Berliner Tandemfahrt

Warum Imame und Rabbiner sich zusammen aufs Rad schwingen

Am Sonntag fahren Berliner Imame und Rabbiner zusammen auf Tandems durch die Stadt – als Symbol für Dialog und Verständigung. Sie sollen von rund tausend Berlinern begleitet werden.

Foto: Tino Pohlmann

Fürs Pressefoto haben Ferid Heider und Daniel Alter schon geübt. Das Bild zeigt den Imam der muslimischen Spandauer Teiba-Gemeinde und den Rabbiner der Jüdischen Gemeinde auf einem Tandem. So wollen sie am Sonntag durch die Innenstadt fahren. Sieben weitere Imame und drei weitere Rabbiner wollen ebenfalls gemeinsam in die Pedalen treten. "Für ein gesundes Klima untereinander und gegen alle Formen von Fremdenhass", so formuliert es Imam Ferid Heider. "Gegen pauschale Islamfeindlichkeit", sagt Rabbiner Daniel Alter.

Die Veranstalter rechnen damit, dass rund tausend Fahrradfahrer den Rabbinern und Imamen folgen werden. Los geht es um 17 Uhr an der Westseite des Brandenburger Tores. Der Treffpunkt ist nicht zufällig gewählt – das Mahnmal zur Erinnerung an den Holocaust ist gleich nebenan. Weitere Stationen sind die Synagoge in der Oranienburger Straße, das Jüdische Museum in der Kreuzberger Lindenstraße sowie die Mevlana-Moschee am Kottbusser Tor in Kreuzberg und die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm in Neukölln. Gegen 19 Uhr wollen die Imame und Rabbiner ihren Endpunkt an der Veranstaltungsstätte "Station Berlin" am Gleisdreieck-Park erreichen.

Imam wart vor Berliner No-Go-Areas für Juden

Fazli Altin, Imam der Mevlana-Moschee und bis November vergangenen Jahres Präsident der Islamischen Föderation, wird ebenfalls aufs Tandem steigen. Man habe zuletzt viel über No-Go-Areas für Juden gelesen. "Das darf es nicht geben", sagt Altin, und man müsse dagegen ein deutliches Zeichen setzen. Auf der anderen Seite sei er dankbar, dass sich Rabbiner mit der gemeinsamen Aktion gegen Islamfeindlichkeit positionierten. Yitshak Ehrenberg, Rabbiner der Zentralen Orthodoxen Synagoge in der Joachimsthaler Straße, sieht es ähnlich. "Wir müssen zeigen, dass man seine Religion pflegen kann und trotzdem respektvoll und tolerant miteinander umgehen muss", sagt Ehrenberg.

Wie nötig das ist, zeigt ein Blick auf die Kriminalstatistik. So registrierte die Polizei im vergangenen Jahr 192 Delikte mit antisemitischem Hintergrund. Darunter waren vier Körperverletzungen. Die meisten Taten werden Rechtsextremisten zugeschrieben. Doch auch in einem Teil der muslimischen Community ist Antisemitismus salonfähig. Erst im Juli vergangenen Jahres "betete" ein Imam in der Neuköllner Al-Nur-Moschee dafür, dass Allah die "zionistischen Juden" vernichten möge. Nach der israelischen Militäroffensive im Gaza-Streifen skandierte ein Mob aufgebrachter muslimischer Jugendlicher: "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein." Hetze, Drohungen und Gewalt richten sich auch gegen Muslime. So registrierten die Behörden zwischen 2012 und 2014 bundesweit 78 Attacken auf Moscheen. Auch in Berlin werden muslimische Gebetshäuser attackiert. Mal finden sich davor blutende Schweinsköpfe, mal islamfeindliche Schmierereien oder Hakenkreuze. Mal wird der Briefkasten aufgebrochen.

Imame und Rabbiner auf Tandemfahrt während der Bicycle Week

Organisiert wird die Tandemfahrt von den Machern der Berlin Bicycle Week, der Initiative Clevere Städte, die sich für die Interessen von Radfahrern einsetzt, und dem Projekt Meet2Respect des Vereins Leadership Berlin. Die meisten Rabbiner und Imame hätten bei der Anfrage sofort zugestimmt. "Den ein oder anderen mussten wir aber erst überzeugen", sagt der Geschäftsführer der Initiative, Bernhard Heider. Wegen der unterschiedlichen Positionen zum Nahostkonflikt hätten einige sich Bedenkzeit erbeten. Zehn Tandems mit Rabbinern und Imamen will er bis Sonntag noch zusammenbringen. Wer mit wem unterwegs sein wird, ist noch nicht geklärt. Ebenso wenig wer lenken und wer "nur" treten darf. "Aber daran wird es nicht scheitern", sagt Heider.

Auch ihm geht es um ein Symbol des Miteinander. Etwas mulmig ist ihm schon. "Den israelisch-palästinensischen Konflikt sollten wir bei der Fahrt besser ausklammern", sagt Heider. Es gehe darum, ein Zeichen auszusenden, an dem sich Juden und Muslime in anderen Teilen der Welt orientieren könnten. Dies sei sinnvoller, als den Blick auf Konflikte in anderen Ländern zu richten. "Es geht um das friedliche Zusammenleben der Anhänger unterschiedlicher Religionsgemeinschaften und nicht um Politik", sagt Bernhard Heider. Auch sein Namensvetter, der Imam Ferid Heider sagt: "Beim Nahost-Konflikt sind unsere Ansichten unterschiedlich. Aber wir müssen lernen, das auszublenden." Angst, dass das misslingt hat er nicht. Er habe ja häufiger Kontakt mit Rabbinern, etwa bei gemeinsamen Besuchen in Schulklassen. Etwas Angst hat er vor der gemeinsamen Tandemfahrt mit den Rabbinern aber dennoch. Ferid Heider: "Ich hoffe, dass ich nicht hinfalle und mir ein Bein breche. Tandem bin ich schließlich vorher noch nie gefahren."

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