Innovationen

Berlins erstes Start-up - Emil Rathenau und die AEG

Emil Rathenau schuf 1887 den Weltkonzern AEG. Vor 100 Jahren starb der Unternehmer. Berlin ähnelte damals dem heutigen mit seiner Gründerszene.

Foto: tba / dpa

Etwas mehr als zehn Jahre nach der deutschen Einheit herrscht Aufbruchsstimmung. Das Land, vor allem Berlin erlebt einen Wirtschaftsboom, eine neue Technologie erfasst alle Arbeitsbereiche und verändert nachhaltig das private Leben. Die Menschen ziehen in Scharen nach Berlin, Wohnungen, zumal bezahlbare sind knapp. Und mittendrin ein Mann unter Strom: Emil Rathenau. Es ist die Geschichte des Mannes, der 1882 von einer Glühbirne ausgehend einen Weltkonzern schuf, das moderne Marketing und das Corporate Design erfand.

Eines Mannes der den damals neuen Typus des strategischen Unternehmers verkörperte, im Gegensatz zum Unternehmer, der erfindet, und diese Erfindungen dann vermarktet wie Werner von Siemens, Chef des Industrieunternehmens Siemens & Halske, das schon existiert, als der Diplomingenieur Rathenau sich anschickt, Berlin und Deutschland zu verändern. Und es ist eine Geschichte mit erstaunlichen Parallelen zum Berlin des Jahres 2015. Heute vor hundert Jahren ist Emil Rathenau gestorben.

Berlin in den 60er- und 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts ähnelt dem heutigen mit seiner Gründerszene, wo ununterbrochen neue Ideen entstehen, Gründer groß denken, Bedenken beiseite wischen, einfach machen, scheitern, es noch einmal anders, vielleicht sogar größer versuchen. Und dieses kreative Schaffen zieht Menschen aus aller Welt an.

Heute ist es das Internet, das ganze Branchen aufmischt, Arbeit nachhaltig vereinfacht, Berufsbilder verschwinden, neue entstehen lässt. Kleine Firmen steigen binnen weniger Jahre zu börsennotierten Aktiengesellschaften auf. Zum Beispiel der Berliner Internethändler Zalando, der inzwischen auch der größte Internetmodehändler Europas ist.

Strategisch denken, groß denken

Natürlich ist der Vergleich etwas schief. Berlin hat, als Rathenau Unternehmer wird, noch keine Million Einwohner. Es gibt allerdings bereits Industrie, vor allem Maschinenbau. 1871 entsteht mit dem Kaiserreich der erste deutsche Nationalstaat, ein einheitlicher Wirtschaftsraum. Das Eisenbahnnetz schließt auch entlegene Gebiete an die großen Städte an. Es gibt in der Folge einen wahren Wirtschaftsboom im Reich. Und Berlin ist die Hauptstadt. Das Wachstum hier ist besonders rasant. 1877 ist die Millionen-Einwohner-Grenze überschritten. Im selben Jahr wird der S-Bahn-Ring geschlossen. Es ist immer noch das Zeitalter des Dampfs als treibender Kraft, doch das soll sich bald ändern.

Rathenau wird am 11. Dezember 1838 in Berlin als Sohn eines Kaufmanns geboren. Er lernt später in der Maschinenbaufabrik des Onkels in Schlesien und studiert danach in Hannover und Zürich. Seine Berufslaufbahn startet er in "Feuerland", jenem Teil nördlich der heutigen Tor- und entlang der Chausseestraße, in dem die meisten Maschinenbauunternehmen angesiedelt sind. Über dem Gebiet rauchen die Schlote ununterbrochen. Rathenau arbeitet in der Lokomotivfabrik August Borsig, der größten ihrer Art in Europa, geht dann zwei Jahre nach England. Kauft bei seiner Rückkehr eine Maschinenbaufabrik, steigt 1873 wieder aus, versucht, in Berlin ein Fernsprechnetz zu installieren, scheitert, will mit Werner von Siemens gemeinsam eine elektrische Straßenbeleuchtung in Berlin aufbauen, scheitert.

Dann kommt das Jahr 1881, die Internationale Electricitäts Ausstellung in Paris. Rathenau schaut sich die neueste Erfindung aus den USA an: Thomas Alva Edison zeigt seine Glühbirne – und Rathenau erkennt die Zukunftschancen des Produkts. Ob er bereits alles, was folgen sollte, vorhergesehen hat? Jedenfalls denkt er strategisch – und vor allem groß.

Rathenau sichert sich die Lizenzen Edisons für Deutschland und gründet 1883 die Deutsche Edison Gesellschaft mit Sitz in der Schlegelstraße 26 in Mitte, aus der vier Jahre später die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft AEG werden sollte. Ausgehend von der Glühbirne kommt eins zum anderen: Wer seine Wohnung im hellen Licht erstrahlen lassen möchte, braucht Strom. Für Strom sind Kraftwerke nötig, Übertragungskabel. In Fabriken lassen sich die Dampfmaschinen durch weniger anfällige Elektromotoren ersetzen. Das alles liefert AEG im Laufe der Zeit.

