Kommentar

Wir entwickeln uns wieder zu Neandertalern

Die Menschheit neigt zur Verrohung, dumpfes Grunzen ersetzt in den Debatten inzwischen die Argumente. Es herrscht globaler Stress. Höchste Zeit, an die Grundlage unseres Zusammenlebens zu erinnern, meint Hajo Schumacher.

Es ist schlicht widerwärtig, dass Menschen wegen ihres Glaubens gejagt werden, dass Polizisten vor Kindergärten stehen und Berliner Kieze zu No-go-Areas erklärt werden. Aber der Antisemitismus ist nur Indiz für eine generelle Verrohung, die alle Bereiche der Gesellschaft schleichend infiziert.

Wenn eine Boulevardzeitung gegen "die gierigen Griechen" fährt, wenn ein Politiker erklärt, dass "die" Araber weniger Hirn hätten, wenn Horst Seehofer seine Maut gegen "die Ausländer" setzt, wenn die Masernimpfung genügt, um eine quasi-religiöse Debatte mit reichlich Verschwörungstheorien zu führen, dann muss man massive regressive Tendenzen diagnostizieren, zu Deutsch: Wir erleben eine Re-Neandertalisierung. Zurück auf die Bäume, in die Schützengräben, Keulen raus und angstvolles Zuschlagen. Fort sind alle kulturellen Krusten, dumpfes Grunzen ersetzt Argumente. Zuhören, austauschen, abwägen – was war das gleich noch mal?

Lange Jahre waren wir überzeugt, dass die Menschheit automatisch zu mehr Miteinander und Toleranz fände. Francis Fukuyama, der unglückliche Tropf, prophezeite 1992 das "Ende der Geschichte". These: Totalitäre Systeme sind zum Scheitern verurteilt, es siegt der natürliche Drang der Menschen zur Demokratie. Das Gegenteil ist richtig. Ob Ungarn oder Russland, Argentinien oder Mexiko, die Länder des "arabischen Frühlings" – nirgendwo haben sich Gesellschaften demokratisch fortentwickelt. Türkei? Atatürk war weiter als Erdogan. Griechenland? Linksaußen koaliert mit Rechtsaußen – historisch die politischen Strömungen, die weltweit führend sind im Betreiben von Internierungslagern. China? Gewaltige gesellschaftliche Verwerfungen. Indien? Der harsche Traditionsbruch entfesselt unglaubliche Alltagsbrutalität.

Das Zeitalter des Die-da-ismus

Es herrscht globaler Stress. Überall brodelt und flirrt es: Was machen die da mit unseren Daten? Was machen die da mit unserem Essen? Was mit unseren Lebensversicherungen? Wir leben im Zeitalter des Die-da-ismus: überall geheimnisvolle Mächte, die uns bedrohen. Nicht nur Pegida-Marschierer, auch viele andere Bürger hegen ihre Verschwörungstheorien, igeln sich ein, suchen als Antwort auf eine entfesselte Globalisierung die Sicherheit im eigenen Stamm. Jeder, der sichtbar nicht dazu gehört, fängt sich eine, das kann wegen eines Kopftuchs sein oder wegen einer Kippa. Was Wunder, dass uralte Vorurteilsmuster wie der Antisemitismus sofort wieder auftauchen.

Höchste Zeit, an die Grundlage unseres Zusammenlebens zu erinnern, einen Text, der auf Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, auf Menschenwürde, Respekt und Toleranz basiert. Manche erinnern sich dunkel: Man nennt es Grundgesetz.

Zur Startseite