Verkehrspolitik

Radfahrer auf Berlins Straßen werden jetzt gezählt

Mit „Zählschleifen“ aus Draht werden Berlins Fahrradfahrer nun erfasst - ganz automatisch, beim Darüberfahren. Die Daten sollen Aufschluss über die Verteilung des Radverkehrs in der Stadt geben.

Foto: dpa Picture-Alliance / Britta Pedersen / picture alliance / ZB

Bei Berlins Radfahrern ist es wie mit den Schlaglöchern auf den Straßen: Sie vermehren sich unkontrolliert. Besonders jetzt, wo der Frühling kommt. Wie viele Radler es gibt, konnte der Senat bislang nur grob schätzen. Das soll sich jetzt ändern. An 17 Standorten im gesamten Stadtgebiet werden bis 2016 insgesamt 26 Dauerzählstellen für Fahrradfahrer installiert. Die erste ging Ende März an der Jannowitzbrücke in Betrieb.

Die Radler bekommen von der Zählung kaum etwas mit. Gezählt wird mit sogenannten "Zählschleifen" aus Draht, die in die Straße eingelassen sind. Beim Überfahren lösen sie einen Impuls aus. "Durch das Muster des dabei erzeugten Induktionsfeldes wird sehr präzise erkannt, ob es sich um ein Fahrrad oder ein Kraftfahrzeug handelt", erklärt Burkhard Horn, Verkehrsplaner bei der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt. Die Zählschleifen können überall eingesetzt werden, auf Radwegen und auf der Fahrbahn. Sie liefern permanent Daten. Zu jeder Zeit, bei jedem Wetter.

Das ist ein deutlicher Fortschritt zum bisherigen Verfahren. Einmal jährlich gab es Zählungen an acht verschiedenen Standorten – von Hand. So kommt der recht vage Wert von 15 Prozent zusammen, mit dem der Senat den Anteil der Fahrradfahrer am gesamten Verkehrsaufkommen beziffert. Inzwischen dürften es deutlich mehr sein. Die Zähler sollen helfen, die Rad-Infrastruktur auszubauen und sicherer zu machen.

In anderen Städten ist das Verfahren schon Standard

Wo ist das Aufkommen besonders hoch? Und zu welcher Tageszeit? Und wo ist nichts los? Der Senat erhofft sich Aussagen "zur Verteilung des Radverkehrs bezogen auf Stunden, Tage und Monate oder zum Einfluss des Wetters auf den Radverkehr". Das gehört zur Erfüllung der sogenannten "Radverkehrsstrategie". Die gibt unter anderem vor: Der Anteil der mit dem Rad gefahrenen Strecken soll bis 2025 auf 20 Prozent erhöht, die Anzahl der jährlich getöteten Radfahrer um 40 Prozent gesenkt werden. Im vergangenen Jahr waren es zehn, einer mehr als 2013.

Berlin hinkt hinterher, in anderen Städten wie Köln, Dresden oder Wien sind Dauerzählstellen längst Standard. Der Fahrradclub ADFC Berlin hält die Berliner Zahl von 26 Zählern zudem nicht für ausreichend. "Vor allem in Ballungsräumen mit vielen Radlern wie Mitte, Kreuzberg oder Prenzlauer Berg müsste noch genauer gezählt werden", sagt Sprecher Bernd Zanke, der den Start des Projekts insgesamt aber begrüßt. "Die Einführung war unbedingt notwendig", sagt auch Stefan Gelbhaar, Verkehrsexperte der Grünen.

In der Opposition ist man aber irritiert, warum die Zähler erst jetzt kommen. "Die Mittel wurden bereits 2013 beschlossen", so Gelbhaar. Für 2015 stehen 88.378 Euro und 33 Cent bereit. Die Grünen bezeichnen das Vorgehen des Senats als "unambitoniert", auch weil es ihnen nicht weit genug geht. In Kopenhagen etwa würde nicht nur gezählt, sondern Detekotren oder Wärmbildkameras für smarte Ampeln genutzt, die grüne Wellen für Radfahrer erzeugen. "Das ist kein Zauberwerk, sondern einfach engagierte Verkehrspolitik", sagt Gelbhaar. Auch ein von den Grünen favorisiertes GPS-Tracking via App, das Fahrradfahrer kostenlos und anonym nutzen könnten, lehnt der Senat nach Morgenpost-Informationen ab.

In Berlin sterben überproportional viele Radfahrer im Verkehr

Berlin könnte Fortschritte gebrauchen. Beim bundesweiten Fahrradklimatest des ADFC belegte Berlin unter allen deutschen Städten mit mindestens 200.000 Einwohnern nur Rang 30 von 39. Der Autoclub ADAC kritisiert: In Berlin sterben überproportional viele Radfahrer im Straßenverkehr. Doch Experten sind skeptisch, ob die Erkenntnisse aus den Zählungen auch tatsächlich genutzt werden. Es wäre nicht die erste Enttäuschung. So wurden in einer aufwändigen Online-Befragung unter 27.000 Berlinern die größten Gefahrensteller für Radfahrer ermittelt. Die Umsetzung auch nur einer einzigen Maßnahme steht bis heute aus.

Zudem werden Gelder, die eigentlich zur Verfügung stehen, nicht ausgegben. 2013 und 2014 hatte der Senat insgesamt 11,5 Millionen Euro für Neubau und Sanierung von Radwegen bereit gestellt. Nur drei Viertel wurden abgerufen. Ein Grund: mangelhafte bis fehlende Abstimmung unter den einzelnen Behörden. "Es muss endlich mehr qualifiziertes Personal für den Radverkehr in der Hauptverwaltung und in die Tiefbauämter der Bezirke eingestellt werden", fordert ADFC-Chefin Eva-Maria Scheel.

Für 2015 plant der Senat die Beschilderung weiterer Fahrradrouten sowie rund 1000 Abstellanlagen an Bahnhöfen. Dazu den Bau von 20 Kilometer neuen Radwegen und -straßen sowie zehn Kilometern Sanierung. Sechs Millionen Euro stehen für letzteres bereit. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Im "Nationalen Radverkehrsplan 2020" beziffert die Bundesregierung den Bedarf für Städte und Kommunen – egal welcher Größe – auf fünf Euro pro Einwohner. Minimum. In Berlin sind es gerade mal 1,70 Euro.

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