Bereits 1884 schließt Rathenaus AEG gemeinsam mit Siemens & Halske den ersten Konzessionsvertrag für das Berliner Stromnetz ab. Erster Kunde ist das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, das erste öffentliche Kraftwerk Deutschlands wird schräg gegenüber errichtet. Es ist die Keimzelle der späteren Bewag (heute Vattenfall). Der Siegeszug des neuartigen Lichts durch die Stadt beginnt, die Energiewende der Gründerzeit nimmt ihren Lauf und Berlin ist auf dem Weg zur "Elektropolis", wie ein zeitgenössisches Schlagwort heißt. Auch das erinnert stark an die Versuche heute, die Stadt als Vorbild in Sachen Elektromobilität aufzustellen.

1887 wird das Kapital von fünf auf zwölf Millionen Reichsmark erhöht, Deutsche Bank und Siemens & Halske steigen bei AEG ein, heute wären es vermutlich Risikokapitalgeber. Mit Konkurrent Siemens schließt Rathenau einen Vertrag, der die Interessen abgrenzt – und AEG freie Hand bei seinen Geschäften gewährt. Damals ist das Unternehmen bereits international tätig, beschäftigt 3000 Mitarbeiter und bietet alles, was an Starkstromtechnik wichtig ist. Rathenau setzt zunächst vor allem auf Bahntechnik und Kraftwerke. Und weil sich viele Kommunen die Anlagen nicht leisten können, bietet AEG den Bau und Betrieb von Straßenbahnen und Kraftwerken an – mit der Option, sie an die Kommunen zu verkaufen, sollten die einmal genug Geld haben. Ein für die damalige Zeit höchst neuer Ansatz.

Aggressives Marketing

Rathenau sieht im Strom die Zukunft. Er kann aus seiner Sicht Menschen ersetzen, die Produktion rationalisieren und in der Folge die Preise senken. Und Rathenau wagt Neues. Wechselstrom lässt sich bislang nicht über lange Strecken übertragen? AEG schafft es und baut 1891 die erste Überlandleitung, der Beginn der Elektrifizierung Deutschlands. Natürlich verbunden mit jeder Menge Aufträgen für AEG. Rathenau kauft Patente, setzt nicht so sehr auf Eigenentwicklungen, dafür beobachtet er den Markt, verkauft mit aggressivem Marketing, vergrößert das Unternehmen strategisch – alles Eigenschaften, die neu sind für Unternehmer dieser Zeit. Heute sind sie Merkmale frisch gegründeter Unternehmen wie dem Vermittler Delivery Hero (Bringdienste) und Helpling (Putzhilfen). Die Strategie: Möglichst schnell möglichst Nummer 1 werden. Und in einem zweiten Schritt Geld verdienen. So lief bisher auch die Geschichte von Zalando, das 2014 im Jahr sechs nach der Gründung erstmals operativ schwarze Zahlen schrieb.

Im AEG-Reich wird eine elektrische U-Bahn geplant. Das Unternehmen baut im bergmännischen Schildvortrieb den Straßenbahntunnel zwischen der Halbinsel Stralau und Treptow, er gilt als Vorläufer der U-Bahn. 1900 der Fön erfunden, der Begriff 1909 geschützt. 1901 steigt der Konzern in den Autobau ein, 1910 in den Flugzeugbau. 1907 stellt Rathenau den Architekten Peter Behrens ein, der mit seinen Industriebauten große Teile Berlins geprägt hat, unter anderem den AEG-Standort Oberschöneweide – ein Naherholungsgebiet an der Spree, bevor Rathenaus Konzern dort groß vorlegte. Behrens entwickelt als künstlerischer Berater ein einheitliches Logo für AEG, gestaltete alle Endkundenprodukte, Werbemittel.

Zum Beginn des Ersten Weltkriegs gehört AEG zu den größten Konzernen der Elektrobranche weltweit. Der Konzern beschäftigt rund um den Globus etwa 70.000 Mitarbeiter. Zum Unternehmen gehören Kraftwerke, Schwerindustriebetriebe, Maschinenbaufirmen, Elektrizitätswerke, Hausgeräteproduktion. Rathenau hat da die Geschäfte bereits an seinen Sohn Walter übergeben, der später Außenminister der Weimarer Republik werden sollte. Am 20. Juni 1915 stirbt Emil Rathenau an den Folgen seiner Diabetes-Erkrankung. Sein Sarg wird im Kabelwerk Oberspree an der Wilhelminenhofstraße zur Trauerfeier aufgebahrt. Das Werk hatte er 1897 gegründet. Es war der Kern der AEG-Stadt Oberschöneweide. Um 1900 arbeiteten bereits rund 19.000 Beschäftigte hier.

Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte AEG nicht an alte Erfolge anknüpfen, das Unternehmen meldete 1982 Insolvenz an, die Reste gingen in Daimler auf. Die Marke gehört dem schwedischen Elektrolux-Konzern, der Lizenzen vergibt. Das große Bahnwerk in Hennigsdorf ist heute Teil von Bombardier, die Turbinenhalle an der Huttenstraße von Siemens. Im Kabelwerk Oberspree ist heute unter anderem die Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin untergebracht. Europaweit schlägt aber immer noch der Puls der alten, großen AEG unter Rathenau: Die Wechselstromfrequenz von 50 Hertz in den Leitungen geht zurück auf jene Frequenz, die AEG intern für seine Drehstromanlagen als normal festgelegt hatte. Sie gilt inzwischen überall in Europa.

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