einkaufsliste.

Der Bazar am südlichen Ende der polnischen Grenzstadt ist noch immer Hauptziel der deutschen Schnäppchenjäger vor Feiertagen. Ob Ostern, Pfingsten oder Weihnachten – einen Parkplatz zu finden ist dann angesichts des Kundenansturms rings um das Areal eine Glückssache. Der eigentliche Markt mit seinen 1200 Ständen ist vor fast vier Jahren bei einem großen Feuer abgebrannt. Der Wiederaufbau verzögert sich. Jetzt stehen die Fertigteil-Verkaufszeilen zwar endlich im überdachten Rohbau. Doch von einer Wiedereröffnung kann noch längst nicht die Rede sein. Den vierten Winter in Folge harren die Händler in einer provisorischen, zugigen Zeltstadt aus, die auf den ersten Blick eher Slums in der Dritten Welt ähnelt als einem Einkaufsparadies.

Ein Vergnügen ist der Einkaufsbummel nicht

Die deutschen Schnäppchenjäger stört das augenscheinlich nicht. Mit prall gefüllten Einkaufsbeuteln drängen sie durch die engen Gänge, vorbei an Stapeln bunter Weihnachtskugeln, grünen Advents-Gestecken mit Kerzen und kitschigen, künstlichen Blumen für fünf bis zehn Euro sowie blinkenden Lichterketten in Neonfarben. Sie haben keinen Blick dafür, dass die polnischen Händler dick vermummt in der Kälte stehen, von einem Fuß auf den anderen hopsen und die Arme wie Flügel um den Körper schlagen. Sie halten sich nur so lange in der Schnäppchen-Zeltstadt auf wie nötig. "Die meisten Kunden kommen gezielt, mit konkreten Kaufabsichten. Einfach so schlendert hier niemand entlang", erzählt Verkäuferin Marta Kowalska. Kein Wunder, denn ein Vergnügen ist der Einkaufsbummel über den provisorischen Markt, auf dem an jeder Ecke andere Musik dudelt, nun wirklich nicht. "Warme Getränke", erzählt Marta Kowalska lächelnd, seien letztlich das Einzige, was gegen den unbarmherzigen Frost helfe. "Da hat man zwar abends einen dicken Kopf, das ist aber egal, wenn die Kasse stimmt." Auf einen guten Verdienst zu kommen ist allerdings mühselig. Einen Euro bezahlen Kunden bei der Bäckersfrau beispielsweise für 100 Gramm Plätzchen oder Kekse. Nicht überall sind die Schnäppchenpreise so konstant, gibt sie zu bedenken. "Tabak ist teurer geworden, damit sind auch die Zigaretten nicht mehr so billig." Tatsächlich gibt es die Stange Glimmstängel jetzt für durchschnittlich drei bis vier Euro mehr. Je nach Marke berappen Raucher zwischen 19 und 28 Euro. Dennoch drängen sich um die Zigarettenstände die meisten Käufer.

Handel mit Böllern und Tieren

Zu bekommen ist auf Slubices Bazar auch, was eigentlich verboten ist – zumindest für die Einfuhr nach Deutschland. Nicht umsonst warnt der Zoll vor den sogenannten Polenböllern, die oftmals mit Sprengstoff gefüllt und in ihrer Wirkung damit unberechenbar sind. Wer gezielt danach sucht, bekommt die gefährlichen Knaller an Ständen am Rande des Marktes zu kaufen. Unübersehbar auch die sogenannte Hundemafia, die mit Körben, Kisten und Kartons voller Hunde- und Katzenbabys am Eingang des Bazars auf mitleidige Kunden wartet. "Welche Rasse wollen Sie: Boxer, Mops oder Rehpinscher?", fragt einer der geschäftstüchtigen Verkäufer, während die wenige Wochen alten Welpen zu seinen Füßen in der Kälte zittern. Doch damit nicht genug. "Ich habe auch Pitbulls", flüstert er fast schon verschwörerisch.

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