Kommentar

Die Charité und ihr heimlicher Mäusebunker

Die Charité baut ein neues Tieraufzuchtslabor. Dann können in Berlin mehr als 100.000 Tiere gezüchtet werden. Die menschliche Gesundheit gerät dabei immer mehr aus dem Blick, sagt Jens Anker.

Es ist wohl das schlechte Gewissen gewesen, das die Wissenschaftsverwaltung die Nachricht ganz hinten in die 6. Antwort der Kleinen Anfrage verstecken ließ: Schon im Mai haben – von kaum jemanden bemerkt – die Arbeiten zu einem weiteren "Mäusebunker" in Buch begonnen. Neben dem Max-Delbrück-Centrum im Norden Berlins lässt auch die Charité ein neues Tierversuchslabor errichten.

Vergeblich haben sich die Beteiligten bemüht, die Nachricht unter dem Deckel zu halten, denn die Tierversuche sind sehr umstritten. Die Verwaltung zuckt auf Nachfrage mit den Schultern, die tierpolitischen Experten im Abgeordnetenhaus wussten nach eigenen Angaben nichts von dem Bauvorhaben.

Künftig können in Berlin mehr als 100.000 Tiere gleichzeitig für Tierversuche aufgezogen werden. Im vergangenen Jahr wurden in Berlin 1,2 Millionen Tiere zu Versuchszwecken gehalten – eine unvorstellbar hohe Zahl. Dabei ist längst bekannt, dass die Erkenntnisse aus Tierversuchen nur beschränkten Nutzen für die menschliche Gesundheit haben. Längst werden alternative Methoden erforscht, die sich besser auf den Menschen übertragen lassen. Nur nicht in Berlin.

Kritiker sehen sich bestätigt. Die Tierversuchslobby hat sich verselbstständigt und bewegt sich immer weiter weg von ihrem ursprünglichen Ziel. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um ein sich selbst vervielfältigendes Phänomen: Tierversuche schaffen immer mehr Tierversuche. Die menschliche Gesundheit gerät immer mehr aus dem Blick.

Das Berliner Abgeordnetenhaus darf sich düpiert fühlen, denn der zweite Neubau wurde genehmigt, obwohl sich alle Parteien für die weitgehende Abschaffung von Tierversuchen ausgesprochen haben. Schon der erste Neubau hat heftige Kritik hervorgerufen, sodass die Beteiligten nun nicht neuen Ärger provozieren wollten. Dass der Charité-Neubau ausgerechnet unter der Fahne des Berliner Instituts für Gesundheitsforschung (BIG) läuft, ist eine besondere Ironie des Schicksals. Das BIG soll vor allem die Forschung näher an die klinische Anwendung binden. Durch den Bau eines weiteren Mäusebunkers geschieht genau das Gegenteil.

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