06.11.10

In der Falle

Ehemann hält Berlinerin im Libanon fest

Eine 19-Jährige Berlinerin sitzt nach einem Urlaub mit ihrem sechs Monate altem Baby gegen ihren Willen in Beirut fest. Ihr libanesischer Ehemann ließ die Rückkehr per Verfügung verbieten.

Von Tanja Kotlorz und Peter Oldenburger
Foto: ARD / NDR
Soukaina El R. und ihr sechs Monate alter Sohn. Die 19-Jährige wird derzeit im Libanon festgehalten
Soukaina El R. und ihr sechs Monate alter Sohn. Die 19-Jährige wird derzeit im Libanon festgehalten

Der Fall, über den das ARD-Magazin "Panorama" berichtete, sorgte am Freitag in Berlin für große Empörung. In dem Bericht wird schonungslos gezeigt, welche Gefahren die Eheschließung mit einem Mann aus einem islamgeprägten Staat haben kann.

Soukaina El R. ist in Berlin aufgewachsen und lebte bis vor knapp drei Monaten in Neukölln. Die 19-Jährige besitzt einen deutschen und einen libanesischen Pass. Das wurde ihr zum Verhängnis, sie und ihr kleiner Sohn werden mit Hilfe libanesischer Behörden seit Monaten in Beirut festgehalten. Ihr ist die Ausreise nach Deutschland verboten, weil ihr Mann dies bei einem Gericht so verfügt hat. Deutsche Behörden, wie etwa die Botschaft in Beirut, zeigen sich bislang machtlos, der jungen Frau zu helfen. Schuld sei das Familienrecht in dem politisch instabilen Mittelmeerstaat Libanon, dass nur Männern weit reichende Rechte einräumt, heißt es. Etwa, zu bestimmen, wo sich die Ehefrau aufzuhalten hat.

In die Falle gelockt

Soukaina El R. hatte vor zwei Jahren in Berlin einen heute 30 Jahre alten Libanesen geheiratet. Die junge Frau macht Abitur an der Elisabeth-Lüders-Oberschule in Schöneberg, wird schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Als sie ihrem Mann Fadi R., der nur aufgrund seiner Heirat ein Aufenthaltsrecht erhalten hat, von ihrem Wunsch erzählt, studieren zu wollen, wird sie geschlagen. Schnell steckt die Beziehung in einer schweren Krise. Fadi El R. überredet seine Frau zu einem Versöhnungsurlaub in seinem Heimatland, sie reisen mit dem Sohn Ende Juni nach Beirut. Dort beginnt ein Martyrium. Unmittelbar nach der Ankunft wird Soukaina El R. wieder von ihren Mann geschlagen, später auf subtile Art sogar massiv bedroht. Männliche Verwandte aus der Familie berichten, wie sie mit widerspenstigen Ehefrauen umgehen: Erschießen oder zerstückelt in den Bergen zurücklassen. Die 19-Jährige lebt in Angst, um sich und ihren sechs Monate alten Sohn Fadel, traut sich kaum auf die Straße. Dann ist plötzlich ihr Mann Fadi El R. verschwunden. Zurückgereist nach Berlin, erfährt sie, mit ihrem deutschen Pass. Sie will zurück nach Berlin, beantragt und erhält bei der deutschen Botschaft neue Papiere, besorgt sich Flugtickets. Zwei Monate nach ihrer Einreise verweigern Beamte am 18. August am Beiruter Flughafen Soukaina El R. den Zuritt ins Flugzeug. Gegen sie liege ein Ausreiseverbot vor. Verfügt von ihrem Mann, der längst wieder unbehelligt in der gemeinsamen Wohnung in Rudow lebt, während Soukaina El R. in der Falle sitzt.

Das sieht auch Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) so. "Es war bestimmt kein Zufall, dass ihr Mann mit der Familie nach Beirut reiste. Er wusste, welche Macht er als Ehemann dort hat", so Buschkowsky gestern der Berliner Morgenpost. Junge Leute müssten gewarnt ein, bevor sich in einen anderen Kulturkreis bewegen. Dessen Migrationsbeauftragten Arnold Mengelkoch erreichte der Hilferuf aus dem Libanon am 24. August. Gemeinsam mit der Gleichstellungsbeauftragten Sylvia Edler informierte Mengelkoch auch die zuständigen Polizeistellen über den Fall. Inzwischen versuchen Berliner und bundesdeutsche Behörden den Eindruck zu vermitteln, sich intensiv um das Schicksal der jungen Frau zu kümmern und ihre Ausreise aus dem Libanon zu ermöglichen. "Wir geben der Frau jede erdenkliche Hilfe, haben sie juristisch beraten, ihr und ihrem Kind neue Personaldokumente verschafft. Wir betrachten sie als Deutsche, jedoch sind uns Grenzen gesetzt", sagte gestern eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes. Sie räumte aber ein, dass die libanesischen Behörden eine gänzlich andere Auffassung hätten und die gerichtlichen Möglichkeiten von Soukaina El R. in der Heimat ihres Mannes wenig Sicht auf Erfolg hätten. Dennoch würden sämtliche Möglichkeiten, auch auf diplomatischem Wege, ausgeschöpft, um die Rückkehr von Mutter und Sohn nach Berlin zu ermöglichen, sagte die Außenamtssprecherin der Morgenpost Online.

Aufenthaltsrecht wird überprüft

Die Ausländerbehörde der Senatsinnenverwaltung hat Ermittlungen gegen Fadi El R. eingeleitet. Zurzeit wird von der Ausländerbehörde geprüft, ob die befristete Aufenthaltserlaubnis des 30-Jährigen beendet wird, weil seine Aufenthaltserlaubnis sich daraus herleitet, dass er mit einer deutschen Staatsangehörigen in Deutschland eine Ehe führt. "Da der Betreffende erkennbar die Ehe nicht in Deutschland führen will und zudem der Verdacht auf strafbare Freiheitsberaubung gegenüber seiner Ehefrau besteht, ergeben sich wahrscheinlich aufenthaltsrechtliche Konsequenzen", sagte Innensenator Ehrhart Körting (SPD). Nach 14 Tagen läuft heute für Fadi El R. die Frist ab, sich schriftlich zu äußern, sagte gestern Körtings Sprecherin. Der Mann habe auf dem Wege der Familienzusammenführung sein Aufenthaltsrecht für Deutschland gewährt bekommen. Somit spreche einiges dafür, dass ihm diese Gunst entzogen werde. Der 30-Jährige könnte schon bald ausgewiesen werden, obwohl er sich rechtlichen Beistand verschafft hat.

Die Ausweisung ihres Mannes könnte für Soukaina El R. gefährlich werden, fürchtet Sabatina James. Sie leitet einen Verein, der in erster Linie jungen Frauen beisteht, denen eine Zwangsheirat gegen ihren Willen droht. Im Fall der Soukaina El R. stellt der Verein einen Anwalt für die Scheidung. "Wir geben den Frauen psychologischen und moralischen Beistand, das ist wichtig, dass sie nicht das Gefühl haben, alleine zu sein." James sagt, sie habe Angst um Soukaina El R.. Unterdessen fühlt sich Soukaina El R. in Beirut ausgegrenzt. Für sie sei es ausgeschlossen, dort zu leben. "Mein Leben ist in Berlin", sagte sie der TV-Journalistin Tina Suliman.

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